Muamina (links) sei die wahre Heldin, meint Ruth. © AI / mre
Muamina (links) sei die wahre Heldin, meint Ruth. © AI / mre

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte Muamina und Ruth

Von Manuela Reimann Graf. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2016.
Zwei Mal flohen Muamina und ihre Kinder aus Syrien in die Schweiz. Aber erst beim zweiten Mal konnten sie auch bleiben. Eine ganz wesentliche Rolle spielt dabei Ruth, die Muamina 2008 in der Asylunterkunft kennen gelernt hatte und die seither immer für sie da ist.
Februar 2014. Istanbul

Endlich, endlich kam der langersehnte Anruf: «Ruth, hier Muamina. Wir sind da, in Istanbul.» Muamina hatte die Flucht aus Syrien geschafft – mit Bussen, in Autos von Helfern und langen Strecken zu Fuss, im Regen. Allein, mit ihren fünf Kindern zwischen zwei und zehn Jahren. Sie war irgendwo am Stadtrand von Istanbul angekommen. Die syrische Kurdin hatte keine Ahnung, wie sie zu ihrem Ziel, der Schweizer Botschaft im Stadtzentrum, gelangen sollte. Sie konnte kein Türkisch. Alle hatten Hunger. Und immer noch grosse Angst. Sie liefen einfach los. Liefen und liefen. «Glücklicherweise stiess ich auf eine Frau, die auch kurdisch sprach und die uns bei sich aufnahm. Endlich konnte ich Ruth anrufen.»

«Ich wusste, ich musste alles versuchen, um Muamina aus Syrien herauszuholen. Nur schon wegen der Kinder.»

Am anderen Ende des Drahtes, weit weg in der Schweiz, nahm Ruth Zimmermann das Telefon ab. «Am Anfang dieses Gesprächs konnten wir beide nur weinen. Vor Erleichterung», erzählt Ruth. «Doch dann sofort die bange Frage: Und jetzt, wie weiter?» Ruth hatte Muamina zur Flucht nach Istanbul gedrängt, um dort auf der Schweizer Botschaft Asyl zu beantragen. Denn in Syrien war Krieg ausgebrochen. Die syrische Regierung ging immer härter gegen die Bevölkerung vor, die Lage wurde immer gefährlicher, gerade für KurdInnen. Ruth: «Ich wusste, ich musste alles versuchen, um Muamina aus Syrien herauszuholen. Nur schon wegen der Kinder. » Irgendwie überzeugte Ruth ihre Freundin also, zur Schweizer Botschaft in die Türkei zu reisen. «Aber ob sie eine so gefährliche Reise allein schaffen würde? Ob sie diesmal Asyl erhalten würden, nicht so wie beim ersten Mal, als ich sie in der Schweiz kennengelernt hatte?» Es folgten viele Abklärungen und lange Telefonate mit Muamina, deren Handy immer wieder teuer aufgeladen werden musste. Sehr langsam, in einfachstem Deutsch, erklärte Ruth ihr jeweils die nächsten Schritte. Ruth musste ausserdem wegen Schwangerschaftsbeschwerden die Gespräche immer wieder unterbrechen. «Endlich hatte ich Muamina am Draht und ausgerechnet dann wurde mir wieder schlecht und ich musste davonrennen.»

Muamina war diesmal mit den Kindern allein aus Syrien geflohen. Ohne ihren Mann Muhammad. Dieser war bereits zuvor geflüchtet, nachdem er in Damaskus längere Zeit im Untergrund gelebt hatte. Mitglieder seiner und Muaminas Familie waren von syrischen Sicherheitsleuten immer wieder drangsaliert und nach seinem Aufenthaltsort befragt worden. Muamina wusste aber nicht, wo sich ihr Mann versteckte. Er hatte ihr seinen Aufenthaltsort wohlweislich nicht verraten, auch wenn sie deswegen in grosser Sorge um ihn war. Bevor Muamina mit den Kindern selbst Damaskus verliess, hatte sie von ihrem Mann drei angstvolle Monate nichts mehr gehört. Doch dann hatte Ruth angerufen und gesagt: «Muamina, Muhammad lebt! Es geht ihm gut.» Er hatte Ruth kontaktiert, nicht seine Frau, weil er immer noch Angst hatte, dass deren Telefon überwacht würde. So stellte die Schweizerin den indirekten Kontakt zwischen dem Ehepaar her. Muhammad war irgendwo unterwegs in Europa, Muamina allein mit den Kindern in Syrien. Und Ruth telefonierte abwechselnd mit beiden.

