Wie nah darf, ja soll man mit der Kamera ran, um das Leid und die Verzweiflung der vom Krieg betroffenen abzubilden? Aleppo, Dezember 2013. © Carsten Stormer
Wie nah darf, ja soll man mit der Kamera ran, um das Leid und die Verzweiflung der vom Krieg betroffenen abzubilden? Aleppo, Dezember 2013. © Carsten Stormer

Syrien Vernebelt im Krieg

Von Carsten Stormer. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2017.
Wie kann ein Reporter über das Grauen in einem Konflikt wie demjenigen in Syrien unabhängig berichten, ohne den LeserInnen und sich selbst zu viel zuzumuten? Wie steht es mit der Würde der Gezeigten? Reporter Carsten Stormer über seine Arbeit am Rande des Erträglichen, die dennoch getan werden muss.

Es sind Bilder wie die vom Giftgasangriff von Chan Scheichun, die die Welt in eine Art Schockzustand versetzten und Präsident Trump dazu verleiteten, eine Luftwaffenbasis der syrischen Armee zu bombardieren: Kinderleichen, ineinander verhakt, äusserlich scheinbar unversehrt. Qualvoll gestorben durch einen vermeintlichen Giftgasangriff der syrischen Armee. Obwohl sehr viele Indizien und auch der gesunde Menschenverstand für diese Theorie sprechen, bewiesen ist sie nicht. Medien, PolitikerInnen, Un- und Halbwissende übertrumpfen sich tagelang in Talkshows, Leitartikeln, Nachrichtensendungen mit Mutmassungen, Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien. Nur ein Journalist der britischen Zeitung «The Guardian» hat es in die Stadt Chan Scheichun geschafft. Keine Uno-Delegation war vor Ort, keine unabhängigen BeobachterInnen. Seriöse, unabhängige Berichterstattung ist unter diesen Umständen kaum möglich. Als Quelle müssen AugenzeugInnen herhalten. Sie sind jedoch angreifbar, ihre Darstellung der Tatsachen können angezweifelt werden, da sie nicht unabhängig sind.

Für internationale Journalisten und Journalistinnen ist es schon lange zu gefährlich nach Syrien einzureisen, um selbst als AugenzeugInnen zu berichten. Doch nur so ist es möglich, die Wahrheit ans Licht zu bringen – oder es zumindest zu versuchen. Die syrische Regierung vergibt Visa nur an ausgewählte JournalistInnen, die sich dann vor Ort unter strenger Beobachtung bewegen können. Die Zugänge entlang der türkischen Grenze sind dicht, ebenso wie jene über den Irak. In der Provinz Idlib herrschen Islamisten, die al-Kaida nahestehen, andere Gebiete werden immer noch vom sogenannten Islamischen Staat (IS) beherrscht. Das Entführungsrisiko für Medienschaffende ist immens. Syrien ist vom Nebel des Krieges umhüllt.

Moralische Minenfelder

Vier Jahre lang war es mir möglich, nach Syrien einzureisen und als einer der wenigen Journalisten aus erster Hand zu berichten. Zuletzt war ich im Frühjahr 2016 vor Ort, in der Provinz Aleppo. Als Reporter habe ich immer versucht, nur das wiederzugeben, was ich selbst erlebt habe. Die grösste Schwierigkeit dabei: Fakten von Propaganda zu trennen – und die Würde jener Menschen zu achten, deren Geschichten ich erzähle; der Lebenden und der Toten. Es ist leicht, die Grenze zwischen Aufklärung und Sensationslust zu überschreiten. Oder der Propaganda zu verfallen.

Es gibt immer wieder Momente, in denen das eigene Wertesystem versagt.

Das mit der Würde ist indes so eine Sache. Ich stolpere in Krisengebieten ständig durch moralische Minenfelder. Wann halte ich die Kamera drauf, wann nicht? Der befreundete Krisenfotograf Andy Spyra sagt: «Die Moral ist ein langsamer Begleiter. In solchen Momenten entschiedet die Intuition, der Charakter, die Sozialisierung, die Empathie.» Und trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen das eigene Wertesystem versagt.

