Sieg gegen Riesen: Máxima Acuña © Raúl García Pereira
Sieg gegen Riesen: Máxima Acuña © Raúl García Pereira

Im Visier der Macht Mit Beharrlichkeit zum Ziel

Von Hannah El-Hitami. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2017.
Grosse Reformen und schleichender Wandel, lange Kämpfe und plötzliche Siege: Der Einsatz für die Menschenrechte ist mühsam und gefährlich. Erfolge sind mal wegweisend, oft sind sie ganz alltäglich. Diese mutigen Menschen erzählen, was sie zum Weitermachen motiviert.
Peru

Máxima Acuña © Amnesty International Kleinbäuerin gegen Grosskonzern: Es ist ein ungleicher Kampf, den die peruanische Umweltaktivistin Máxima Acuña endlich für sich entschieden hat. Seit über 20 Jahren wohnt sie mit ihrer Familie in Tragadero Grande in der Provinz Cajamarca. Weil das Bergbauunternehmen Minera Yanacocha auf Acuñas Land eine Goldmine bauen wollte, haben seine Mitarbeiter sie jahrelang schikaniert, körperlich angegriffen und auch verklagt – wegen «Landbesetzung». Nachdem ein Gericht in Cajamarca 2014 schon einmal zu ihren Gunsten entschieden hatte, stellte das Oberste Gericht des Landes das Verfahren im Mai 2017 endgültig ein. Der Richterspruch ist ein Meilenstein für alle, die sich in Lateinamerika und weltweit für die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen und gegen die Vertreibung indigener Bevölkerungen einsetzen.

«Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich nicht allein bin. Ich werde von so vielen Menschen weltweit unterstützt, aus vielen verschiedenen Ländern. (…) Ich verteidige das Land und das Wasser, denn ohne sie gibt es kein Leben. Ich habe keine Angst vor der Macht der Konzerne. Ich werde weiterkämpfen.»

Indien

Henri Tiphagne © Oliver Wolff Seit mehr als 20 Jahren dokumentiert die Organisation People’s Watch Menschenrechtsverletzungen und vertritt Betroffene vor Gericht. Ihr Gründer Henri Tiphagne ist einer der bekanntesten Menschenrechtsverteidiger Indiens. Diese Prominenz schützt ihn nur bedingt vor den Verleumdungskampagnen der indischen Regierung. Jüngst haben die Behörden erneut die Bankkonten seiner NGO eingefroren. Die Regierung in Delhi nutzt das «Gesetz über ausländische Finanzierung», um Menschenrechtsorganisationen wie People’s Watch zu schikanieren. Doch Tiphagne und seine MitarbeiterInnen geben nicht auf. Die Arbeit geht weiter, auch ohne finanzielle Mittel.

 «Die Regierung hat die Möglichkeit, mich für die nächsten zehn Jahre in Prozesse zu verwickeln. Ich will nicht in zehn Jahren gewinnen, denn dann bin ich nicht mehr produktiv. Aber ich kann auf der Strasse weiterkämpfen, mit mehr und mehr Brüdern und Schwestern an meiner Seite, um zu betonen, dass es keine Demokratie in Indien geben kann, wenn die Rechte von zivilgesellschaftlichen Akteuren weiterhin beschnitten werden. Das ist meine Hoffnung und darin werden wir langfristig Erfolg haben.»

Burundi

Pierre Claver Mbonimpa © Sarah Eick Freitags trägt Pierre Claver Mbonimpa grün, so, wie zahlreiche AktivistInnen, die während seiner Inhaftierung 2014 regelmässig am «grünen Freitag » für ihn demonstrierten. Sogar ein Gefängniswärter zeigte ihm damals heimlich die grünen Socken unter der Hose. Mbonimpa ist einer der bekanntesten burundischen Menschenrechtsaktivisten und setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte von Gefangenen ein. Zum Missfallen der Regierung: 2015 wurde ein Mordanschlag auf ihn verübt, den er knapp überlebte. Während er in Belgien im Krankenhaus lag, wurden sein Sohn und sein Schwiegersohn ermordet. Dennoch setzt sich Mbonimpa aus dem belgischen Exil weiter für die Menschenrechte in seiner Heimat ein. Mithilfe seiner Kontakte in Burundi trägt er Informationen über Menschenrechtsverletzungen zusammen, seine Organisation APRODH veröffentlicht regelmässig Berichte. Jede Woche gibt er mehrere Interviews, die von Exil-Radiosendern auch in Burundi gesendet werden. Damit will er seinen MitstreiterInnen vor Ort zeigen, dass sie trotz allem auf ihn zählen können.

 «Ohne die Unterstützung der Bevölkerung hätte ich schon lange aufgegeben. Als ich inhaftiert wurde, demonstrierten mindestens 10 000 Leute bei meiner ersten Anhörung. Sie waren sogar bereit, mich gewaltsam zu befreien, doch ich sagte ihnen, dass ich dagegen bin, weil ich Gewalt ablehne. Ich wollte, dass sie weiterhin friedlich für die Menschenrechte demonstrieren.»

Deutschland

Lucie Veith © Sarah Eick In einer Gesellschaft, die nur männlich und weiblich kennt, kämpft Lucie Veith seit den 90er Jahren um ihre Rechte als intergeschlechtlicher Mensch. Weil sie ein XY-Chromosom und statt einer Gebärmutter Hoden im Körper hatte, nötigten ihr Ärzte mit Mitte zwanzig eine geschlechtsangleichende Operation auf, infolge derer sie unter schweren Depressionen litt. Doch damit begann Lucie Veiths Kampf für die Rechte von intergeschlechtlichen Menschen in Deutschland. Etwa 1,3 Prozent der Menschen werden mit einer Variation der Geschlechtsorgane geboren. Viele werden schon als Kinder einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen, auch wenn ihre Intergeschlechtlichkeit keine gesundheitlichen Risiken birgt. Dagegen tritt Veith mittlerweile hauptberuflich ein. Zusammen mit dem Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V. ist es ihr gelungen, eine Diskussion über die Genital-OPs in Gang zu bringen und die Bedürfnisse intersexueller Menschen öffentlichkeitswirksam zu vertreten.

 «Was mich trägt, ist die Gewissheit, dass ich das Kind einer grossen Liebe bin und dass ich ein Mensch bin. Ich bin intersexuell, ich wurde normiert, ich bin kastriert worden und trotzdem lebe ich hier und ich bin ein Mensch und ich möchte, dass mir auch in meinem Land die Menschenrechte garantiert werden.»