David Kohler, bekannt als «Knackeboul», ist Musiker und Entertainer. © Susann Stefanizen
David Kohler, bekannt als «Knackeboul», ist Musiker und Entertainer. © Susann Stefanizen

Carte Blanche Winter in den Herzen

Der Musiker David Kohler, besser bekannt als «Knackeboul», über Flüchtlinge an Europas Grenzen.

Der Winter kommt. Auch in Griechenland.

Ich war zweimal in Flüchtlingslagern in Griechenland. Jeweils im Herbst. Kurz bevor der Winter einbrach. Die Situation war für die Menschen schon vorher unerträglich, nun würden noch Minustemperaturen und Schnee dazukommen. Ich hingegen konnte wieder gehen. Zurück in die reiche Schweiz. In die Sicherheit. In die warme Stube und zu gutem Essen. Ich war da, um mir ein Bild zu verschaffen. Um im Chaos zu helfen: Boote empfangen, Menschen umarmen. Einmal habe ich mit Rap Shootingstar Mimiks Konzerte und Workshops gegeben.

Ich bin kein Gesichtsloser, kein lästiges Problem, kein Flüchtling. Ich darf mich frei bewegen. Diese Menschen dürfen es nicht. Ihr Vergehen: Sie mussten vor Krieg und Elend flüchten. Hunderttausende lassen Hab und Gut und ihre Heimat zurück, begeben sich auf eine lebensgefährliche und zermürbende Flucht ins Nichts und vegetieren schlussendlich perspektivlos an Europas Grenzen dahin.

Sind sich die Menschen bewusst, dass an Europas Grenzen immer noch Tausende Mütter, Studentinnen, Bauern, Ingenieure, Kinder und Kindergärtnerinnen ein Leben im Elend führen, weil es das reiche Europa nicht schafft, mit vereinten Kräften zu helfen? Hauptgrund für die schändlich verwehrte Hilfe ist die populistische Stimmung in Europa.

Die flüchtenden Menschen werden von rechten Parteien auf Stimmenfang als Schmarotzer, als Eindringlinge, als Vergewaltiger, ja als Ursprung allen Übels in der Gesellschaft dargestellt. Somit sind die Grenzen und die Herzen zu. «Wir können ja auch nicht alle aufnehmen!» «Ja, aber wir haben doch auch Probleme.»

Die Geschichtsbücher werden nicht viel Gutes über Europas Verhalten in dieser Krise zu sagen wissen. Und unsere Kinder und Enkel werden Fragen stellen.

«Das sind doch alles Kriminelle und Wirtschaftsflüchtlinge», schreit es mir nach jedem Text wie diesem entgegen. Ich kann nur immer und immer wieder sagen: Menschen, die ihre gesamte Existenz aufgeben und ihr Heimatland verlassen, um mit Kindern in einem überfüllten Boot über das Meer zu kommen, haben einen sehr legitimen Grund zur Flucht. Niemand nimmt das auf sich, nur um einen etwas besseren Lebensstandard zu haben.

Flucht ist ein Asylgrund! Europa muss helfen. Das Recht auf Leben soll über nationalen Grenzen stehen. Öffnet die Grenzen! Öffnet die Herzen! Der Winter kommt.