Brücke in die Freiheit. Stella Akita (vorne) am Grenzposten von Busia. © Anne Ackermann
Brücke in die Freiheit. Stella Akita (vorne) am Grenzposten von Busia. © Anne Ackermann

Uganda Gekommen, um zu bleiben

Von Kirsten Milhahn. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2017.
Im Norden Ugandas entsteht das grösste Flüchtlingslager der Welt. Mehr als 1,2 Millionen Südsudanesinnen und Südsudanesen sind über die Grenze geflüchtet. Ugandas Regierung versucht, was europäische Staaten versäumen: so viele Kriegsflüchtlinge wie möglich zu integrieren.

Der Weg in die Freiheit führt über eine schmale Holzbrücke. Stella Akita, 19, und ihre drei Schwestern sind an diesem Morgen unter den Ersten, die sie erreichen, hier am Grenzposten von Busia im Norden Ugandas. Bepackt mit dem, was sie tragen können, überqueren die jungen Frauen den Kaya. Der mäandert so friedlich durch die idyllische Hügellandschaft, als gäbe es den Krieg auf der anderen Seite des Grenzflusses nicht.

Die Gesichter der Geschwister wirken zuversichtlich, trotz der Müdigkeit. Vor zwei Wochen haben sie ihrem Dorf Payawa südlich der südsudanesischen Hauptstadt Juba den Rücken gekehrt. Ein bisschen Kochgeschirr, Lebensmittel, fünf Hühner und ihre Matratzen nahmen sie mit. Weil der Krieg nun auch in Payawa wütet, sind sie gerannt. In Richtung Süden, nach Uganda, wie so viele Flüchtlinge vor ihnen.

1,8 Millionen Südsudanesinnen und Südsudanesen sind seit Ende 2013 auf der Flucht. Verantwortlich für die Kämpfe sind verfeindete Warlords, deren Milizionäre Dörfer plündern, vergewaltigen und morden. In den Städten werden Menschen verfolgt, nur weil sie der vermeintlich falschen Ethnie angehören. Auf dem Lande hungert die Bevölkerung, weil niemand mehr imstande ist, die Felder zu bewirtschaften. Wer nicht flieht, riskiert sein Leben.

Das Staatssystem des christlich dominierten Südsudans, der sich 2011 vom mehrheitlich muslimischen Sudan löste, ist längst zusammengebrochen. Während die Warlords am Krieg verdienen, treiben sie ihr Volk in die Flucht – in die Nachbarländer Sudan und Uganda.

Bohnen- und Maisvorräte in Bidibidi. © Anne Ackermann Im Nordwesten Ugandas liegt ein Ort, von dem nicht zuletzt Europa lernen kann, wie man mit Geflüchteten umgeht: Bidibidi. Einst nicht mehr als ein Dorf, etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernt, entsteht hier derzeit das grösste Flüchtlingslager der Welt. Anders als viele Menschen in Europa denken, schaffen es die meisten afrikanischen Flüchtlinge nicht über das Mittelmeer, sondern bestenfalls in ein Nachbarland. 15,6 Millionen Menschen – jeder Vierte von mehr als 60 Millionen Flüchtlingen weltweit – fanden 2015 Aufnahme in einem der Staaten südlich der Sahara. In Europa waren es im selben Jahr knapp 1,2 Millionen.

So viele wie in Uganda allein. Doch während in den reichen EU-Staaten weiter über Aufnahmequoten gestritten wird, hat sich das Land mit einem Pro-Kopf-Monatseinkommen von 42 Euro bereit erklärt, Flüchtlingen vor allem aus dem Südsudan grosszügig Aufnahme zu gewähren – obwohl es dabei selbst an seine Belastungsgrenzen gerät.

Raus aus der Abhängigkeit

Bidibidi liegt inmitten sanft geschwungener Hügel und gleicht einem riesigen Dorf – trotz 270 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Manche sitzen vor strohgedeckten Lehmhütten, auf der Strasse toben Kinder. Ein paar Familien, die schon länger da sind, bestellen bereits ihre Äcker. Neuankömmlinge zimmern sich Notunterkünfte. Noch verläuft hier alles geordnet.

Das Geld könnte bald knapper werden. Sollte etwa Donald Trump wie angekündigt die Ausgaben für Entwicklungshilfe drastisch kürzen.

«Das könnte sich schnell ändern», sagt Robert Baryamwesiga, der Bidibidi und die umliegenden Camps im Auftrag der Regierung in Kampala leitet. So sei das Geld für die Versorgung schon jetzt knapp. «Und es könnte bald noch viel knapper werden», so Baryamwesiga. Sollte etwa US-Präsident Donald Trump wie angekündigt die Ausgaben für Entwicklungshilfe drastisch kürzen, wäre schnell Schluss mit Ugandas grosszügiger Flüchtlingspolitik: Laut UNHCR stammen rund 54 Millionen US-Dollar Soforthilfe aus den USA. Die EU gibt 4,4 Millionen.

