Herbert Winter ist Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. © zvg
Herbert Winter ist Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. © zvg

Schweiz Dialog und Aufklärung – die besten Waffen gegen Antisemitismus

Ein Gastkommentar von Herbert Winter. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2018.
Antisemitische Vorfälle haben in der letzten Zeit wieder zugenommen – auch in der Schweiz und besonders in den sozialen Medien. Antisemitismus zeigt sich vielfältig und hat sehr unterschiedliche Ursachen.

Die Häufigkeit und Stärke von Rassismus und «Hate Speech» im Allgemeinen und Antisemitismus im Speziellen ist einer Wellenbewegung unterworfen und hängt auch oftmals von verschiedenen Faktoren ab. In Europa befinden wir uns zurzeit gerade wieder in einem Hoch, wobei einzelne Länder besonders stark betroffen sind. Auch in der Schweiz können wir in den letzten Jahren eine leicht steigende Tendenz feststellen. Es ist jedoch stets zu beachten, dass die Ursachen für diesen Anstieg in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich sein können und somit Europa nicht als Ganzes in den gleichen Topf geworfen werden kann.

Bediente Klischees

Da wären zum Beispiel Deutschland und Frankreich, die sich damit konfrontiert sehen, dass bei vielen Angehörigen der muslimischen Minderheit ein verinnerlichter Antisemitismus herrscht. Dieser hat seinen Ursprung oftmals im Elternhaus, wurde durch Schulbücher und Regierungspropaganda gespiesen und von klein auf weitergegeben – stets aufs Neue befeuert durch den Israel-Palästina-Konflikt. Etwas anders präsentiert sich die Situation in Ungarn: Dort wurde in Wahl- und Abstimmungskämpfen von VertreterInnen der Regierung vermehrt der ungarisch-jüdische Unternehmer und Philanthrop George Soros als Urheber der Flüchtlingsströme dargestellt, der so Europa schwächen wolle. Bedient wird also einerseits das Klischee des alles kontrollierenden Juden, andererseits müssen hier jüdische Menschen einmal mehr als Sündenböcke herhalten. In Österreich wiederum ist zum zweiten Mal die FPÖ in der Regierung. In dieser Partei und ihrem Umfeld ist der klassische Antisemitismus des frühen 20. Jahrhunderts immer noch stark verbreitet.

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Physische Übergriffe auf Schweizer Jüdinnen und Juden sind glücklicherweise sehr selten. Sogenannter verbaler Antisemitismus kommt aber des Öfteren vor. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG unterhält eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle und betreibt auch ein Internet- und Social- Media-Monitoring. So können wir uns einen Überblick über Antisemitismus in der Schweiz verschaffen, Tendenzen erkennen und erhalten Informationen über die Motive. Auf der Strasse richtet sich Antisemitismus sehr oft gegen orthodoxe Juden, die durch ihre Kleidung erkennbar sind. Wie sich dies ausdrückt, zeigen Beispiele, welche der SIG-Meldestelle gemeldet wurden: Auf die Frage nach dem freien Sitzplatz im Zug wird einem jüdischen Reisenden geantwortet: «Neben Ihnen sitze ich nicht». Am Flughafen Basel weigert sich ein Taxichauffeur einen Juden mitzunehmen und fährt los, bevor dieser einsteigen kann. Ein Mann läuft zwei Juden hinterher und sagt unter anderem: «Euch schneide ich die Kehle auf.»

Online ohne Hemmungen

Zu einem wahren Tummelplatz für Antisemitismus entwickelten sich in den letzten Jahren das Internet sowie Twitter und Facebook. Dort finden wir auch das gesamte Spektrum des Antisemitismus vor: Klassischer Antisemitismus aus rechtsextremen Reihen, linker Antisemitismus, der unter anderem aus einer Pro-Palästina und Anti-Israel-Haltung entstehen kann,muslimischer Antisemitismus, die absurdesten Verschwörungstheorien, die aber fast immer die «jüdische Weltverschwörung » als Kern haben, und nicht zu vergessen auch antisemitische Vorurteile aus der gutbürgerlichen Mitte heraus («Der kann sicher gut Geschäfte machen»).

