Idil Eser an einer Fotoaktion von Amnesty International in Bern im Mai 2018. © Amnesty International
Idil Eser an einer Fotoaktion von Amnesty International in Bern im Mai 2018. © Amnesty International

Türkei Die Beharrliche

Von Camille Grandjean-Jornod. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2018.
Vier Monate lang musste Idil Eser, die Direktorin der türkischen Amnesty-Sektion, im Gefängnis ausharren. Jetzt ist sie zwar auf freiem Fuss, aber immer noch angeklagt. Dennoch wagt sie eine grundlegende Kritik an den Angriffen auf die Zivilgesellschaft.

Mit ihren grauen Haaren, dem breiten Lächeln und den spitzbübischen Bemerkungen ist Idil Eser eine Person, die Vertrauenswürdigkeit und Wohlwollen ausstrahlt. Es ist schwer vorstellbar, dass die 54-Jährige in ihrem Land wegen «Terrorismus» vor Gericht gestellt werden soll. Es sind absurde Vorwürfe, wie auch Amnesty International mit Verweis auf das zunehmend repressive Klima in der Türkei festhält.

Eine internationale Aktivistin

Idil Eser kennt die türkische Zivilgesellschaft sehr gut. Die Allrounderin in Sachen Menschenrechte arbeitete vor Amnesty International für verschiedene Organisationen wie die Umweltorganisation TEMA, die Helsinki Citizen’s Assembly und Ärzte ohne Grenzen. Sie ist überzeugt davon, dass «alle Rechte gleichermassen notwendig sind und unbedingt verteidigt werden müssen – von den Umweltrechten über die Meinungsäusserungsfreiheit und die Frauenrechte bis hin zu sozialen und wirtschaftlichen Rechten».

Schon früh spielten für die in Istanbul geborene Tochter eines Architekten und einer Geschichtslehrerin Gerechtigkeit und Mitgefühl eine grosse Rolle. «Ich hatte eine eher liberale und privilegierte Erziehung », erzählt Idil. «Ab meinem elften Lebensjahr wurde ich ausserdem in einer amerikanischen Privatschule unterrichtet. Deren Botschaft hiess: ‹Ihr habt die Gelegenheit einer guten Ausbildung, ihr seid privilegiert – also habt ihr die Pflicht der Gesellschaft gegenüber, euch für die weniger Privilegierten einzusetzen.›» Ihr Doktorat in russischer Geschichte, an dem sie in den USA schrieb, musste Idil Eser abbrechen, als sie wegen der erkrankten Mutter in die Türkei zurückging.

Nach ihrer Rückkehr wurde sie zum ersten Mal mit Menschenrechtsverletzungen konfrontiert: Die Organisation Ärzte gegen Folter stellte sie in den 1990er-Jahren als Dolmetscherin an, Idil musste die Aussagen von Folteropfern übersetzen. Ein erstes Engagement, das sie prägte. Mit inzwischen breiter NGO-Erfahrung wurde Idil Eser 2016 Direktorin der türkischen Sektion von Amnesty International. «Es war keine zwei Monate später, als der gescheiterte Putschversuch meine Reorganisationspläne hinwegfegte», sagt sie. Seitdem herrscht in der Türkei Repression – mit tiefgreifendem Einfluss auf Idils eigenes Leben: Am 5. Juli 2017 wurde sie zusammen mit neun weiteren MenschenrechtsverteidigerInnen – diese werden seither die «Istanbul 10» genannt – während eines Workshops verhaftet.

Im Gefängnis

Einen Monat vor ihrer Verhaftung wurde auch der damalige Präsident der türkischen Amnesty- Sektion, Taner Kılıç, festgenommen. Idils Festnahme führte zu vier Monaten Untersuchungshaft, die sie teilweise in einem Hochsicherheitsgefängnis verbringen musste. «Es war keine angenehme Erfahrung», spielt sie bescheiden die Haftbedingungen herunter. «Ich hatte vor allem das Gefühl, dass mir ein Teil meiner Identität genommen wurde.» Mit ihrer Verhaftung fand sich diese Frau, die sich als eher introvertiert beschreibt, plötzlich im Rampenlicht der Öffentlichkeit wieder: Sie wurde Zielscheibe heftiger negativer Propaganda durch Staatsmedien und Regierungsmitglieder.

Sie hielt die Isolation und Langeweile hinter Gittern nur schwer aus. Die Optimistin betont aber, wie viel Glück sie im Vergleich zu anderen Häftlingen gehabt habe: «Als Einzelkind und im Internat hatte ich einen starken Sinn für schwarzen Humor und grosse Vorstellungskraft entwickelt. Diese erwiesen sich als grosse Pluspunkte während der Haft!»

Am 25. Oktober 2017 wurden Idil Eser und die anderen aus der «Istanbul 10»-Gruppe nach mehr als 100 Tagen Haft bedingt entlassen. Was tat sie als Erstes, als sie das Gefängnis verlassen durfte? «In dieser Reihenfolge: Meine Freunde und Freundinnen umarmen und ihnen für die Unterstützung danken. Dann mit der Katze kuscheln. Und dann die Serie ‹Game of Thrones› anschauen », antwortet Idil lachend. «Ich bin ein grosser Fan dieser Serie, und es ärgerte mich sehr, dass ich die neue Staffel wegen meiner Gefangenschaft verpasste ». Dann wird sie jedoch wieder ernst und erinnert daran, dass «niemand aus einer solchen Erfahrung unverändert herauskommt», auch wenn es in ihrem Fall noch zu früh sei, um zu sagen, welche Auswirkungen ihre Inhaftierung auf sie haben werde.

«Nichts ist endgültig»

Sie wirkt müde und geprüft, aber Idil strahlt dennoch Optimismus aus. Die Historikerin ist nämlich überzeugt: «Es ist wahr, es gibt derzeit einen globalen Trend zur Verschlechterung der Menschenrechte. Aber ich denke, es ist nur eine Phase: Nichts ist endgültig in der Geschichte.» Diese Gewissheit stärkt ihre Entschlossenheit, sich weiterhin für die Menschenrechte einzusetzen. «Wir arbeiten weiter, solange wir nicht gezwungen sind, aufzuhören», sagt sie mit Nachdruck.

Wie aber können in diesem repressiven Klima in der Türkei die Menschenrechte noch verteidigt werden? Idil Eser plädiert für Beharrlichkeit: «Menschenrechtsverteidiger müssen unnachgiebig bleiben: Manchmal braucht es Zeit, manchmal dauert es lange...». Die Lösung müsse aus dem Inneren der Türkei kommen. «Aber die internationale Solidarität kann uns mehr Raum und Zeit geben, den Menschen zu erklären, wie wichtig die Menschenrechte sind.» Ausserdem zähle die Mobilisierung: «Sagen Sie den Leuten, wie wichtig es ist zu wissen, dass wir nicht vergessen werden», bekräftigt sie. Idil Eser ist überzeugt, dass sie die bedingte Freilassung zu einem grossen Teil der internationalen Mobilisierung zu verdanken hat. «Das Engagement machte wirklich einen echten Unterschied», wiederholt sie und erzählt als Beispiel die Geschichte eines Mitangeklagten, der dank der Freilassung die Geburt seines ersten Kindes miterleben konnte.