Yves Makwambala (links) und Fred Bauma. © Lucha
Yves Makwambala (links) und Fred Bauma. © Lucha

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte Was ist schon eine Revolution

Von Lea Frehse. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2016.
In der Demokratischen Republik Kongo wecken die jungen Aktivistinnen und Aktivisten der Lucha-Bewegung Hoffnung auf politische Veränderung. Zwei von ihnen haben ihren Mut mit Gefängnis bezahlt. In Haft fanden sie auch: Freundschaft.

Im berüchtigten Gefängnis eines berüchtigten Staates sitzen zwei Revolutionäre auf Pritschen mit dünnen Matratzen und schwärmen vom Erhalt der Ordnung.

«Der Präsident muss gehen», sagt Yves.

«Wir wollen einen starken Staat», sagt Fred.

An die Stahltür ihrer Zelle hat jemand mit schwarzer Farbe die Nummer 18 gepinselt. Die Tür steht offen.

Bis vor eineinhalb Jahren war Fred Bauma, 26, Jurastudent im zehnten Semester. Yves Makwambala, 32, Webdesigner, setzte sich noch bis vor einigen Jahren weg, wenn Freunde begannen, über Politik zu diskutieren.

Dann trafen sie sich in Kinshasa beim Workshop einer Demokratie-Plattform, an dessen Ende beide von Spezialeinheiten der Geheimdienste abgeführt wurden. Das Staatsfernsehen zeigte ihr Bild in den Nachrichten, der Innenminister nannte sie «Terroristen» und Menschenrechtsorganisationen «politische Gefangene». #freeFred und #freeYves wurden Hashtags auf Twitter und die beiden Männer Freunde fürs Leben.

Fred und Yves sässen nicht hier, wenn ihre Regierung sie nicht fürchtete. Sie sässen nicht in Zelle 18, Block 1, verkörperten sie nicht eine Hoffnung. Die Hoffnung auf eine Jugend, mit der einmal alles anders wird.

Hierarchie der Gefangenen

Der Weg zu den beiden Gefangenen führt durch knietiefe Schlaglöcher, vorbei an niedrigen Häusern aus Wellblech und billigem Beton bis an eine Mauer mit Stacheldraht, hinter der sich Makala befindet – das Zentralgefängnis von Kinshasa und das grösste Gefängnis der Demokratischen Republik Kongo. Hier sitzen verurteilte Kriminelle neben so manchen, die festgenommen wurden, aber nie AnwältInnen gesehen haben. Und hier sitzen diejenigen, in denen die politische Führung des Landes Angreifende sieht.

Makala, sagen Menschenrechtsorganisationen, sei wie ein Staat im Staate. Drinnen haben die kongolesischen Behörden nichts zu sagen, sämtliche Angelegenheiten regelt eine Hierarchie von Gefangenen. An der Spitze der Pyramide stehen die Stärksten, oft sind es inhaftierte Militärs. Den Sockel der Pyramide bilden die Mittellosen. Zwischen ihnen regiert das Geld. Jene, die kein Geld haben, teilen ihre Zelle in Block 3 oder 5 oder 7 mit bis zu 150 Mitgefangenen. Sie kauern sich mit angewinkelten Beinen auf den Boden aus nacktem Beton. Vielleicht werden sie nach einigen Monaten krank oder sterben, vielleicht finden sie Arbeit – Latrinenschaufeln zum Beispiel oder Wäsche waschen für andere Häftlinge. Dann können sie sich besseres Essen kaufen und einen Platz in einer Zelle mit weniger Menschen.

Jene, die zahlen können, mieten sich eine Zelle in Block 1 oder 8, bis zu zehn Quadratmeter, mit Vollpension. Sie können andere Gefangene dafür entlohnen, die Zelle sauber zu halten und die Mahlzeiten zuzubereiten. Man kann das Ausbeutung nennen oder Umverteilung, es läuft halt so. «Wir haben auch einen Sklaven», sagt Fred. Er lacht müde.