Schnell raus aus der Abhängigkeit, lautet deshalb der Ansatz in Bidibidi. Anders als im kenianischen Dadaab, wo seit drei Jahrzehnten 300 000 Flüchtlinge am Tropf der Entwicklungshilfe hängen, setzt die ugandische Regierung auf Integration: Stella Akita und ihre Schwestern etwa haben das Recht, unmittelbar nach ihrer Registrierung eine Arbeit aufzunehmen. An der Hauptstrasse von Bidibidi sind Werkstätten entstanden, Kioske, Restaurants und Friseurläden. Familien erhalten Land zur eigenen Bewirtschaftung. Man sorgt vor – auch deshalb, weil die meisten südsudanesischen Flüchtlinge in Uganda bleiben werden, zumindest vorerst.

Arme helfen Armen

Addi Mahazin und seine Familie. © Anne Ackermann Das allerdings sorgt auch für Konflikte mit den Alteingesessenen, schliesslich lebt jeder Dritte der rund 34 Millionen Einwohner Ugandas in extremer Armut. Immer wieder gebe es Fälle von Bettelarmen, die sich aus lauter Verzweiflung in den Aufnahmelagern als Flüchtlinge ausgeben, erzählen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. «Was ich von den Flüchtlingen halte? », fragt Addi Mahazin und rückt den Plastikstuhl vor seiner Hütte zurecht.

Seit Generationen lebt die Familie des 57-Jährigen in Kowanga, einem Dorf in der Nähe von Bidibidi. «Das sind Nachbarn, keine Fremden», sagt er. Er könne sich noch gut an die späten 1970er und 1980er Jahre erinnern. «Früher rannten wir selbst um unser Leben wegen der politischen Unruhen in Uganda. Die Menschen im Sudan haben uns damals aufgenommen.»

Gute Geschäfte

Über den Hof laufen ein paar Hühner, Mahazin deutet auf eine kleine Baumplantage hinter dem Haus. «Alles Bauholz, das ich demnächst nach Bidibidi verkaufe», sagt er. Bevor die Flüchtlinge gekommen seien, habe er seine Teakhölzer bis nach Yumbe oder noch weiter karren müssen – ohne dass ihm dort viel abgenommen worden wäre. Aber jetzt, wo in Bidibidi überall gebaut werde, erhoffe er sich gute Geschäfte – auch deshalb, weil durch die Flüchtlinge Hilfsorganisationen ins Land kommen und mit ihnen Gelder und Güter.

Robert Mandela mit seinen Freunden Noel und Kenedy. © Anne Ackermann Das Aufnahmelager von Goboro am späten Nachmittag, zehn Kilometer von der südsudanesischen Grenze entfernt. Der Regen hat das im Wald gelegene Areal in eine Pfützenlandschaft verwandelt. Vier Zelte sind hier als Notunterkünfte hergerichtet, daneben eins für die Krankenversorgung sowie ein Küchenzelt und Zeltlatrinen. Busse stehen bereit, die die Neuankömmlinge nach einer warmen Mahlzeit und einer Nacht im Aufnahmelager weiter nach Bidibidi bringen. Ein Junge in Shorts und Badelatschen springt über die Pfützen, in seiner Hand hält er ein glimmendes Stück Holz. «Zum Feuermachen », ruft er und deutet auf eines der Zelte. Dann muss er schnell weiter.

Keine zehn Minuten später ist er wieder zurück. «Robert Mandela aus Yei», sagt er freundlich und streckt die Hand zur Begrüssung aus. Auf seinem viel zu grossen T-Shirt steht in weissen Lettern «Humans are so interesting». Sechs Tage haben er und seine beiden Freunde Noel und Kenedy von der Stadt im Südwesten Jubas gebraucht, um über die Grenze zu gelangen, erzählt der 14-Jährige. «Tagsüber sind wir durch die Hitze gelaufen. Am Wegesrand haben wir Mangos gepflückt und gegessen. Nachts haben wir uns zum Schlafen in die Büsche geschlagen.»

In Goboro sind die drei Jungen ohne Gepäck angekommen; ihre Eltern haben sie bereits bei Beginn des Kriegs im Südsudan 2013 verloren. Zurück wolle keiner von ihnen, sagt Robert. Ihm beipflichtend schütteln die beiden anderen die Köpfe. Was er sich von Uganda erhoffe? Etwas zu essen, Gesundheit und eine Schule, damit später etwas aus ihm werde. Und in Freiheit leben wolle er auch, um die Angst loszuwerden und die Erinnerungen an den Krieg auf der anderen Seite der Grenze.