© Hani Abbas
© Hani Abbas

Syrien Die Hoffnung zeichnen

Von Julie Jeannet. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2017.
Der syrisch-palästinensische Karikaturist Hani Abbas lebt als politischer Flüchtling in Genf. Mit Humor, ja sogar mit einem Hauch Poesie zeigen seine Karikaturen die Barbarei des Krieges.

Hani Abbas spricht mit seinem Stift – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wie immer trägt er eine Mütze. Hani Abbas Hani Abbas ist einer von 11 Millionen SyrerInnen, die der Krieg entwurzelt hat.

Aus der Tasche zieht er einen gelblichen Stift und beginnt auf dem Holztisch imaginäre Linien zu zeichnen. Mit wenigen Strichen rekonstruiert er die Quartiere im Süden von Damaskus: Ghouta, al-Kadam, Jarmuk. «Während der Bombenangriffe von 2012 habe ich meine besten Zeichnungen gemacht», erklärt er und scrollt durch seine Facebook-Seite, auf der er alle seine Karikaturen veröffentlicht.

«Jede Zeichnung erinnert mich an etwas Bestimmtes, das Verschwinden von Angehörigen oder das Erstaunen, nach den heftigen Bombenexplosionen noch am Leben zu sein.» Auf einem Selbstporträt mit Zielscheibe zeigt er dem Regime eine lange Nase. Ein Messer, eine Gabel und eine Blutlache als Mahlzeit verbildlichen die Auswirkungen der Militärbelagerung.

Von Geburt an Flüchtling

Hani kam 1977 im Stadtviertel Jarmuk zur Welt. Das ehemalige Flüchtlingslager entstand 1957 acht Kilometer ausserhalb des Zentrums von Damaskus, als viele PalästinenserInnen durch die Gründung des Staates Israel vertrieben worden waren. Vor der Revolution glich Jarmuk mit seinen Schulen, Spitälern und Geschäften einem normalen syrischen Wohnquartier. Bis zu einer halben Million Menschen lebten dort. Heute geht die Palästinensische Liga für Menschenrechte davon aus, dass lediglich 3000 bis 5000 EinwohnerInnen die Angriffe des Regimes und der bewaffneten Gruppen des selbsternannten Islamischen Staates überlebt haben.

In Damaskus studierte Hani Abbas Pädagogik und Psychologie und arbeitete dann als Lehrer. «Als Flüchtling muss man immer ein bisschen mehr machen als die anderen», erklärt Hani, dessen Gesicht vom Krieg gezeichnet ist. «Am Morgen habe ich unterrichtet, am Nachmittag gezeichnet. Ich war glücklich», sagt er wehmütig.

Der Duft der Revolution

März 2011: Hani hat sich inzwischen einen Namen gemacht, seine Arbeiten werden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und in vielen Medien in Syrien und im Nahen Osten publiziert. Zu den Hauptabnehmern gehört der arabische Nachrichtensender al-Jazeera. Seit den ersten Protesten stellt er sein Talent in den Dienst der Revolution. Er durchquerte den Checkpoint, auf einer Speicherkarte in seinem Schuh waren die Zeichnungen, die er verschiedenen revolutionären Medienkanälen zuspielen wollte. «Damals hat uns die Hoffnung elektrifiziert: Wir glaubten, dass das Regime innerhalb von ein paar Monaten gestürzt sei. Bei meiner ersten Demonstration gegen das Regime fühlte ich mich stark und mächtig, ich war zu allem bereit », erzählt der Zeichner. «Als ich nach Hause kam, sagte mir meine Frau, ich solle mein Hemd entsorgen. Die Demonstranten waren gefilmt worden, und für das Regime reichten solche Details, um jemanden verhaften zu lassen. Aber ich habe das Hemd als Trophäe aufbewahrt – bis heute.»

Als das Land im Bürgerkrieg versinkt, muss Hani seine Arbeit als Lehrer aufgeben, denn sein Haus befindet sich im Gebiet der Freien Syrischen Armee und die Schule in einem Viertel, das vom Regime kontrolliert wird. Angesichts der Unterdrückung zeichnet Hani immer mehr. Im Jahr 2012 publiziert er auf Facebook die Karikatur eines Soldaten, der sich über eine rote Blume – das Symbol der Revolution – beugt, um deren Duft einzuatmen. Eine Anspielung auf die abtrünnigen Soldaten der Armee von Bashar al- Assad und ein Cartoon zu viel. Die Behörden sperren sein Bankkonto und lassen seine Facebook-Seite und damit seinen wichtigsten Verbreitungskanal schliessen.