Rund 400 Franken zahlen die Familien von Fred und Yves pro Kopf für die zwei Betten auf sieben Quadratmetern in Block 1 und für Marcel, der putzt und kocht. Das ist etwa viermal so viel, wie eine Lehrperson in Kinshasa im Monat verdient. Marcel ist so alt wie Fred, seit drei Jahren ist er hier, angeblich ein kleiner Diebstahl, ein Verfahren hatte er nie. Fred, der Jurist, hat seine Akte durchgesehen und erreicht, dass Marcel einen Termin vor Gericht bekommt. Marcel ist von ihnen abhängig, Fred und Yves wissen das, doch ohne ihren Lohn wäre er mittellos. Wenn Gesetze nichts gelten und jeder irgendwie durchkommen muss, sind alle Teil des Systems.

Che Guevara auf Kongolesisch

Fred und Yves gehören zu einer Gruppe, die sich «Lucha» nennt: Lucha entstand 2012 in der Stadt Goma im Osten des Landes, wo sich eine Handvoll junger Menschen zusammentat, um in ihrer Nachbarschaft soziale Projekte anzustossen und PolitikerInnen an ihre Pflichten zu erinnern. Einige brachten Frauen das Lesen und Schreiben bei, andere organisierten Demonstrationen für eine bessere Wasserversorgung. Sie waren mit dem Krieg aufgewachsen, der im Osten des Landes zwischen 1996 und 2008 etwa 5,4 Millionen Menschenleben kostete und der in der Region bis heute immer wieder vereinzelt aufflammt. In ihrer Jugend hatten sie aber auch erlebt, wie Dutzende internationaler Hilfsorganisationen Projekte umsetzten und eine Ahnung von der weiten Welt in den abgelegenen Landstrich brachten. Die Gruppe funktioniert als basisdemokratisches Kollektiv, und gemeinsam entschieden sie sich nach einigen Monaten für den Namen «Lucha», die Abkürzung für «lutte pour le changement», was in Kongos Amtssprache Französisch «Kampf für Veränderung» bedeutet.

«Lucha» ist auch der spanische Begriff für Kampf, was nach Leidenschaft klingt «und nach Che Guevara, der schliesslich auch einige Monate in dem Land verbracht hat», sagt Yves. Lucha hat keine Mitglieder, sondern Aktivistinnen und Aktivisten und eine Satzung, deren Prinzipien im Wesentlichen soziale Arbeit für eine gerechtere Gesellschaft und die Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit umfassen. In einem Punkt ist Lucha strikt: «Wer in einer Partei aktiv ist, kann nicht gleichzeitig bei uns sein», erklärt Fred. «Unabhängigkeit ist unser höchstes Gut.»

Inzwischen umfasst Lucha ein Netzwerk von einigen Hundert Aktiven und hat 21 200 Follower bei Twitter. Ausserhalb der Ostprovinzen kennt man Lucha vor allem seit jenem Tag im März 2015: Auf Initiative der Bewegung sprachen in der Hauptstadt Kinshasa AktivistInnen aus Senegal und Burkina Faso, die in ihren Heimatländern mit Protesten die Regierungschefs dazu gezwungen hatten, ihre Ämter verfassungsgemäss aufzugeben. Der Vortrag endete mit mehr als 30 Festnahmen, darunter denen von Fred und Yves.

Bevor die beiden sich hinter den Mauern von Makala begegneten, hatten sie sich erst ein Mal flüchtig gesehen, bei eben jener Veranstaltung. «Was für ein Trost es war, im Gefängnis plötzlich einen Freund zu sehen, ein bekanntes Gesicht, auch wenn ich ihn am Tag vor meiner Festnahme das erste Mal gesehen hatte», sagt Yves. «Ich habe sofort vollkommene Solidarität gefühlt», meint Fred. «Von nun an bestimmte die gleiche Ungerechtigkeit unser beider Leben.»