Muhammad gelangte an die Schweizer Grenze und stellte einen Asylantrag, dem diesmal stattgeben wurde – nicht so wie 2007, als sein Antrag abgelehnt worden war. Ruth sah nun die Möglichkeit, auch für Muamina und die Kinder ein Asylgesuch zu stellen und sie im Rahmen einer Familienzusammenführung in die Schweiz zu holen. Sie hatte die notwendigen Vollmachten dazu, Muaminas Vertrauen sowieso. Doch musste Muamina zuerst einmal aus Syrien heraus und irgendwo in eine Schweizer Botschaft gelangen. Jordanien? Türkei? Die beiden Frauen entschieden sich für die Türkei. Als es die zierliche Kurdin mit den fünf Kindern nach Istanbul geschafft hatte, wurde sie auf der Botschaft zunächst nicht vorgelassen. «Ruth hatte mir am Telefon erklärt, dass ich mich keinesfalls abwimmeln lassen dürfe. Also weigerte ich mich, das Schweizer Botschaftsgebäude zu verlassen, bis ich einen neuen Termin erhielt.»

Wieder setzte Ruth alle Hebel in Bewegung. Alarmierte die Amnesty- Asylbeauftragte Denise Graf, die mit dem Amnesty-Büro in der Türkei Kontakt aufnahm. In der Zwischenzeit wurde Muhammads Asylgesuch stattgegeben. Daraufhin klappte es auch mit der Einreisebewilligung für Muamina und die Kinder. Schon tauchte das nächste Problem auf: Die türkischen Behörden wollten sie nicht ausreisen lassen, weil sie sich illegal in der Türkei aufhielt. Muamina solle mit den Kindern in ein türkisches Flüchtlingslager gebracht werden, hiess es.

Was genau schliesslich dazu führte, dass Muamina und die Kinder doch ausreisen durften, weiss bis heute niemand. Nach drei Monaten kam eines abends um zehn Uhr endlich der erlösende Anruf von einem Amnesty-Vertreter in Istanbul. «Ich müsse um vier Uhr nachts mit den Kindern am Flughafen sein», sagt Muamina. «Die Kinder mussten beim Packen unserer Habseligkeiten helfen, so nervös war ich.» Nun ging es wieder in die Schweiz, in das Land, in welchem Muamina von 2007 bis 2010 gelebt hatte. Das Land, an das sie nicht nur gute Erinnerungen hatte. Wo sie aber auch viel Hilfe von Privatpersonen erhalten hatte. Vor allem von Ruth, die sie damals in den Bündner Bergen kennengelernt hat.

Juli 2010. Valzeina – Damaskus

«Muamina, wo bist du?» Ruth war gerade aus dem Urlaub im Ausland in die Schweiz zurückgekehrt und rief als Erstes ihre syrische Freundin an. Voller Angst, niemanden zu erreichen. Noch immer geschockt von dem, was während ihrer Ferien geschehen war. Sie hatte eben erfahren, dass Muamina mit der ganzen Familie ausgeschafft wurde, zurück nach Syrien. Gottseidank hatte Muamina das Prepaid-Handy, das Ruth ihr gegeben hatte, mitgenommen. Gottseidank konnte sich Muamina an Ruths Nummer erinnern, die diese der Analphabetin beigebracht hatte. Denn nur bei Ruths Nummer wagte Muamina, den Anruf anzunehmen. «Warum, warum nur haben sie das getan?», weinte Muamina. «Warum haben sie uns zurückgeschickt?»

