Kein Regen, kein Gras, keine Milch: Thailand wird immer wieder von Dürren heimgesucht, mit dem Klimawandel drohen diese häufiger aufzutreten. © Sukree Sukplang / Reuters
Kein Regen, kein Gras, keine Milch: Thailand wird immer wieder von Dürren heimgesucht, mit dem Klimawandel drohen diese häufiger aufzutreten. © Sukree Sukplang / Reuters

Klimawandel und Menschenrechte Fehlt der Regen, dann fehlt der Reis

Von Mathias Peer. Mitarbeit: Pintong Lekan. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2018.
Der Klimawandel verschärft die schweren Dürreperioden, von welchen Thailands Reisbauern und -bäuerinnen immer wieder getroffen werden. Ernteausfälle treiben sie in die Hände von Kredithaien.

Kurz bevor die Regenzeit beginnt, hat Laam Lakul viel auf ihrem Feld zu tun. Zusammen mit HelferInnen pflügt die Bäuerin aus Ban Pho Tak, einem kleinen Dorf im Nordosten Thailands, dann ihren fast vier Hektar grossen Acker um. Hinterher verteilt sie die Reissamen über dem Boden. Und dann hofft sie auf ihr Glück. Wenn es genug regnet, hat die 66-Jährige ein gutes Jahr. Dann erntet sie weit mehr Reis, als ihre Familie essen kann. Doch bleibt der Regen aus, dann fehlt auch die Ernte. Stattdessen droht die Schuldenfalle.

An die letzte Dürre kann sich Frau Laam noch gut erinnern. Erst zwei Jahre ist es her, dass Ban Pho Tak so trocken war wie ein Wüstendorf. «Ich war nervös, ich hatte Angst», sagt sie. «Ich wusste nicht, ob wir genug zu essen haben werden. » Das Wetterphänomen El Niño sei schuld, dass es schon das zweite Jahr in Folge viel weniger Niederschlag gebe als sonst, erklärten MeteorologInnen damals. Frau Laam und ihre Familie zählten zu den Leidtragenden: Statt 200 Säcken Reis, die ihr Feld normalerweise abwirft, passte die gesamte Ernte in 50 Säcke. Die Kredite, die sie zuvor für den Kauf von Düngemitteln aufgenommen hatte, wurden trotzdem fällig. «Mein Sohn arbeitet in der lokalen Verwaltung», erzählt Laam. «Wir waren auf sein Geld angewiesen.»

Es trifft die Ärmsten

Die jüngsten Dürren trafen nicht nur Ban Pho Tak mit voller Wucht. Mehr als 40 von Thailands 76 Provinzen meldeten während des Höhepunkts der Krise akuten Wassermangel. In 15 Provinzen wurde wegen des fehlenden Regens sogar der Katastrophenfall ausgerufen. Dürren wie diese sind in der Region typisch für El- Niño-Jahre. Die Wetterkapriolen entstehen, wenn relativ warmes Oberflächenwasser über den tropischen Pazifik Richtung Osten strömt. Der Klimawandel, sagen ExpertInnen, führe dazu, dass die extremen Verhältnisse öfter und heftiger auftreten. In Thailand treffen die Folgen vor allem die Ärmsten des Landes.

20_Amnesty-LaamLakul_Pinton-Leykan_690.jpg Hoffen auf den Regen: Laam Lakul, die wohl letzte Reisbäuerin in ihrer Familie. © Pintong Lekan

Während Frau Laam im Frühjahr 2016 auf ein bisschen Niederschlag hoffte, waren die Pools in den Hotelanlagen des Urlaubslandes so voll wie gewöhnlich, auch die Fabriken in den grossen Industriegebieten östlich der Hauptstadt Bangkok wurden weiterhin mit ausreichend Wasser versorgt, um die Produktion nicht weiter zu stören. Nur für die Landwirtinnen, die vor allem vom Reisanbau leben, hatten die Behörden schlechte Nachrichten: Die Schleusen der Bewässerungssysteme blieben in vielen Gemeinden dicht. Das wenige Wasser, das sich in den Stauseen angesammelt hat, werde in den Städten dringender gebraucht – hiess es. Die Bauern hatten das Nachsehen.

«Wohngegenden und Industrieviertel haben aus Sicht der Regierung bei Wasserknappheit Priorität. Die Landwirtschaft steht an der letzten Stelle», sagt Danny Marks, der für das Projekt «Urban Climate Resilience in Southeast Asia» der Universität von Toronto untersucht hat, wie Gemeinden in Thailand vom Klimawandel betroffen sind. Neben den Bauern und Bäuerinnen sieht er noch eine weitere Gruppe, die mit besonders grossen Problemen zu kämpfen hat: die SlumbewohnerInnen am Rand von Thailands aufstrebenden urbanen Zentren.