Man kann sagen: Erst die Repression hat Lucha bekannt gemacht, auch international. Die Staatsanwaltschaft warf Fred und Yves «Planung terroristischer Aktivitäten» vor, beide wurden bisher nicht verurteilt, das Verfahren läuft. Amnesty International verfolgt ihren Fall, und an Verhandlungstagen schicken Botschaften der EU und der USA BeobachterInnen in den Gerichtssaal von Makala. Es ist, als hätten diese jungen Idealisten mit ihrer Behauptung, man könne die kongolesische Gesellschaft zum Besseren verändern, internationale Beobachter daran erinnert, dass auch in diesem Land, in dieser Weltregion nicht alles immer schlecht bleiben muss.

Der Präsident will nicht gehen

Präsident Joseph Kabila, den sie im Land nur «Kabila, den Sohn» nennen, weil er die Macht 2001 von seinem ermordeten Vater übernommen hatte, müsste eigentlich am 19. Dezember 2016 abtreten. Seine beiden Amtsperioden sind zu Ende.

Kabila unterzeichnete 2005 eine neue, demokratische Verfassung und setzte so einen Schlussstrich unter den Krieg. 2006 und 2011 ging er als Sieger aus Wahlen hervor, die BeobachterInnen als frei einstuften, und nun, 2016, im Jahr 56 der Unabhängigkeit von Belgien, sollte das Land zum ersten Mal in seiner Geschichte einen friedlichen Machtwechsel erleben. Doch bis anhin hat die Regierung die Wahlen schlicht nicht organisiert. Statt einen Urnengang zu schützen, schossen kongolesische Polizisten am 19. September, dem ursprünglich vorgesehen Wahltermin, mit Tränengas und scharfer Munition in die Mengen zehntausender DemonstrantInnen. Mindestens 50 Menschen starben. Denn Kabila will nicht gehen und hat alle Fristen für den demokratischen Wechsel verstreichen lassen. Vom Verfassungsgericht hat sich der Staatschef bestätigen lassen, dass er im Amt bleibt, solange kein neuer Präsident gewählt worden ist. Die Oppositionsparteien lud Kabila ein, im Rahmen eines «Nationalen Dialogs» über die Verschiebung der Wahlen und eine mögliche Änderung der Verfassung zu beraten. Das Forum entschied Mitte Oktober, die Wahlen auf April 2018 zu verschieben, Kabila behielte bis dahin all seine Macht. Doch der inklusive Titel trügt: Alle wichtigen Oppositionsparteien hatten den Dialog boykottiert.

Tatsächlich ist Kabilas Bilanz verheerend. Zwar wuchs die Wirtschaft bis 2015 jährlich um rund sieben Prozent und die Inflation sank. Doch bei der Bevölkerung kam vom Aufschwung kaum etwas an. 2015 lebten nach Zahlen der Vereinten Nationen etwa 72 der 80 Millionen KongolesInnen von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. 40 Prozent der Erwachsenen konnten nicht lesen und schreiben.

Dann brachen 2015 die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten ein. Die Regierung musste den Haushalt für 2016 um ein Drittel kürzen. Und die Mehrheit der Bevölkerung geriet noch tiefer in die Armut: Ein Sack Maniokmehl kostete im August schon doppelt so viel wie vor einem Jahr. Der kongolesische Franc verlor in der ersten Jahreshälfte 2016 elf Prozent an Wert. Die Arbeitslosenquote wird auf mindestens 60 Prozent geschätzt. Und die Perspektivlosigkeit trifft vor allem Jugendliche: Zwei Drittel der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre. Man könnte meinen, die Zeit sei reif für eine Revolution. Aber so einfach ist das nicht.

Die Angst verschwindet

Tchangu, Kinshasa. Das Viertel trägt den Beinamen «Rote Zone», Unruhen beginnen meist hier. In Seitenstrassen aus dreckigem Sand verkaufen junge Männer Handyguthaben oder Taschentücher und mustern PassantInnen ausdruckslos. «Se débrouiller», sich durchschlagen, ist in der Demokratischen Republik Kongo so etwas wie eine Berufsbezeichnung.

