Endo Anadonda. © André Gottschalk
Endo Anadonda. © André Gottschalk

Carte blanche Wir sind um keinen Deut besser

Von Endo Anaconda. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2018.
«Wenn es ums Geschäft geht, spielen Menschenrechte keine Rolle», sagt der Kolumnist und Musiker Endo Anaconda.

Am 10. Dezember 1948 verkündete die Generalversammlung der Uno die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zum gemeinsamen Ideal aller Völker. Global sind wir davon genauso weit entfernt wie vor 70 Jahren. Menschenrechte sind ein brüchiges Privileg. Kratzt man nur ein wenig an der Oberfläche, schon blättert der dünne Lack der Zivilisation ab und man realisiert, dass wir, die wir uns im Glorienschein des Humanismus sonnen, die Bestialität, Folter und Sklaverei bloss exportiert haben. Bewusstseinsmässig leben wir in den sogenannt zivilisierten Ländern in einer Blase.

Wir leben in einer Bewusstseins-Blase.

Auch die Schweiz ist so ein janusgesichtiger, humanistischer Schurkenstaat. Einerseits sind wir stolz auf unsere humanitäre Tradition, auf die Hilfs- und Spendenbereitschaft unserer Bevölkerung – andererseits verkaufen Schweizer Firmen Kriegsmaterial an Unrechtsstaaten. Wir reden gerne über unsere westliche «Wertegesellschaft» und verdrängen die Tatsache, dass unser materieller Überfluss auf der Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen in der zweiten und dritten Welt beruht. Wenn es ums Geschäft geht, spielen Menschenrechte keine Rolle. Wie wäre es sonst möglich, dass Schweizer Firmen Waffen nach Saudi- Arabien liefern. An ein brutales Regime, welches täglich im Jemen Zivilisten umbringt, Regimegegner hinrichtet, foltert, steinigt, auspeitscht. Ein Umstand, der sogar unserer Landesregierung peinlich zu sein scheint. Muss wohl so sein, sonst hätte der Bundesrat zum Begräbnis des vorherigen Königs und Gewaltherrschers Abdullah ibn Abd al- Aziz wahrscheinlich die damals amtierende Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (SP) vorbeigeschickt und nicht den ehrenwerten, aber unauffälligeren Sämi Schmid.

Den «Gutmenschen» nehme ich als Ritterschlag.

Wir sind um keinen Deut besser als Deutschland, die USA, Russland, China usw. Nimmt man die Menschenrechte ernst, könnte man zynisch oder depressiv werden, oder man wird als «Gutmensch » belächelt. Den Zyniker bezüglich der Politik nehme ich auf mich – den «Gutmenschen» nehme ich als Ritterschlag. Zum Glück gibt es Gutmenschen. Zu diesen zähle ich die Aktivisten von Amnesty International, die heldenhaften Ärzte von Médecins Sans Frontières und die Frontkämpfer vom IKRK.