Auch bei mir. Ich erinnere mich an einen Moment in Aleppo. In einem Zimmer, das als Leichenhalle diente, filmte ich einen Jungen, der um seinen toten Vater trauerte. Er weinte still. Tränen liefen ihm über die Wangen und tropften in das Blut seines Vaters. Ich filmte diese Szene, minutenlang; taub, emotionslos, ohne Empathie. Dann drehte sich der Junge zu mir um, schaute mir in die Augen, sagte kein Wort und verschwand. Und plötzlich schämte ich mich. Noch heute denke ich oft an diese Szene und wünschte mir, ich hätte den Jungen ein paar Minuten allein gelassen, um sich von seinem Vater zu verabschieden.

Die Würde stirbt im Krieg zuerst, nicht die Wahrheit.

Oft handle ich vor Ort reflexartig. Manchmal ganz bewusst. Wer etwas bewegen will, braucht bewegende Bilder.

Die Würde also. Sie stirbt im Krieg zuerst, nicht die Wahrheit. Wahrheit ist ein dehnbarer Begriff.

Der Grat der Selbstzensur

Natürlich muss berichtet werden. Über Tod und Leid. Es gibt Bilder, denen wir uns nicht verschliessen dürfen. Scheussliche, unmenschliche Bilder von Opfern nach einem Giftgasangriff, beispielsweise. Das ist ein Kriegsverbrechen und muss belegt werden; Schuldige zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen ist hingegen Aufgabe anderer. Oder Aufnahmen von der verheerenden Wirkung der Fassbomben. Oder in Panik geflohene Jesidinnen und Jesiden, die auf einem Berg langsam verdursten. Ereignisse, vor denen wir am liebsten die Augen verschliessen möchten. Und doch transportieren sie eine Botschaft. Diese Bilder rütteln auf, informieren, legen Zeugnis ab, stellen die Wirklichkeit dar.

Wie viel brutale Bilder darf oder muss man dem Leser oder der Zuschauerin zumuten?

Für mich als Reporter, der in Kriegsgebieten sehr viel Elend sieht, sind Tote, verstümmelte Leichen Alltag. Und doch übe ich ständig Selbstzensur. Wie viel brutale Bilder darf oder muss man dem Leser oder der Zuschauerin zumuten? Es ist ein schmaler Grat. Ich bin der Meinung, dass bestimmte Gräueltaten gezeigt werden müssen. Das ist die Realität des Krieges.

Ohne Bilder gibt es keine Belege, auch für die Aufarbeitung eines Krieges nach dessen Ende, rede ich mir weiterhin ein. Ich weigere mich, diesen letzten Rest Naivität zu verlieren. Worte allein reichen oft nicht aus, um die Realität zu vermitteln. Ohne Bilder findet ein Krieg im Bewusstsein der Öffentlichkeit oft nicht einmal statt – oder erst sehr spät.

Heuchlerischer Aufschrei

Der Aufschrei des Entsetzens aufgrund der toten Kinder von Chan Scheichun ist natürlich ein heuchlerischer. Kinder sterben seit nunmehr sechs Jahren in Syrien auf jede erdenklich grausame Weise. Jede Seite hat ihren Anteil am täglichen Massenmord. Viele JournalistInnen, die von Anfang an aus Syrien berichteten, haben schon 2012 vor einer sich anbahnenden Flüchtlingskatastrophe gewarnt. Es wurde ignoriert. Ende 2012 haben wir von sich radikalisierenden Rebellengruppen und dem Einsickern von internationalen Dschihadisten gewarnt. Es wurde ignoriert. Selbst dann, als Dutzende internationale Journalisten von Islamisten entführt wurden. Erst als der IS im Jahr 2013 die Bühne des Krieges betrat und im Handstreich weite Teile Syriens und des Iraks einnahm, hat sich die Öffentlichkeit darüber gewundert, woher diese schwarz vermummten Krieger so plötzlich kamen. Seit Anfang 2013 haben Journalisten über Assads Fassbombenkampagne berichtet, durch die Zehntausende ums Leben kamen. Es wurde weitestgehend ignoriert.

Journalismus ist ein bilateraler Prozess. Auf der einen Seite stehen jene, die recherchieren, filtern, auswerten. Auf der anderen jene, die konsumieren, sich informieren, um sich eine Meinung bilden zu können. Dieser Prozess ist in Syrien derzeit ausser Kraft gesetzt.