Gloria Singha, 23, trägt ein Tuch um den Kopf und Creolen in den Ohrläppchen. Siebzehn junge Leute sind zum ersten offenen Treffen von Lucha in ein Fast-Food-Restaurant in Kinshasa gekommen, fast alle sind Studierende. «Wir, die wir die Chance haben, uns zu bilden, müssen den Anfang machen», sagt Gloria in die Runde. In Kinshasa war Lucha bisher nur in den sozialen Medien aktiv. Gloria will nun die erste «Zelle» in der Hauptstadt aufbauen. Die Jurastudentin lernte Fred und Yves bei einer Hospitanz in Makala kennen. Sie, die kein Buch so gerne gelesen hat wie Rousseaus «Gesellschaftsvertrag », fasste Mut. «Dass da Leute sind, die so denken wie ich, hat die Angst verschwinden lassen», sagt Gloria. Sie verkörpert jetzt für andere diese Faszination: Dass es Menschen gibt, die bereit sind, Gesicht zu zeigen.

Machiavelli im Gefängnis

In Block 1 schliessen sie die Zellen nicht ab, Fred und Yves vertreten sich die Beine in den Gängen des Gefängnisses. Erst in den schummrigen Gängen, sagt Fred, habe er sein Land verstanden. Die extreme Armut, die Willkür der Justiz. Tatsächlich haben Gefängnis und Staat einiges gemeinsam. Die Gesetze auf dem Papier bilden eine Ordnung, in der Realität beherrscht die Korruption das System. «Das kann man kaum Staat nennen», sagt Fred. Kann man aber Revolution machen gegen keinen Staat? «Was ist schon eine Revolution?», sagt Yves. «Es reicht nicht, eine Regierung zu stürzen, wenn die Bevölkerung nicht gebildet genug ist, um zu wissen, was ihr zusteht.»

Bei Lucha bevorzugen sie eine nüchterne Sprache. «Ich mag die Idee, dass für alle die gleichen Regeln gelten», sagt Fred. In Diskussionen zitieren die AktivistInnen gern Ausschnitte der kongolesischen Verfassung. In ihrer Zelle haben sie ein Bücherregal aufgestellt, oben links steht Machiavellis «Der Fürst», daneben «Die letzten Tage von Diktatoren». Und etwas Besonderes habe er in Makala auch gefunden, sagt Fred: «Eine zweite Familie.» Während seine Eltern und Geschwister ihn aus dem 2000 Kilometer entfernten Goma kaum besuchen konnten, haben Yves und dessen Familie Fred aufgenommen wie einen weiteren Bruder. Zum 26. Geburtstag schmuggelten sie sogar einen Kuchen in die Zelle.

Überraschende Freilassung

Ende August lädt Kabila bei einem Besuch in Goma die dortigen Aktivistinnen und Aktivisten von Lucha überraschend zum Gespräch. Später kündigt sein Innenminister an, man werde Fred, Yves und andere politische Gefangene freilassen. Zwei Wochen später nimmt Gloria die beiden draussen in Empfang. Fred ist froh und doch frustriert: «Sie haben uns willkürlich eingesperrt, jetzt lassen sie uns willkürlich frei. Eigentlich müssten wir sie verklagen», sagt er. Bis November hat die Polizei erneut Dutzende Lucha-AktivistInnen zeitweise festgenommen. Für Fred und Yves sind sie wie enge Verwandte: «Lucha», sagt Fred, «ist eine Familie. Der Schlüssel zu unserem Bund ist die Freundschaft. Und was immer wir vollbringen, schaffen wir durch sie.»

 


Lucha

Fred Bauma und Yves Makwambala gehören der Jugendbewegung «Lutte pour le Changement» (Lucha) an, die für ihr Engagement mit dem «Ambassador of Conscience Award 2016» («Botschafter des Gewissens») von Amnesty
International ausgezeichnet wurde. Im Dezember 2015 haben Amnesty-Mitglieder über 170 000 Briefe geschrieben,
zahlreiche SMS gesendet und Petitionen unterzeichnet, um im Rahmen des jährlich stattfindenden Briefmarathons die Freilassung von Fred Bauma und Yves Makwambala zu fordern.
Am 29. August wurden die beiden Aktivisten freigelassen. Da die Anklagen gegen sie jedoch bisher nicht fallengelassen worden sind, besteht weiterhin die Gefahr einer erneuten Festnahme.