Seltene Pause: Fahrer Tony Lip (Viggo Mortensen) und Pianist Don Shirley (Mahershala Ali). © Ascot Elite
Seltene Pause: Fahrer Tony Lip (Viggo Mortensen) und Pianist Don Shirley (Mahershala Ali). © Ascot Elite

Film Roadtrip mit Spannungen

Interview von Carole Scheidegger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2018.
Im Spielfilm «Green Book» treffen ein weisser Chauffeur und ein schwarzer Pianist aufeinander. Sie kurven zur Zeit der Rassensegregation durch den Süden der USA. Interview mit Viggo Mortensen, der in die Haut des Fahrers geschlüpft ist.

AMNESTY: «Green Book» vereint Drama und Komödie. Wie gelingt eine solche Kombination?
Viggo Mortensen: Es ist nicht einfach, einen Film zu drehen, der unterhaltsam ist und dennoch zum Denken anregt. «Green Book» ist ja in der Vergangenheit angesiedelt, zeigt aber Probleme, die zum Teil bis heute fortbestehen. Das macht es vielleicht einfacher, über die eigene Zeit zu reflektieren, weil die historischen Fakten unbestreitbar sind.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Leute denken: Damals war es wirklich schlimm, aber jetzt gibt es die Segregations-Gesetze nicht mehr, also ist alles gut?
Wer ehrlich mit sich ist, realisiert nach dem Film, dass er immer noch gewisse Vorurteile hat, vielleicht betreffend Religion, Nationalität, Geschlecht oder Kultur. Hier in der Schweiz und im restlichen Europa, auf alle Fälle aber in den USA, nutzen manche Politiker solche Vorurteile aus. Denn es ist einfacher, an der Macht zu bleiben, wenn es Konflikte gibt. Als Eltern, Politiker, Unternehmer oder als Filmregisseur hat man immer die Wahl, ob man die Unterschiede zwischen den Leuten ausnutzt oder ob man nach den Gemeinsamkeiten Ausschau hält. Wir haben immer etwas mit anderen Menschen gemeinsam, wir müssen nur genügend Zeit miteinander verbringen, um das zu merken. Manche Bedürfnisse haben wir alle gleichermassen: Wir wollen verstanden, respektiert und geschätzt werden, wir wollen sicher sein.

War den Menschen im Norden der USA damals überhaupt bewusst, wie die Zustände im Süden sind?
Meine Figur Tony Vallelonga war sicher nicht auf dem Laufenden. Er hat eine gewisse Bauernschläue, aber keine richtige Schulbildung. Vor seiner Reise mit dem Pianisten Don Shirley kam er nie aus der Umgebung New Yorks hinaus. Interessanterweise glaubt er mehr zu wissen über die Kultur der Schwarzen als Don Shirley, weil er in seinem Viertel, der Bronx, mit Schwarzen konfrontiert ist. Er realisiert gar nicht, wie vorurteilsbeladen seine Sicht ist. Don Shirley hingegen ist gebildet und zu Beginn ein sehr reservierter Mensch. Im Film tun sich nicht nur Gräben zwischen den Hautfarben, sondern auch zwischen den sozialen Schichten auf. Im Lauf der Zeit lernen aber beide voneinander.

Wie war die Zusammenarbeit mit Ihrem Co-Star Mahershala Ali?
Ich habe sie wirklich genossen. Ich hatte ihn zufällig etwa ein Jahr vor Filmstart an einer Preisverleihung getroffen. Wir sprachen etwa eine halbe Stunde zusammen, was sehr lang ist für einen solchen Event. Er ist ein sehr netter Mensch und ein sehr guter Schauspieler; er ist sehr präzise. Ein wichtiger Teil einer Komödie ist ja das richtige Timing. Die Zuschauer lachen über manche von Tonys Sprüchen, weil sie so unbedarft sind. Was die Situation aber wirklich lustig macht, ist Mahershalas Reaktion darauf. Übrigens sah ich während des Drehs häufig gar nicht, wie er reagiert hatte: Ich sass vorne im Auto und Mahershala hinten. Erst als ich den fertigen Film gesehen habe, erhielt ich das ganze Bild.

Haben Sie selbst etwas Neues über die Zeit der Segregation erfahren?
Es gibt eine Szene in einem Kleidungsgeschäft. Niemand ist unhöflich oder aggressiv und trotzdem ist die Situation für Don Shirley unglaublich erniedrigend. Das hatte ich so zuvor noch nicht gesehen.

 

Über den Film

In «Green Book» chauffiert der Italo- Amerikaner Tony Lip Vallelonga (Viggo Mortensen) den schwarzen Konzertpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) durch die Südstaaten der USA. Man schreibt das Jahr 1962. Shirley darf nicht die gleiche Toilette benutzen wie seine (weissen) Konzertgäste aus der Oberschicht, er darf auch nicht in dem Restaurant essen, in dem er spielt. Tony, der ansonsten als Rausschmeisser in einem New Yorker Nachtklub arbeitet, startet die Reise mit rassistischen Vorurteilen. Im Lauf der Fahrt nähern sich die beiden an. Das ist eine erwartbare Entwicklung, doch «Green Book» weiss trotzdem zu fesseln. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Titelgebend ist ein Reisehandbuch, das Schwarzen Auskunft darüber gab, wo sie schlafen dürfen.