Am 22. August 2012 wird ein befreundeter Journalist brutal ermordet. Hani gibt auf. «Der Tod war normal geworden, Leichen übersäten die Strassen, immer mehr Bomben wurden abgeworfen. Meine Freunde rieten mir: ‹Wenn du unsere Botschaften weiterhin verbreiten willst, dann musst du hier weg›.» Hani macht eine Pause. Seine grossen grünen Augen füllen sich mit Tränen, er entschuldigt sich, geht an die frische Luft, kommt zurück. Nachdem er sich eine Zigarette gedreht hat, fährt er mit entschlossener Stimme fort: «Ende 2012, kurz bevor unser Stadtviertel vollständig belagert wurde, haben wir dann die Flucht gewagt.» So wie Hani und seine Familie wurden bis heute 11 Millionen Menschen durch den Krieg von ihrem Wohnort vertrieben. 5 Millionen von ihnen sind ausser Landes geflohen.

Aufnahme in der Schweiz

Nach mehr als zwei Monaten erreichen Hani, seine Frau und ihr damals vierjähriger Sohn den Libanon, wo sie sich im palästinensischen Flüchtlingslager Beddawi niederlassen. «Ich wollte wieder ein normales Leben anfangen, aber als syrischer Flüchtling hatte ich wenige Rechte. Ich konnte nicht einmal ein Bankkonto eröffnen, was es schwierig machte, bezahlte Arbeit zu finden.» Aber ein digitaler Engel in Gestalt von Roberta Ventura, Mitglied der Vereinigung Cartoonists for Peace (Karikaturisten für den Frieden), interessiert sich für seine Arbeit und lädt ihn via Facebook für eine Ausstellung nach Genf ein.

«Ich hatte nicht vor, in der Schweiz ein Asylgesuch zu stellen, ich dachte mehr an Norwegen, doch meine Gastgeber ermutigten mich, es zu versuchen.» Nach sieben Monaten erhält der Karikaturist den Flüchtlingsstatus und lässt Frau und Sohn nachkommen. Seit seiner Ankunft in der Schweiz hat ihn der Karikaturist Patrick Chappatte unter seine Fittiche genommen. Chappatte hilft Hani, in der Schweiz bekannt zu werden; schon bald werden seine Zeichnungen in der Tageszeitung «La Liberté» und im Wochenmagazin «L’Hebdo» abgedruckt.

Das Syrien seiner Träume

Hani muss keine Bomben mehr fürchten, seine Frau hat in der Schweiz einen zweiten, gesunden Jungen zur Welt gebracht. Und dennoch verfolgen ihn die Gedanken an all jene auf Schritt und Tritt, die weniger Glück hatten als er. «In meinen Träumen bin ich immer in Syrien. Manchmal weiss ich nicht mehr, wie ich in die Schweiz gekommen bin. Es ist, als wäre ich ganz plötzlich hier gelandet.» So gut er kann, hilft er syrischen Flüchtlingen über die Organisation Cartoonists for Peace. Ausserdem spendet er einen Teil der Einnahmen aus dem Verkauf seiner Zeichnungen an die medizinische Hilfsorganisation UOSSM, die humanitäre Hilfe für die Kriegsopfer in Syrien leistet. «Manchmal sage ich mir, ich sollte weniger an Syrien denken und einfach mein Leben weiterleben, aber das ist unmöglich, das kann ich nicht!», meint Hani mit Nachdruck. Um dem Chaos und dem Horror zu trotzen, wahrt er sich eine wirksame Waffe: den Humor. Er arbeitet an verschiedenen Projekten. «Vor zwei Tagen haben mein Bruder und ich mit einem Animationsfilm angefangen. Wir sind Träumer. Wir träumen davon, die Welt mit unserem Stift ändern zu können, aber in Wirklichkeit sind es Bomben und Panzer, die die Welt verändern… Uns bleibt nur die Hoffnung!»