Ein Grossteil der antisemitischen Äusserungen im Internet kommt nicht aus dem Nichts heraus, sondern wird durch einen «Trigger» ausgelöst. Meist ist dies ein bestimmtes Ereignis und die daraus folgende Berichterstattung. Da die Kommentarspalten der Online-Medien gefiltert werden, wird dort selten offener Antisemitismus publiziert. Wie die nicht veröffentlichten Kommentare aussehen dürften, sieht man auf den Facebook-Seiten vieler dieser Zeitungen: Dort können zu den geposteten Artikeln frei Kommentare aller Art verfasst werden. Und dies wird auch getan. Dabei scheint es den Schreibenden egal zu sein, dass ihr voller Name und ihr Profilbild für alle sichtbar sind. So ist auch erkennbar, dass sie jung und alt, männlich und weiblich, rechts und links, mit und ohne Migrationshintergrund sind, also einen Durchschnitt der Gesellschaft abbilden.

Aufeinander zugehen

Was kann man nun gegen diesen erstarkenden Antisemitismus tun? Was können wir Juden und Jüdinnen tun? Die Schlüsselbegriffe im Kampf gegen Antisemitismus sind für mich Aufklärung, Information und Dialog. Viele haben wenig oder gar keinen Kontakt mit jüdischen Menschen, schon gar nicht mit orthodoxen. Dementsprechend kennen sie auch nicht die vielfältigen jüdischen Bräuche, Sitten und Traditionen. Und was einem fremd ist und man so nicht recht versteht, kann abschreckend wirken.

Darum gibt es beim SIG die Projekte Likrat und Likrat Public. Likrat ist hebräisch und heisst «aufeinander zugehen». Genau das wollen wir tun. Junge Jüdinnen und Juden gehen dabei in Schulklassen Gleichaltriger und beantworten alle Fragen – ohne Hemmungen oder Tabus. So wird dem Judentum ein Gesicht gegeben und die Schülerinnen und Schüler können sich viel besser mit dieser für sie meist unbekannten Kultur und Religion auseinandersetzen. Likrat gibt es bereits seit 2002 und erreichte bis heute 20'000 Schülerinnen und Schüler. Likrat Public wiederum wendet sich an Erwachsene, «Im Internet findet sich das gesamte Spektrum: Rechter, linker, muslimischer Antisemitismus sowie die absurdesten Verschwörungstheorien.» die in ihrem Arbeitsumfeld mit jüdischen Menschen in Kontakt kommen, zum Beispiel in der Tourismusbranche. Gleichzeitig sollen aber auch jüdische Touristinnen und Touristen auf die Gepflogenheiten in der Schweiz aufmerksam gemacht werden.

Der Dialog mit der muslimischen Gemeinschaft in der Schweiz ist uns besonders wichtig, gerade weil Antisemitismus unter manchen Musliminnen und Muslimen ein Fakt ist, den wir weder verschweigen noch aufbauschen wollen. Und ganz sicherlich wollen wir nicht, dass rechtsradikale Gruppierungen den Antisemitismus bei MuslimInnen dazu nutzen, um gegen diese hetzen zu können. Es geht überhaupt nicht an, dass eine Minderheit gegen eine andere ausgespielt wird. Wir sprechen mit der muslimischen Gemeinschaft, wir gehen auf sie zu und versuchen zusammen gegenseitige Vorurteile abzubauen. Dass dies sehr gut funktionieren kann, zeigt die Zusammenarbeit des Imams Muris Begovic und des Rabbiners Noam Hertig, die für ihre hervorragenden Projekte in diesem Bereich mit dem Dialogpreis der Schweizer Juden ausgezeichnet wurden.

Trotz vieler Probleme blicken wir nicht angstvoll in die Zukunft. Wir verschliessen uns auch nicht vor anderen Gemeinschaften, sondern gehen mit offenen Armen auf sie zu. Dialog und Aufklärung führen zu gegenseitigem Respekt. Und gegenseitiger Respekt führt zu einem friedlichen Zusammenleben aller Menschen.