«Wäre ich doch damals nicht in den Urlaub gefahren, vielleicht hätte ich etwas gegen den Horror tun können.» Ruth plagt sich noch heute mit Selbstvorwürfen. Muamina war während Ruths Urlaub allein mit dem Bus nach Chur gefahren. Sonst hatte meistens Ruth sie zum Gefängnis gebracht, in welchem Muhammad in Ausschaffungshaft sass. Doch die Fremdenpolizei hatte Muamina aufgefordert, ins Gefängnis zu kommen. «Nach einer Stunde Gespräch mit Muhammad kamen plötzlich Polizisten herein. Muhammad und mir wurden Handschellen angelegt», erzählt Muamina. «Unsere Sachen im Asylheim Flüeli in Valzeina seien in der Zwischenzeit gepackt worden.» Gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern wurde sie schon am nächsten Tag nach Damaskus geflogen. Gefesselt. Sie konnte die weinenden Kinder nicht trösten. Hatte Panik. Die brutale Ausschaffung der ganzen Familie sorgte für einigen Wirbel im Bündnerland. Ein Untersuchungsbericht entlastete die Bündner Behörden und stellte die Abwicklung der Ausschaffung als korrekt und für die Familie zumutbar dar. Die Medien berichteten, Amnesty protestierte und verlangte erfolglos weitere Abklärungen.

«Die Situation in Syrien wurden immer schrecklicher. Sie mussten raus aus Syrien, das war klar.»

Aber Muamina und ihre Familie waren längst in Damaskus. Muhammad war aus Angst vor Verhaftung sofort untergetaucht. Seine Frau und die Kinder waren bei Verwandten untergekommen, mussten den Aufenthaltsort aber immer wieder wechseln. Doch dann verlor Muamina bei einem erneuten, überstürzten Unterkunftswechsel das Handy. «Das war furchtbar», erinnert sich Ruth. «Tagelang versuchte ich Muamina zu erreichen, doch niemand nahm ab. Ich machte mir grosse Sorgen.» Irgendwie gelang es Muamina, sich ein neues Handy zu besorgen. Sie wusste Ruths  Nummer auswendig und konnte in die Schweiz telefonieren. Doch Ruth war keineswegs beruhigt: «Zwar erfuhr ich, dass in der Zwischenzeit nichts Schlimmes passiert war. Aber die Nachrichten über die Situation in Syrien wurden immer schrecklicher. Sie mussten raus aus Syrien, das war klar.» Und so kam Muamina mit den Kindern via Istanbul zum zweiten Mal in die Schweiz. Diesmal mit dem guten Gefühl, willkommen zu sein und bleiben zu können.

2009. Valzeina

Damals, als sie hochschwanger mit Mann und drei Kindern das erste Mal in die Schweiz gekommen war, war das noch ganz anders. Das Asylgesuch, das sie 2007 gestellt hatte, wurde abgelehnt, obwohl bekannt war, dass Kurden und Kurdinnen in Syrien kaum Rechte hatten und diskriminiert wurden. Sie durften die eigene Sprache nicht sprechen, ihre eigene Kultur nicht leben. Amnesty hatte längst über Folter und Misshandlung nach Protesten der kurdischen Opposition berichtet. Auch der Rekurs zum Asylablehnungsentscheid wurde abgewiesen. Muhammad wurde nach Chur in Ausschaffungshaft gesetzt. Muamina, die inzwischen Fatima geboren hatte, wurde mit den nun vier Kindern ins abgelegene Ausschaffungsheim «Flüeli» bei Valzeina in den Bündner Bergen gebracht. Ohne Ehemann fühlte sie sich als einzige Frau im Heim nicht sicher. Sie verstand kaum etwas, konnte die schriftlichen Anweisungen nicht lesen. Auch als später eine weitere Frau ins Flüeli kam, war Muamina nicht wohler. Das Zimmer, das sie mit ihren Kindern bewohnte, liess sich nicht abschliessen. Die Dusche musste sie sich mit den Männern teilen. Als gläubige Muslimin wohnte sie mit lauter fremden Männern, deren Sprache sie nicht verstand. Muamina verliess das Haus so gut wie nie, hielt sich fast nur drinnen in ihrem Zimmer auf. Dazu kam die nicht unbedingt freundliche Behandlung durch einige DorfbewohnerInnen, die sich über die Einrichtung eines Asylheims in ihrer Gemeinde nicht gerade gefreut hatten. Aber auch die Heimleitung sei nicht gerade zuvorkommend gewesen, erzählt Muamina: «Man gab mir nicht genug Milch für die Kinder. Nicht genug Windeln für das Baby.»» Aber es gab auch die anderen Menschen aus der Nachbarschaft. Leute, die sich zusammengetan hatten, um den Asylsuchenden im Flüeli zu helfen. Sie hatten den «Verein Miteinander Valzeina» gegründet und setzen sich bis heute vielfältig für die Flüeli-BewohnerInnen ein. Sei es mit dem Kaffeekranz am Mittwochnachmittag, um etwas Ablenkung und Kontakt herzustellen. Sei es mit Spielsachen, Unterstützung bei Behördengängen oder anderem mehr. Als man der ältesten Tochter Hadiya den Schulbesuch verweigert hatte, setzten sich die Vereinsmitglieder für das Mädchen ein. Schliesslich wurde Hadiya erlaubt, den Kindergarten im Nachbardorf zu besuchen. Ruth hatte als Amnesty-Aktivistin an einer Kundgebung den «Verein Miteinander Valzeina» kennengelernt und begann, sich für die Asylsuchenden in Valzeina zu engagieren. Als Muamina und die Kinder 2009 ins Flüeli kamen, war es Hadil, das dritte Kind von Muamina, die die beiden Frauen zusammenbrachte. «Die Kleine kam direkt auf mich zu und klebte dann richtig an mir. So kam ich in Kontakt mit der schüchternen Muamina. Wir hatten sofort einen Draht zueinander.» Immer häufiger engagierte sich Ruth für Muamina und die Kinder, nahm an Aktivitäten des Vereins teil. Sie fuhr Muamina regelmässig zum Gefängnis und begleitete Mutter und Kind zum Arzt. Sie unterstützte die junge Mutter, wo sie nur konnte. «Muamina konnte noch kaum Deutsch», erzählt Ruth. «Aber irgendwie verstanden wir uns, mit Hand und Fuss. Oder dann mit Hilfe von Mitgliedern des kurdischen Kulturvereins in Chur, die für uns übersetzten.» Mit der Zeit begann Hadiya, die deutsche Sprache besser zu verstehen und half der Mutter mit Erklärungen in Kurdisch. Doch als das Mädchen in die Schule gekommen wäre und besser Deutsch gelernt hätte, wurde sie mit den Eltern und Geschwistern ausgeschafft.

