Sie hielt sich nicht an das Fahrverbot für Frauen: Manal al-Sharif. © TAMARA VONINSKI / OCULI / Keystone
Sie hielt sich nicht an das Fahrverbot für Frauen: Manal al-Sharif. © TAMARA VONINSKI / OCULI / Keystone

Saudi-Arabien Losfahren

Von Hannah El-Hitami. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2018.
Frauen sollen ab Mitte 2018 in Saudi-Arabien Auto fahren dürfen. Ein Erfolg, auch für Manal al-Sharif, die sich verbotenerweise schon 2011 hinters Steuer setzte.

In Saudi-Arabien verändert sich etwas, dessen ist sich die 38-Jährige Manal al- Sharif sicher. Man könne wieder durchatmen. So durften Frauen im September zum ersten Mal das Stadion der Hauptstadt Riad betreten, als dort ein Fest zum Nationalfeiertag stattfand. Doch das wichtigste Signal war wohl das königliche Dekret zur Abschaffung des Fahrverbots für Frauen Ende September. Ab Juni 2018 sollen die knapp 14 Millionen Bürgerinnen des Königreichs ihre Fahrzeuge selbst steuern dürfen. Den Führerschein können sie dann ohne die Erlaubnis eines männlichen Vormunds beantragen.

Protest gegen Vormundschaft

Die Aufhebung des Verbots ist jedoch keine rein frauenrechtliche Errungenschaft. Kronprinz Mohammed Bin Salman hat eine «Vision 2030» für das Land entworfen, die unter anderem vorsieht, dass Frauen künftig etwa ein Drittel der Arbeitskräfte stellen sollen – bisher sind es lediglich 22 Prozent. Ohne selbst zur Arbeit zu fahren, wird das nicht möglich sein, ist sich die IT-Expertin und Aktivistin Manal al-Sharif sicher: «Die Frauen sind gebildet, sie sind bereit zu arbeiten, aber Mobilität ist ein riesiges Problem.» Sie selbst sei auf der Strasse sexuell belästigt und verfolgt worden, als sie eines Abends keinen Fahrer fand und sich zu Fuss auf den Heimweg machen musste.

Manal al-Sharif berichtet auch in ihrer Autobiografie «Losfahren» von ihrem Leben in Mekka, wo sie 1979 geboren wurde. Sie beschreibt, wie sie sich 2011 aus Protest gegen die männliche Vormundschaft hinters Steuer setzte und durch die Küstenstadt al Khubar fuhr. Wenige Tage später wurde sie festgenommen und verbrachte neun Tage in Untersuchungshaft, ehe sie – auch auf internationalen Druck hin – freigelassen wurde.

Weil sie danach Morddrohungen erhielt, gab sie ihre Stelle bei der staatlichen Ölfirma Aramco auf. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem jüngeren Sohn in Australien. Doch engagiert sie sich weiterhin für Frauenrechte in ihrem Heimatland. «Wir haben Frauen ermutigt, ihren Führerschein im Ausland zu machen, und Unterschriften gesammelt. Wir haben Kampagnen und Studien durchgeführt, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Und jetzt haben wir es tatsächlich geschafft», erzählt sie in einem syrischen Restaurant in Berlin.

Steuer in Frauenhänden

Ginge es nach dem Willen der saudischen Führung, dürfte sie das eigentlich gar nicht sagen. Der Staatssicherheitsdienst habe sie nach Verkündung des Dekrets vor jeglicher Äusserung gewarnt. Zunächst habe sie sich daran gehalten. Doch als sie feststellte, dass Frauen, die sich zuvor nie engagiert hatten, in sozialen Medien plötzlich die Regierung lobten und gleichzeitig Aktivistinnen wie Manal al-Sharif angriffen, habe sie ihr Schweigen gebrochen.

Schliesslich ist es auch ein Sieg der saudischen Frauen und ihrer männlichen Verbündeten, die schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert begannen, sich gegen das Fahrverbot aufzulehnen. Bereits 1990 waren 47 Frauen in 15 Fahrzeugen durch Riad gefahren – weil sie es satt hatten, immer von Männern abhängig zu sein. Seitdem nahmen entschlossene Frauen das Steuer immer wieder selbst in die Hand, trotz des Risikos, inhaftiert zu werden und damit Job oder Familie zu verlieren. Die Versuche der Sicherheitskräfte, Manal al-Sharif und andere Aktivistinnen zum Schweigen zu bringen, zeigen, dass diese Gefahr immer noch nicht völlig gebannt ist.