In Britisch-Indien kontrollierten die Statthalter Druckerzeugnisse vor allem nach Aufständen. © Francis Hayman via Wikimedia Commons
In Britisch-Indien kontrollierten die Statthalter Druckerzeugnisse vor allem nach Aufständen. © Francis Hayman via Wikimedia Commons

Kultur Vorgaben, Widersprüche, Selbstzensur

Von Maik Söhler. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2016.
Drei Jahrhunderte, drei Modelle: Der US-Historiker Robert Darnton untersucht unterschiedliche Methoden der Zensur von Literatur. Im Mittelpunkt seiner Analyse stehen die Zensoren.

Was hat der Königshof der Bourbonen in Versailles mit Erich Honecker zu tun? Beide leisteten sich Institutionen, die auf die Sichtung, Überprüfung und Zensur literarischer Werke spezialisiert waren. Robert Darnton, Professor für Geschichte an der Harvard University, hat mit «Die Zensoren» ein Sachbuch vorgelegt, das dem Wirken von Zensoren nachgeht. Vom vorrevolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts über das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert im britisch beherrschten Indien bis zu den letzten Tagen der DDR reicht seine Untersuchung.

Königliche Empfehlung

Unter dem Ancien Régime wachte eine von Jahr zu Jahr grösser werdende Schar an Beauftragten des Königshauses über das «Druckprivileg», meist schrieben sie eine «königliche Empfehlung» für ein Buch und gaben damit ihre Genehmigung zum Druck. Die meisten Autoren erhielten die Approbation. Verbote gab es zumeist wegen zotiger oder pornografischer Inhalte, selten wegen Kritik am Hof oder Seitenhieben auf den Klerus. Wurde ein Werk einmal nicht freigegeben, so gelangte es in der Schweiz oder in den Niederlanden in den Druck und kam von dort nach Frankreich.

In Britisch-Indien dauerte es jahrelang, bis Werke der bengalischen Literatur überhaupt erfasst wurden. Zum britischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts gehörte ein liberaler Geist, der von Zensur nur wenig wissen wollte. Allein nach Aufständen oder Terrorakten versuchten die britischen Statthalter, indische Druckerzeugnisse zu kontrollieren. Statt Verbote auszusprechen, wurden Gerichtsverfahren angestrengt, denen beim Verdacht der «Aufwiegelung» auch Repression folgen konnte. Als Zensoren fungierten anfangs nur Briten, später Briten und Inder, die mehr daran interessiert waren, die indische Literatur zu fördern, anstatt sie zu hemmen.

Selbstzensur

In der DDR wiederum etablierte sich schnell ein Zensursystem, das dem Kulturministerium unterstand, aber auch kulturpolitischen Abteilungen der SED Rechenschaft ablegen musste. Da die DDR-Verfassung Zensur verbot, sprachen die Zensoren und Zensorinnen davon, es sei ihnen darum gegangen, «den Prozess zu überwachen, durch den aus Ideen Bücher würden ». Es herrschte ein komplexes System der Zensur zwischen Staat, Partei, Verlagsleitern, LektorInnen und AutorInnen, das überwiegend von der Selbstzensur letzterer gekennzeichnet war. Darntons Buch hat den Mangel, dass es unter Zensur allein staatliche Akte fasst, der Zensurbegriff zu eng gesteckt ist. Dennoch: Der vergleichende Ansatz, das gründliche Quellenstudium und der soziologische Blick auf Funktionen und Beschränkungen der Kontrolle von Literatur machen aus «Die Zensoren» ein mehr als nur lesenswertes Werk.