«Meine grosse Angst ist, dass die IS-Kämpfer einfach ihre Bärte abrasieren und durch die Strassen der Stadt gehen, als sei nichts passiert», sagt Nadia Murad. © KEYSTONE/CTK/Vit Simanek
«Meine grosse Angst ist, dass die IS-Kämpfer einfach ihre Bärte abrasieren und durch die Strassen der Stadt gehen, als sei nichts passiert», sagt Nadia Murad. © KEYSTONE/CTK/Vit Simanek

Jetzt erst Recht Eine Frau gegen den «Islamischen Staat»

Von Manuela Reimann Graf. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2017.
Nadia Murad wurde vom «Islamischen Staat» im Nordirak verschleppt und sexuell versklavt. Heute kämpft die Jesidin dafür, dass die Dschihadisten vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden.

Sie hat die Hölle überlebt. Sie wurde von den Kämpfern des «Islamischen Staats» (IS) verschleppt, versklavt und vergewaltigt – oft mehrmals täglich. Doch Nadia Murad hat dies nicht gebrochen. Seit sie aus der Gefangenschaft fliehen konnte, engagiert sich die junge, zerbrechlich wirkende Jesidin unermüdlich für die Befreiung der Frauen, die weiterhin in den Händen des IS sind. Und sie will die Täter vor Gericht bringen.

Nadia Murad hätte ein neues Leben beginnen sollen, in Sicherheit – begleitet von Therapien.Sie entschied sich für einen anderen Weg.

Mitte Dezember 2015, nur ein Jahr nach ihrer Flucht aus der Gefangenschaft, tritt die 21-jährige Nadia Murad vor den Uno-Sicherheitsrat. Sie erzählt von ihrem Leidensweg. Wie mit dem Hissen der schwarzen Flagge des IS auf den Häusern der irakischen Stadt Sinjar und der Dörfer in der Umgebung das grosse Morden begann. Wie ihr Dorf Kocho im Norden Iraks überfallen, die Mutter, sechs Brüder und weitere Familienmitglieder getötet wurden. Sie musste zusehen, wie andere Buben – darunter Murads Neffen – entführt wurden, um zu Kindersoldaten für den IS gemacht zu werden. Die Dschihadisten verschleppten schliesslich Nadia Murad gemeinsam mit 150 weiteren Mädchen und Frauen. Drei Monate lang wurde Nadia Murad sexuell missbraucht, nach einem Fluchtversuch wurde sie bestraft, gefoltert. Sie erzählt, wie sie schliesslich mit Hilfe einer muslimischen Familie fliehen konnte, in ein Flüchtlingslager gelangte und dank eines baden-württembergischen Schutzprogramms gemeinsam mit einer Schwester nach Deutschland kam. Sie hätte ein neues Leben beginnen sollen, in Sicherheit – begleitet von Therapien, um das Geschehene zu verarbeiten. Doch Nadia Murad entschied sich für einen anderen Weg.

Von der Sklavin zur Botschafterin

Seither hat Nadia Murad ihre Geschichte Dutzende Male erzählt. Mithilfe der NGO Yazda, die sich für überlebende JesidInnen und die Rechte dieser Minderheit einsetzt, reist sie von Land zu Land, von Staatsoberhaupt zu Staatsoberhaupt. Ihre grosse Angst sei es, so Nadia Murad, «dass die IS-Kämpfer, wenn die Miliz einmal besiegt ist, einfach ihre Bärte abrasieren und durch die Strassen der Städte gehen, als sei nichts gewesen.» Dies sagt sie im  September 2016 in ihrer Dankesrede, als sie von Generalsekretär Ban Ki-Moon zur ersten Uno-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel ernannt wird. Kurz darauf erhält sie den Václav-Havel-Menschenrechtspreis und den Sacharow-Preis; auch für den Friedensnobelpreis war sie 2017 nominiert.

Zeugnis ablegen

Murad spricht detailliert über das Erlebte und die Schandtaten, die sie mitansehen musste, obwohl es ihr sichtlich schwerfällt. Sie tut es, obwohl in ihrer Kultur das Erlebte mit Tabus und Scham belegt ist. Aber sie will Zeugnis  ablegen über das, was den Frauen ihres Volkes angetan wurde. Und über den Völkermord, der an ihrem Volk begangen wurde. Sie will, dass das Morden aufhört und gesühnt wird. Nadia Murad ist überzeugt, dass möglichst viele Jesidinnen und Jesiden von den erlebten Gräueln sprechen müssen, damit die Welt davon Kenntnis nimmt.

Nadia Murad spricht über das Erlebte, obwohl es in ihrer Kultur mit Tabus und Scham belegt ist. 

Bei der Verschleppung und Versklavung von rund 5000 jesidischen Frauen und Mädchen ging es – so Murad – nie nur darum, die Kämpfer mit den «Trophäen des Sieges» zu belohnen. Das Ganze sei Teil einer Strategie, das jesidische Volk auszulöschen. Dieser Völkermord, der inzwischen von der Uno als solcher anerkannt wurde, hatte im August 2014 mit der Eroberung der Stadt Sinjar durch den IS im Irak begonnen. Tausende JesidInnen wurden seither vom IS getötet. Die Anhänger dieser uralten, monotheistischen Religion werden vom IS als ungläubige Teufelsanbeter angesehen; die Führer der «Gotteskrieger» machten denn auch aus ihrer Absicht, die JesidInnen ausrotten zu wollen, nie einen Hehl.

Auch heute ist das Grauen noch nicht vorbei, der IS nicht besiegt. Noch im August dieses Jahres gingen die Verbrechen an den JesidInnen durch den IS im Irak weiter, wie die Uno-Ermittlungskommission für Syrien in einem Bericht bestätigte. Tausende Männer und Buben werden vermisst, weiterhin befinden sich mehr als 3000 Frauen in den Händen der Islamisten. Trotz der Verpflichtung der Weltgemeinschaft, solche Taten zu verhindern, werde der Genozid praktisch nicht thematisiert, kritisierte die Uno-Ermittlungskommission für Syrien.

Zwei Frauen machen Druck

Seit September 2016 wird Nadia Murad in ihrem Kampf von der prominenten Anwältin Amal Clooney unterstützt, was noch mehr Publicity ermöglichte. Die beiden Frauen wurden wegen ihres Engagements auch schon von IS-Anhängern bedroht. Dennoch arbeiten Murad und Clooney weiter darauf hin, dass eine internationale Ermittlung zu den Verbrechen des IS gestartet werden kann, damit genügend Beweismaterial gesammelt und an den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) geschickt wird. ZeugInnen müssten befragt, Massengräber gesucht und geöffnet werden. Da weder der Irak noch Syrien das Römer Statut unterschrieben haben, könnte der ICC nur mit einem Auftrag des Uno-Sicherheitsrats Untersuchungen beginnen. Doch lange passierte von dieser Seite her nichts. Murad und Clooney lobbyierten weiter, reisten von Staatschef zu Premierministerin. Es gelang ihnen, die britische Regierung ins Boot zu holen. Diese drängte darauf, dass die irakische Regierung selbst um eine internationale  Untersuchungskommission ersucht. Schliesslich lenkte der Irak ein und bat um internationale Hilfe für die notwendigen Untersuchungen.

Am 24. September kam dann der erste grosse Erfolg der beiden unermüdlichen Frauen: Die 15 Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats nahmen einstimmig die von Grossbritannien eingebrachte Resolution 2379 an, die eine Untersuchung der Kriegsverbrechen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit verlangt, die vom Islamischen Staat begangen wurden – darunter auch diejenigen an den JesidInnen.