Irena Brezná in den kaukasischen Bergen. © Sainap Gaschajewa
Irena Brezná in den kaukasischen Bergen. © Sainap Gaschajewa

Buch Den Menschen zugewandt

Von Ulla Bein. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2018.
«Das Dazugehören muss täglich neu erkämpft, bewiesen werden», sagt Irena Brezná. Die Autorin kam vor 50 Jahren nach der Besetzung Prags in die Schweiz. Ein neues Buch mit ihren Texten beweist, dass Poesie und Politik vereinbar sind.

Irena Brezná war gerade 18 Jahre alt, als mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei der «Prager Frühling» sein jähes Ende fand und mit ihm alle damaligen Bestrebungen, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen.

Die Autorin hielt sich gerade mit anderen Studierenden in Frankreich auf, als die Nachricht von der Besetzung ihrer Heimat durch die Radionachrichten ging. Ihr war sofort klar, dass dies auch für ihre Familie nur eines bedeuten konnte: Flucht. Knapp 12 000 Menschen kamen zwischen 1968 und 1970 aus der Tschechoslowakei in die Schweiz, auch Irena Brezná, die mit ihren Eltern in Basel Aufnahme fand.

Später studierte sie an der dortigen Universität Slawistik, Philosophie und Psychologie, arbeitete als Russischlehrerin und als Übersetzerin in der Betreuung von Geflüchteten. Ebenso begleitete sie psychologische Forschungen in Zürich und in München. Sie engagierte sich als humanitäre Helferin und auch als Länderexpertin zur Sowjetunion bei der Schwei- zer Sektion von Amnesty International. Ihr journalistisches Schreiben führte sie in verschiedenste Länder der Welt. Seit den frühen 1980er-Jahren hat sie ihr Wirken auch auf literarische Texte ausgeweitet. Für den Roman «Die undankbare Fremde» wurde ihr 2012 der Schweizer Literaturpreis zuerkannt, auch für ihr journalistisches Werk erhielt sie diverse Auszeichnungen.

Heimat in der Sprache

Im Band «Wie ich auf die Welt kam» finden sich Reportagen und Essays über Krieg und Vertreibung, über Verfolgung und Bespitzelung, über Fremdsein oder Einwanderungsgesellschaft. Nicht zuletzt ist ein wichtiger Aspekt auch dieses Buches die Heimat, die sie in der deutschen Sprache gefunden hat.

Die Texte, einige sind zuvor in Zeitschriften oder Zeitungen erschienen, fügen sich in dieser versammelten Form zu einer Art Autobiografie zusammen. Sie zeigen stets die engagierte Anteilnahme, mit der die Autorin den Menschen, über die sie berichtet, begegnet. Diese literarischen Reportagen nehmen uns mit nach Weissrussland oder Guinea, nach Tschetschenien oder in die Slowakei, manchmal bleiben wir aber auch ganz einfach in der Schweiz und sehen durch die Augen der Autorin, was es bedeutet, fünfzig Jahre lang Fremdsein zu erfahren.

Irena Brezná schaut genau hin und nennt die Dinge beim Namen. Dabei verleiht sie ihrer Haltung deutlichen Ausdruck: Sie steht für eine Welt, in der die Menschenrechte für alle gelten. Das ist wohltuend und wichtig, doch das ist noch nicht alles: Mit Sorgfalt und Akribie sucht und findet die Autorin eine Sprache, die nicht alltäglich ist, die bei aller Poesie engagiert ist und bei allem Engagement poetisch.  

 

44_cover_brezna.jpgIrena Brezná
Wie ich auf die Welt kam.
In der Sprache zu Hause.
Rotpunkt Verlag, Zürich 2018.