Herbst 2016. Itingen – Baselland

In Muaminas Wohnung in Itingen ist es eng. Etwa zehn Kinder unterschiedlichsten Alters rennen herum. Die Familie eines Schwagers aus Deutschland ist zu Gast. Zu Besuch sind auch Andrea und Monika aus dem Bündnerland, die Muamina damals im Flüeli kennengelernt hatten. Sie halfen Ruth finanziell, als es darum ging, die Familie in Syrien zu unterstützen. Nun konnten sie Muamina endlich wiedersehen. Und Ruth, endlich war Ruth wieder einmal da! Die Kinder freuen sich riesig, behandeln Ruths dreijährigen Sohn wie einen kleinen Bruder. Grosszügig tischt Muamina Speisen aus ihrer Heimat auf. Die beiden Frauen besprechen die wichtigsten Neuigkeiten. «Ihr müsst den Kinderarzt wechseln, hat der Gemeindevertreter vorhin gesagt. Ich kann den neuen Arzt anrufen und ihm von Hadils Schulterproblemen erzählen. Soll ich auch gleich einen Termin vereinbaren?» Ruth und Muamina haben sich seit einiger Zeit nicht gesehen, denn die Entfernung ist zu gross für regelmässige Besuche.

«Sie ist mehr als eine Schwester. Ohne sie würden wir wohl nicht mehr leben.»

Doch wird wöchentlich telefoniert. Oder gechattet – «vor allem mit den Girls», wie Ruth lachend erzählt. Hadil hängt noch immer sehr an ihr, geht regelmässig zu ihr in die Ferien. «Es gibt viele Menschen, die Muamina und ihrer Familie helfen, nicht nur ich», insistiert Ruth, die sich keineswegs für ihren Einsatz loben lassen will. «Die wahre Heldin ist Muamina. Sie ist so stark, sie hat so viel geschafft. Und schafft es weiterhin. Ich bin sehr stolz auf sie», sagt Ruth und umarmt Muamina. «Ich sehe mich am ehesten als eine grosse Schwester.» Muamina widerspricht. «Sie ist mehr als das für mich. Mehr als eine grosse Schwester. Ohne sie würden meine Kinder und ich wohl nicht mehr leben».