Die Schriftstellerin Annette Hug. Zeichnung: Susann Stefanizen
Die Schriftstellerin Annette Hug. Zeichnung: Susann Stefanizen

Carte blanche Lange Nächte mit Bingo

Von Annette Hug. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2017.
An einer Totenwache Bingo zu spielen, ist eine gute Sache. Fünf Nächte sind zu lang, um still herumzusitzen. Da hält Bingo die Gäste bei Laune.

Aber viel wichtiger ist, dass immer jemand wach bleibt. Sonst würde die Seele des Toten von Geistern geholt. Also trägt die Spielführerin ihre Bingo-Zahlen mit lustigem Akzent vor, streut oft noch einen Witz ein, alle lachen, das vertreibt die Geister und den Schlaf. Und es kommt ein wenig Geld zusammen. Die Einsätze sind nicht hoch, aber die Nächte lang. Pro Runde wandern vier Pesos in die Kasse. «Für unsern lieben Bruder», murmelt manchmal einer und hebt den Blick zum Sarg. Die Angehörigen müssen sich für das Geld nicht bedanken. Man weiss, dass sie froh sind um jeden Zustupf an die Beerdigungskosten.

Der «liebe Bruder» hiess Harven und ist an einer Lungenentzündung gestorben. Gerade mal 30 Jahre alt ist er geworden. Sein Tod ist ein kleiner Skandal, der aber keine Wellen schlägt, wenn jede Nacht Leute erschossen werden. Seit der philippinische Präsident Duterte einen «Krieg gegen Drogen » ausgerufen hat, geniessen Polizei und Killerkommandos Straffreiheit. Mysteriöse Listen von Drogenhändlern und Konsumenten zirkulieren, die Verdächtigen werden nachts getötet. Alle paar Wochen droht Duterte, auch Menschenrechtsaktivistinnen zu verfolgen, Menschenrechte seien den Filipinos nämlich fremd.

Im Februar, an Harvens Totenwache, kamen ganz unterschiedliche Leute. Die Runde der Bingospielenden setzte sich oft neu zusammen und es zeigte sich, dass nicht alle von denselben Regeln ausgingen. Welche Zahlenkombinationen auf dem kleinen Rechteck zählten als «Bingo»? Nur die mittleren Diagonalen oder auch die kürzeren? Einer wollte kleine Dreiecke als Gewinn anmelden, was Protest auslöste. Der Bruder des Toten sass lachend daneben und rief: «Ich spiele da nicht mit. Ihr seid euch nicht einig, was gilt. Das wird bös enden!»

Zum Glück schwang sich eine Frau immer neu zur Spielführerin auf und hielt die Regeln lauthals fest. Allen leuchtete ein, dass das nötig war, und die Spielführerin hielt sich selbstverständlich an die Regeln, die sie selber verkündet hatte. Das Spiel konnte weitergehen.

Und während immer mehr Münzen in die Kasse klimperten, dachte ich: Duterte greift mit seinem Krieg nicht nur die Menschenrechte an, sondern auch ein viel älteres Prinzip. Die Magna Charta vielleicht oder die zehn Gebote, die simple Idee jedenfalls, dass Gesetze für alle gelten, auch für die Herrschenden, weil sonst alles aus dem Ruder läuft. Und weil das den meisten Leuten einleuchtet, halten sie sich an Regeln und Gebote, auch in Manila. Das Leben geht hier seinen normalen Gang, während die Polizei weiter mordet.