Lore Zablonier, Vorstandsmitglied der Klimaseniorinnen, bei der Klimawäsche. © Nelly Rodriguez
Lore Zablonier, Vorstandsmitglied der Klimaseniorinnen, bei der Klimawäsche. © Nelly Rodriguez

Klimawandel und Menschenrechte «Das reicht uns nicht»

Von Carole Scheidegger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2018.
Bei Hitze im Haus bleiben und die Rollläden herunterlassen? Mit diesem Ratschlag wollen sich die Klimaseniorinnen nicht abspeisen lassen. Sie fordern, dass der Bund mehr gegen die globale Erwärmung tut.

Wie geht eine Klimawäsche? Heidi Witzig weiss es. Sie steht in einem Saal des Zürcher Kunsthauses und bittet die rund 50 Menschen vor ihr, bei der Wäsche mitzumachen. In kleinen Gruppen sollen die AusstellungsbesucherInnen zusammensitzen und konkrete Massnahmen diskutieren, mit denen der Klimawandel aufgehalten werden kann. Die Aktion findet im Rahmen der Ausstellung «Autorreconstrucción: Social Tissue » des mexikanischen Künstlers Abraham Cruzvillegas statt.

Damen im besten Alter, wie es so schön heisst, wandten sich mit einer Klage an den Bundesrat.

Die Historikerin Heidi Witzig ist eine von rund 1000 Klimaseniorinnen in der Schweiz. Dieses Projekt, von Greenpeace initiiert und unterstützt, erfuhr bei der Lancierung eine hohe Medienaufmerksamkeit. Damen im besten Alter, wie es so schön heisst, wandten sich im November 2016 mit einer Klage an den Bundesrat und drei Bundesbehörden. Bekannt wurde sie als «Klimaklage», der juristische Titel war weniger knackig: das «Begehren um Einstellung von Unterlassungen im Klimaschutz». Die Antwort des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) kam ein halbes Jahr später und ging gar nicht auf das Anliegen ein, sondern hielt einfach fest, die Klimaseniorinnen seien nicht klageberechtigt. Gegen diesen Nichteintretensentscheid hat der Verein eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht, die bei Redaktionsschluss noch hängig war.

Es geht um uns

Die Seniorinnen wollen zeigen, dass der Klimawandel nicht nur Menschen auf versinkenden Südseeinseln oder die Eisbären am Polarkreis betrifft, sondern auch uns hier in Mitteleuropa. Die Argumentation lautet:

Der Hitzesommer 2003 habe mehr als 70'000 zusätzliche Todesfälle in ganz Europa gefordert.

Von den vermehrten und intensiveren Hitzewellen durch den Klimawandel seien ältere Menschen besonders betroffen, und Frauen noch stärker. Der Hitzesommer 2003 habe mehr als 70'000 zusätzliche Todesfälle in ganz Europa gefordert. Und die Bundesbehörden seien in der Pflicht, dagegen mehr zu tun: Sie würden nämlich nicht genügend dafür leisten, dass die Klimaerwärmung auf 2 Grad begrenzt werden kann, obwohl das im Schweizer CO2-Gesetz als Reduktionsziel bis 2020 verbrieft ist. «Die Empfehlung des Bundes an uns ist: Wenn es heiss wird, sollen wir die Rollläden herunterlassen und im Haus bleiben», sagt Klimaseniorinnen-Vorstandsmitglied Lore Zablonier. «Das reicht uns einfach nicht!» Die Seniorinnen sind bereit, mit ihrem Anliegen notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu gehen.

Zurück ins Kunsthaus: Die BesucherInnen – es überwiegen die älteren Semester – machen engagiert mit, schreiben Zeilen wie «weniger fliegen», «Bio-Landwirtschaft», «kein Fleisch essen» auf ihre Blätter und hängen sie an eine Wäscheleine. Dann folgt die Diskussion. Man ist sich ziemlich einig, was es zu tun gälte, will aber niemanden bevormunden. «Soll ich meine Bekannten, die ständig Fernreisen mit dem Flugzeug machen, darauf hinweisen, wie schlecht das fürs Klima ist?», fragt eine Besucherin. Nein, denken die anderen – vielleicht begeht man ja selbst eine Klimasünde, man solle also besser vor der eigenen Haustüre wischen. Wichtig sei es, die richtige Balance zu suchen. «Alles sollte ausgewogen sein», ruft Heidi Witzig ihren Gästen als Schlusswort zu.