Geschlossene Gesellschaft: Porträt des Staatsgründers Kim Il-Sung in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. © REUTERS/Damir Sagolj/Files
Geschlossene Gesellschaft: Porträt des Staatsgründers Kim Il-Sung in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. © REUTERS/Damir Sagolj/Files

Buch Und ewig regiert die Angst

Von Boris Bögli. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2017.
Vor vier Jahren wurden seine Kurzgeschichten aus Nordkorea geschmuggelt: Der Autor Bandi erzählt in «Denunziation» vom Leben unter der totalitären Diktatur.

Li Il-Cheol will fliehen. Der brillante Ingenieur hat sich jahrelang für die Partei aufgeopfert. Weil aber sein Vater vor Jahrzehnten versehentlich einige Reispflanzen eingehen liess, wird die gesamte Familie als «Staatsfeinde» betrachtet. Die ständige Überwachung, die Hausbesuche von Geheimdienstlern haben ihn sogar an der Liebe seiner Frau zweifeln lassen. Nun erträgt es Li nicht mehr. Er wagt mit der gesamten Verwandtschaft den gefährlichen Weg übers Meer.

«Die Flucht» ist eine von sieben Kurzgeschichten im Buch «Denunziation», das der nordkoreanische Schriftsteller mit dem Pseudonym Bandi («Glühwürmchen») verfasst hat. Er soll um 1950 geboren sein und nach wie vor in Nordkorea leben. Die Authentizität der Texte, die auf die frühen 1990er Jahre datiert sind, ist nicht zweifelsfrei geklärt.

Reis als Lebenstraum

Das dennoch lesenswerte Buch erzählt vom kargen Leben in Nordkorea. Von der Willkür einer Diktatur, die ein 25-Millionen-Volk durch Zwangsarbeit, Kollektivstrafen und ein dichtes Netz von Spitzeln seit 70 Jahren unterdrückt. Den bei uns bekannten Bildern der militärischen Massenaufmärsche stellt Bandi Individuen gegenüber: Man lernt Han Kyeong-Hui kennen, deren zweijähriger Sohn sich vor einem Bildnis Karl Marx’ fürchtet. Den Pferdekutscher, Kriegshelden und Parteigänger Irya Madya, der statt eines «Hauses mit Dachziegeln» nur 13 Orden («Blechdeckel») erhält. Kim Myeong-Cheol, dem eine Reise zu seiner sterbenden Mutter verweigert wird.

Bandi beschreibt die unvorstellbare Armut im Nordkorea der 90er Jahre: Eine Frau spart sich den Reis vom Munde ab, um ihrem Mann ein Mittagessen servieren zu können. Einmal weissen Reis essen zu können, bleibt für viele sowieso ein Lebenstraum. Umso grösser der Kontrast in der Geschichte «Pandämonium». Hier trippelt die greise Frau Oh verbotenerweise auf einer abgesperrten Landstrasse, als der Konvoi Kim Il-Sungs vorbeifährt. In seiner Grosszügigkeit nimmt der «Grosse Führer», gottgleich und ganz in Silber gekleidet, die Grossmutter einige Meter in einer westlichen Luxuskarosse mit. Die von der Propaganda aufgenommenen Dankesbezeugungen der Frau Oh dröhnen danach stundenlang aus den Lautsprechern.

Rote Gespenster

Bandis Sprache entspricht den Lebensumständen: Knapp, meist freudlos, jedoch nie larmoyant. Die Metaphern – Gewehrkugel, Dolch-spitze, rote Gespenster, mittelalterliche Richter – verstärken die allgegenwärtige Bedrohung. Sogar die «fahle Mondsichel» ist in Angst.

Resigniert hat Bandi aber nicht. Im Gegenteil. «Reisst diesen roten Pilz heraus. Diesen giftigen Pilz, reisst ihn aus der Erde, auf dem ganzen Planeten, rottet ihn aus für immer!», schliesst eine Geschichte. Und man beginnt zu ahnen, dass dieses Regime, wenn es dereinst stürzt, mehr mit sich in den Untergang reissen wird, als ein paar Statuen des Kim-Clans.