Alltäglicher Hass: Schwulenfeindliche Demonstration in Senegals Hauptstadt Dakar. © Reuters/Normand Blouin
Alltäglicher Hass: Schwulenfeindliche Demonstration in Senegals Hauptstadt Dakar. © Reuters/Normand Blouin

Im Visier der Macht «Der Bewegung ein Gesicht geben»

Wer sich im Senegal für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzt, lebt gefährlich. Der junge Aktivist Driss hat den Kampf trotzdem aufgenommen.

Der junge Senegalese Driss* sass gerade mit Freunden im Wohnzimmer, als Polizisten im Dezember 2008 seine Wohnung in Dakar stürmten. Die Sicherheitskräfte führten ihn ab. Warum? Driss ist schwul. Im Senegal ist gleichgeschlechtliche Liebe per Gesetz verboten. Ein Gericht verurteilte Driss zu acht Jahren Haft.

«Die Regierung ächtet Schwule und Lesben. Auf der Strasse und in Familien ist die Ablehnung sogar noch viel grösser.»

Zwar kam Driss nach 18 Monaten wieder frei – aus Mangeln an Beweisen. Doch sein Leben hatte sich für immer verändert. Die Medien des Landes hatten über seine Festnahme und den anschliessenden Gerichtsprozess berichtet. Sie hatten ihn öffentlich als schwul geoutet – und das hat im Senegal Folgen. «Homosexualität ist bei uns nicht nur gesetzlich verboten, sondern auch gesellschaftlich geächtet», sagt Driss. Der junge Mann ist von grosser Statur, hat ein offenes Lächeln und spricht mit gesetzter Stimme. «Homosexuelle stossen im Senegal auf Unverständnis. Die Regierung ächtet Schwule, Lesben und andere sexuelle Minderheiten. Auf der Strasse und in Familien ist die Ablehnung sogar noch viel grösser.»

Argumente statt Zwang

Doch für Driss gab es nach seiner Freilassung keinen Weg zurück. Nach dem erzwungenen Outing beschloss er, seine sexuelle Orientierung anzunehmen und öffentlich für das Recht auf freie Liebe zu kämpfen. «Seither setze ich mich in meiner Heimat für die Rechte von Schwulen und Lesben, von Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen ein», sagt Driss. Er wurde zu einem der wenigen, die sich öffentlich für die Rechte von sexuellen Minderheiten im muslimisch dominierten Senegal einsetzen. «In meinem Heimatland wird immer wieder behauptet, Homosexualität sei ein Import aus dem Westen», sagt er. «Deswegen ist es besonders wichtig, der Bewegung ein einheimisches Gesicht zu geben.» Driss will einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen – doch soll dieser Wandel nicht durch Zwang zustande kommen, sondern mit Argumenten. Es sei wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, so Driss.

Eine von ihm gegründete NGO ist heute im Senegal fest etabliert. Sie hat mittlerweile mehr als 600 Mitglieder und versucht unter anderem mit Bildungskampagnen über Geschlechtskrankheiten aufzuklären. Aber dabei will es Driss nicht belassen. «Wir möchten nicht nur über gesundheitliche Aspekte und HIV sprechen, sondern auch Menschenrechte auf Tapet bringen.» Deswegen hilft die Organisation auch jungen Menschen, die von ihren Familien verstossen wurden oder wegen ihrer sexuellen Orientierung im Gefängnis landen. Driss besucht regelmässig Schwule und Lesben, die in Haft sitzen, und setzt sich bei den Behörden für ihre Freilassung ein.

Homosexuell zu sein, ist im Senegal gefährlich. Sich für die Rechte von Homosexuellen einzusetzen auch. Immer wieder sind Aktivisten und Betroffene offener Gewalt ausgesetzt. «Es muss aufhören, dass in meiner Heimat die Leichen von Schwulen und Lesben auf den Strassen liegen», sagt Driss. «Wir müssen unserer Stigmatisierung ein Ende setzen! » Trotz aller Gefahren will Driss im Senegal bleiben – und seinen Kampf weiterführen.