© trigon-film.org
© trigon-film.org

Kultur Zwischen Sehnsucht und Realismus

Von Astrid Herrmann. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2018.
In ihrem neuen Film «Wajib» nimmt uns die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir mit auf eine berührende Reise durch die Stadt Nazareth. Das feinfühlige Drama zeigt, wie sich der israelisch-palästinensische Konflikt selbst in intimen Familienbeziehungen widerspiegelt.

Im alten Familienvolvo fahren Vater und Sohn in Nazareth von Haus zu Haus: Die beiden müssen mehr als 300 Hochzeitseinladungen an Familienmitglieder, Nachbarinnen, Freunde und Bekannte persönlich überbringen – so will es der palästinensische Brauch Wajib («Verpflichtung»). Um seinen Vater bei den Vorbereitungen zur Hochzeit seiner Schwester zu unterstützen, ist der Architekt Shadi eigens aus Rom in die Heimat gereist. In «Wajib», dem neuen Film der palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir, begleiten wir Vater und Sohn einen Tag lang auf ihrer Mission – und erhalten dabei Einblicke in die palästinensische Kultur und den Alltag der Bevölkerung in Nazareth.

Nazareth liegt im Norden Israels und wird mehrheitlich von muslimischen und christlichen PalästinenserInnen bewohnt. Die engen Gassen der Stadt sind der ideale Schauplatz, um die unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen von Vater und Sohn zu verdeutlichten. Während Vater Abu Shadi Wert auf Traditionen legt und in Nazareth in jeder Hinsicht zu Hause ist, vertritt der in Rom lebende Sohn Shadi progressive Ansichten und tut sich mit den Gepflogenheiten in seiner Heimat teilweise schwer. Diese Unterschiede zeigen sich auch in ihrer Perspektive auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina: Der geschiedene Abu Shadi, der in Nazareth als Lehrer arbeitet, hat sich mit den Israelis arrangiert. Der idealistische Sohn kann der pragmatischen Sichtweise des Vaters wenig abgewinnen. Eine Rück kehr nach Nazareth, von seinem Vater erhofft, kommt für Shadi nicht in Frage.

Auch Shadis Beziehung zu Nada, einer ebenfalls in Rom lebenden Palästinenserin, sorgt beim Vater für Stirnrunzeln. Am liebsten würde er seinen Sohn mit einer der schönen Töchter aus der Gegend verkuppeln. Shadi seinerseits ist sich bewusst, dass sein Vater die Trennung von der Mutter, welche die Familie verlassen hat und mit ihrem neuen Lebenspartner in Amerika lebt, noch nicht verwunden hat. Er tut sich deshalb schwer, in Gegenwart des Vaters von ihr zu sprechen.

Die Stärke der Erzählung liegt in ihrem ruhigen Tempo und in ihrer Intensität. Die Schauspieler Mohammad und Saleh Bakri, die auch im richtigen Leben Vater und Sohn sind, stellen die verschiedenen Facetten der Beziehung zwischen Abu Shadi und Shadi ohne viel Worte, aber einfühlsam und pointiert dar. Aus den einprägsamen Szenen entsteht ein vielschichtiges Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung, die nicht nur zwischen Zuneigung und Frustration schwankt, sondern auch im Spannungsverhältnis zwischen dem Leben in der Heimat und im Exil, zwischen Sehnsucht und Realismus, zwischen Tradition und Moderne bestehen muss.