© Bernisches Historisches Museum/Christine Moor
© Bernisches Historisches Museum/Christine Moor

Kultur Vom Warten im Ungewissen

Von Fabienne Jacomet. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2018.
Wer alles hinter sich lässt, tut dies selten aus freien Stücken. Die Ausstellung «Flucht» beleuchtet, warum Menschen ihre Heimat verlassen, was sie auf der Flucht erleben und was sie in der Schweiz erwartet.

Warum sind 66 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht? Woher kommen sie, wo finden sie eine neue Heimat? Welche Erlebnisse prägen sie und was sind ihre Träume und Zukunftsperspektiven? Was leistet die Schweiz in den Konfliktgebieten und wie läuft ein Asylverfahren ab? Diesen Fragen widmet sich die Wanderausstellung «Flucht», die für die nächsten Monate im Historischen Museum in Bern gastiert.

Der Einstieg ist emotional: Eine Videoinstallation des Filmemachers Mano Khalil zeigt Bilder vom Bombenhagel über Aleppo, von wartenden Menschen in Camps, von überfüllten Booten auf dem Mittelmeer. Daneben stehen Worte wie Gewalt, Krieg, Folter, Verfolgung – die eindringlichsten Gründe für eine Flucht.

Die weitere Ausstellung folgt den Fluchtgeschichten von fünf Menschen. Sie sind fiktiv, beruhen aber auf wahren Biografien. So steht Hayat, die Lehrerin, die mit ihren Kindern aus Homs flieht, für über eine Million syrische Flüchtlinge im Libanon. Abdi, der innerhalb Somalias einer Terrorgruppe entkommt, ist Binnenvertriebener. Diese machen zwei Drittel aller Menschen auf der Flucht aus, wie das «Fluchtbarometer» zeigt, einer der Infobildschirme, der Statistiken in anschauliche Grafiken überträgt. Die mühseligen Fluchtwege und die mit ihnen verbundenen Gefahren und Ängste werden eindrücklich nachgezeichnet. Objekte und Fotos veranschaulichen die Flucht, geben Einblicke in den Alltag in der neuen Unterkunft und wecken das Interesse für den kulturellen Hintergrund der Geflüchteten.

Im Anschluss wird erklärt, wer in der Schweiz Asyl erhält und wie ein Asylverfahren abläuft. Eindrücklich ist das Video, das die Anhörung zu den Asylgründen aus zwei Perspektiven beleuchtet: Ein Befrager des Staatssekretariats für Migration (SEM) erklärt den Ablauf eines Gesprächs, und Geflüchtete erzählen, wie sie ihr Verfahren erlebt haben und warum es nicht immer einfach ist, alle Details der eigenen Geschichte in Worte zu fassen. Zum Schluss werden Herausforderungen der Integration thematisiert, und eine Hörstation lädt dazu ein, über das eigene Verhältnis zur kulturellen Vielfalt in der Schweiz nachzudenken.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt der Eidgenössischen Migrationskommission EKM, des SEM, des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen UNHCR und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA. Im Fokus der Organisationen stehen Erfolgsgeschichten. Nicht thematisiert werden etwa die Auswirkungen der Dublin-Rückführungen für Länder wie Italien oder die verheerenden Folgen aktueller politischer Entwicklungen wie der Migrationsabkommen der EU mit Libyen. Trotz blinder Flecken hat die Ausstellung für verschiedene Altersklassen viel zu bieten: Nicht zuletzt fördert sie das Verständnis für das, was Geflüchtete erlebt haben, und regt zum Nachdenken und Nachfragen an.