In Khon Kaen, der grössten Stadt in Thailands Nordosten, leben sie am südlichen Stadtrand. Entlang der Eisenbahnschienen findet sich die Siedlung Rop Muang 1, in der Danny Marks im vergangenen Jahr sechs Wochen verbracht hat. Der Forscher beschreibt die EinwohnerInnen der Gemeinde als Menschen, die für den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt unerlässlich sind: Sie arbeiten als Reinigungskräfte in den modernen Einkaufszentren, als Wachleute in den Wohnanlagen der Mittelschicht oder als Arbeiter auf den Baustellen des wachsenden urbanen Zentrums. Niedrige Einkommen von rund 200 Euro im Monat drängen sie in prekäre Wohnverhältnisse: Einen Wasseranschluss hat in der Siedlung niemand. Trinkwasser kauft man hier in Kanistern – und was man zum Duschen, Spülen und für die Toilette braucht, wird aus dem Grundwasser heraufgepumpt.

Verweigertes Grundrecht

Doch in den letzten Dürrejahren versiegte diese Quelle. «Von den 8000 Baht, die die Haushalte im Schnitt monatlich zur Verfügung haben, mussten einige bis zu 2000 Baht ausgeben, um Wasser zu kaufen», sagt Danny Marks. Dabei ist der Zugang zu Wasser ein Grundrecht, das Thailands Militärregierung in die neue Verfassung des Landes schreiben liess. Doch entlang der Bahngleise von Khon Kaen scheint dieses Recht nicht zu gelten. Denn aus Sicht der Behörden leben die BewohnerInnen von Rop Muang 1 dort illegal. Ihre Wellblechhütten stehen auf einem Grundstück der staatlichen Eisenbahn. Der kommunale Versorger stellt deshalb auch keinen Wasseranschluss bereit. Während seines Aufenthalts in der Slumgemeinde bekommt Forscher Marks viele Klagen zu hören. «Das ist nicht fair», sagt eine ältere Bewohnerin zu ihm. «Jeder Haushalt sollte Zugang zu Leitungswasser haben.»

Die meisten BewohnerInnen der Slumsiedlungen von Khon Kaen waren früher Bauern und Bäuerinnen, so wie Laam Lakul. Doch für viele von ihnen ist die Landwirtschaft keine Option mehr: Sie verloren ihre Grundstücke, nachdem sie sich in schlechten Erntejahren überschuldet hatten. Das Problem sei auch in Ban Pho Tak allgegenwärtig, erzählt Frau Laam, während sie vor dem Holzhaus ihres Sohnes im Schatten sitzt. Viele ihrer NachbarInnen hätten sich Geld von Kredithaien geliehen, sagt sie. Diese verlangen oftmals 10 bis 20 Prozent Zinsen im Monat. «Es ist äusserst hart, das zurückzubezahlen», sagt Laam.

Ihre Familie blieb von extremen Finanzproblemen bisher verschont – wegen des Einkommens ihres Sohns und weil Frau Laam in guten Jahren auch immer etwas Reis für schlechte Zeiten zurücklegt. Die Bäuerin trägt am rechten Handgelenk ein Armband aus weissen Baumwollfäden, die von buddhistischen Mönchen gesegnet wurden – eine weit verbreitete Tradition in diesem Teil des Landes, die Gesundheit und Glück bringen soll. Doch die Kraft des Glücksbringers ist begrenzt. Frau Laam fürchtet, dass es immer schwerer wird, von der Landwirtschaft zu leben. «Die Dürren werden wieder und wieder kommen», ist sie überzeugt. Sie glaubt, dass auch die Landwirtschaft selbst eine Mitschuld daran trägt: Nach jeder Saison verbrennen die Bauern und Bäuerinnen der Region die Ernterückstände auf dem Feld statt sie einzusammeln und zu entsorgen. «Auch das trägt zur Erderwärmung bei», sagt Frau Laam.

In ihrer Familie wird Laam Lakul wohl die letzte Reisbäuerin sein. Ihr Sohn habe kein Interesse daran, die Landwirtschaft zu übernehmen. Sein Verwaltungsjob sei deutlich attraktiver. «Ich selbst werde hier weiterarbeiten, solange bis ich es nicht mehr tun kann», sagt sie. «Mein Schicksal als Bäuerin ist zu 100 Prozent von der Natur abhängig.»