Schillernder Reporter: Wie Anas Aremeyaw Anas aussieht, weiss niemand. © Tiger Eye Foundation
Schillernder Reporter: Wie Anas Aremeyaw Anas aussieht, weiss niemand. © Tiger Eye Foundation

Jetzt erst Recht Rächer des Rechtsstaats

Von Hannah El-Hitami. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2017.
Der ghanaische Journalist Anas Aremeyaw Anas arbeitet mit drastischen Methoden, um Korruption, Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufzudecken.

Was wie die Ansage eines Superhelden aus einem seichten Blockbuster klingt, sind die Worte des ghanaischen Journalisten Anas Aremeyaw Anas in dem Filmporträt «Chameleon»: «Wo du dich auch versteckst, wenn du ein Krimineller bist, werde ich dich finden. Ich komme über den Landweg, über das Meer oder aus der Luft. Wo immer du bist, ich werde kommen.» Tatsächlich wird der ungewöhnliche Reporter in Ghana von vielen als Held gefeiert – und präsentiert sich in den Medien auch gerne selbst als Gerechtigkeitskämpfer, als geheimnisvoller Rächer des Rechtsstaats.

Anas ist Undercoverjournalist, der wohl bekannteste auf dem afrikanischen Kontinent. Wie er aussieht, weiss niemand.

Anas ist Undercoverjournalist, der wohl bekannteste auf dem afrikanischen Kontinent. Wie er aussieht, weiss niemand: Bei öffentlichen Auftritten verbirgt er sein Gesicht hinter Perlenvorhängen, Kabelsalat oder Häkeldeckchen. Diese Exzentrik mag zu seinem Kultstatus beigetragen haben. Manche wollen glauben, er sei kein Mensch und könne durch Wände gehen. Im übertragenen Sinne stimmt das sogar: Mit versteckter Kamera ist Anas in seinen 17 Jahren als Undercoverjournalist in Räume und Situationen vorgedrungen, die der Öffentlichkeit sonst verborgen bleiben.

Für seine investigative Arbeit liess er sich in eine Psychiatrie einweisen, ins Gefängnis sperren und ging monatelang noch einmal zur Schule, um Übergriffe an einem Gymnasium aufzudecken: «Ich musste sogar eine Freundin auf dem Campus haben», erzählt Anas vergnügt am Telefon. «Wir gingen zusammen in Clubs und Bars. Aber das war natürlich alles Teil meiner Arbeit.» Besonders gerne erinnert er sich an gefährliche Missionen: als er sich als Felsen tarnte, um Kakaoschmuggler zwischen Ghana und der Elfenbeinküste zu schnappen, oder in die Rolle eines arabischen Kronprinzen schlüpfte, um chinesische Menschenhändler in Ghana aufzuspüren. Unter dem Namen Joseph Jesus Christ trat er einer christlichen Sekte in der ghanaischen Ashanti-Region bei, um dort Kindesmissbrauch ans Licht zu bringen.

Seine kühne Mission: «Naming, shaming and jailing» – also aufspüren, blossstellen und hinter Gitter bringen. Die drei Worte sind sein Mantra, er erwähnt sie bei jeder Gelegenheit, wenn er auftritt – und sich von seinen Fans bejubeln lässt. Die Stimme des stets sorgfältig gekleideten Mittdreissigers ist ruhig und fest, als er am Telefon von seiner Arbeit spricht. Wie viele Missionen er bereits erfüllt hat, weiss er nicht. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. «Meine Geschichten hatten einen grossen Einfluss, nicht nur auf Ghana, sondern auf Afrika und die ganze Welt.»

Korrupte Richter

Tatsächlich hat der Star der ghanaischen Medien zahlreiche Menschen vor Gericht und ins Gefängnis gebracht. Dafür erhielt er auch internationale Anerkennung, unter anderem lobten Kofi Annan und Barack Obama seinen furchtlosen Einsatz für Recht und Gerechtigkeit. In seiner wohl prominentesten Story «Ghana in the Eyes of God» traf sein Kampf gegen das Unrecht sogar die Justiz selbst. Die dreistündige Dokumentation wurde 2015 veröffentlicht – wie immer übergab er das Ergebnis seiner Recherche nicht nur den Behörden und der Regierung, sondern zeigte es auch kostenlos in öffentlichen Filmvorführungen. Zwei Jahre lang hatte Anas Justizbeamte mit versteckter Kamera gefilmt. Er zeigte 34 Richterinnen und Richter, die Geld oder sexuelle Gefälligkeiten annahmen, um im Gegenzug Prozesse zu manipulieren. Zwölf der korrupten Beamten waren am Hohen Gericht des Landes tätig und wurden infolge des Skandals suspendiert.

Durch das Blosslegen korrupter Strukturen will er seinen Landsleuten den Glauben an die Justiz zurückgeben – denn ohne sie würde Chaos herrschen, davon ist Anas überzeugt: «Ich vertraue nicht allen Justizbeamten, aber ich glaube  an den Rechtsstaat.» Am Ende seiner Recherche steht daher nicht allein die mediale Veröffentlichung, sondern immer die Kooperation mit den Behörden. Oft sind seine Aufträge von internationalen Medienunternehmen wie Al Jazeera finanziert oder von der ghanaischen Tageszeitung «The New Crusading Guide», bei deren Vorläuferin er seine  journalistische Karriere begann. Doch es kommt auch vor, dass seine Projekte staatlich unterstützt werden, dann verschwimmt die Grenze zwischen Journalismus und Ermittlung. Ohnehin wird Anas stets im entscheidenden Moment von der Polizei begleitet, die die überführten Übeltäter festnimmt.

Anas’ moralischer Rahmen ist klar abgesteckt: Wer gegen Gesetze verstösst und der Gesellschaft schadet, habe darin keinen Platz. Er sei da radikal, sagt er. Als Beispiel nennt er den Aberglauben, der in Tansania zur Ermordung und Verstümmelung zahlreicher Albinos führt. Ihrer Haut, ihren Haaren und Knochen werden magische Kräfte zugeschrieben. «Niemand kann Menschenleben erschaffen, also hat niemand das Recht, die Körperteile eines Albinos abzuhacken», sagt Anas. 2012 hatte er die Attrappe eines Albinoarms herstellen lassen und mit versteckter Kamera Männer aufgespürt, die mit gemahlenen Knochen von Albinokindern handelten. In einem Video hält er einem der Händler den vermeintlich abgehackten Körperteil unter die Nase, bis dieser weinend schwört, nie wieder Knochenpulver zu verkaufen. Dann lässt er ihn festnehmen.

Gut und Böse

Dass Vergehen wie diese nicht nur auf den illegalen Machenschaften Einzelner, sondern auf tief verwurzeltem Irrglauben oder gesellschaftlichen Normen beruhen, lässt ihn nicht an seinem Vorgehen zweifeln. «Wir versuchen seit so vielen Jahren, Menschen aufzuklären, haben aber noch immer nichts verändert», regt er sich am Telefon auf. «Aufklärung ist wichtig, aber nicht genug. Man muss beweisen, dass das Gesetz funktioniert. Man muss beweisen, dass die Bösen zur Rechenschaft gezogen werden.»

«Menschen drohen, mich zu töten, mich zu entführen. Das ist völlig normal, wenn du in diesem Teil der Welt Reporter bist.»

Anas spricht oft von den Bösen, von den «Bad Guys», den Gaunern, denen er das Handwerk legt. Wer ihm zuhört, gewinnt den Eindruck, dass Gut und Böse klar definiert sind und man nur harte Fakten braucht, damit das Gute gewinnt. Dabei nutzt er selbst Methoden, die durchaus an einen Überwachungsstaat erinnern. «Niemand bringt einem Journalisten bei, sich zu verkleiden, in anderer Leute Privaträume einzudringen und dort Kameras zu installieren», sagt Kwesi Pratt, Chefredakteur der ghanaischen «Insight News», im Dokumentarfilm «Chameleon». «Andererseits hat Anas entscheidend dazu beigetragen, Korruption in unserer Gesellschaft aufzudecken.»

Anas lebt gefährlich. Er müsse regelmässig den Wohnort wechseln, um sich zu schützen, sagt er. «Menschen drohen, mich zu töten, mich zu entführen. Das ist völlig normal, wenn du in diesem Teil der Welt Reporter bist», erklärt Anas cool. Dass er mit seiner Arbeit auch andere in Gefahr bringt, scheint ihn nicht zu irritieren. Als Anas einem Abtreibungsarzt auf der Spur ist, der seine verzweifelten Patientinnen vor der Abtreibung zum Geschlechtsverkehr nötigt, filmt er mit versteckter Kamera das Behandlungszimmer. Auf die Frage eines Journalisten, ob das Videomaterial nicht auch die Frauen in Gefahr bringen werde, die aus der Not heraus eine illegale Abtreibung durchführen lassen wollten, antwortet Anas mit seiner üblichen Gelassenheit: «Das überlasse ich voll und ganz der Staatsanwaltschaft. Was immer sie entscheidet, werde ich respektieren.»