El Hatillo – umgeben von Kohleminen. © google earth
El Hatillo – umgeben von Kohleminen. © google earth

Unternehmensverantwortung El Hatillo muss weichen

Von Manuela Reimann Graf. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2019.
Wegen der umliegenden Kohleminen muss die kolumbianische Gemeinde El Hatillo umsiedeln. Eine der Minen gehört Prodeco, einer Tochterfirma des Schweizer Rohstoffmultis Glencore.

Endlich steht er, der Umsiedlungsplan. Mit viel Tamtam wird das Dokument am 29. November 2018 feierlich unterzeichnet. Wird nun endlich alles gut für El Hatillo?

Die Umsiedlung der kleinen Gemeinde in der nordkolumbianischen Region Cesar war schon 2010 vom Umweltministerium verfügt worden, weil durch den Ausbau der Minentätigkeit die Gesundheit der Bevölkerung und die Umwelt massiv belastet würden. Die ländliche Gemeinschaft könne die traditionelle Landwirtschaft und Viehzucht längst nicht mehr betreiben, sagte 2015 eine der Gemeindevertreterinnen, Diana Fonseca, dem AMNESTY-Magazin.

Der Fluss sei verseucht, die Luft kontaminiert. Es war schon zu mehreren Ernährungskrisen gekommen, weil sich die Gemeinde nicht mehr mit genügend Nahrungsmitteln versorgen konnte. Sie, ihre Familie und die Mehrheit der BewohnerInnen würden unter massiven Atembeschwerden und Allergien leiden, erzählte Diana Fonseca damals. Der Schweizer Rohstoffmulti Glencore behauptet dagegen, dass die gesetzlichen Grenzwerte für die Luftqualität nicht überschritten würden. Glencores Tochterfirma Prodeco betreibt eine der Minen bei El Hatillo.

2016 gab Prodeco eine Gesundheitsstudie bei einer kolumbianischen Universität in Auftrag, gemäss der die vorliegenden Gesundheitsprobleme auf die Armut zurückzuführen seien; sie seien in anderen ländlichen Gebieten im nördlichen Kolumbien ähnlich. Mögliche Gründe lägen im mangelhaften staatlichen Gesundheitssystem und in der schlechten Gesundheitsversorgung der Kinder («mangelnde Ernährung, schwache Zahnhygiene, Teenagerschwangerschaften » – so Glencore in einer Antwort an das AMNESTY-Magazin).

«Dass sich erst mit der Minentätigkeit die ursprüngliche, naturnahe Lebensweise änderte und sich die Lebensbedingung massiv verschlechterten, wird verschwiegen», sagt Stephan Suhner von der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, die sich seit Jahren für El Hatillo engagiert. «Da werden Ursache und Wirkung vermischt.»

Im Weg

Trotz der «nicht überschrittenen » Grenzwerte muss El Hatillo umgesiedelt werden – präventiv. Denn die Minen wollen wachsen, Gemeinden wie El Hatillo sind im Weg. Während des Verhandlungsprozesses wurden GemeindevertreterInnen bedroht. Wer dahinter steckte, wurde nie aufgeklärt, aber das Ziel ist klar: Die DorfbewohnerInnen sollten eingeschüchtert werden. Im Januar 2017 wurde ein führender Vertreter von El Hatillo sogar ermordet: Aldemar Parra Garcia, der junge Leiter eines Gemeindeprojekts zur Einkommensgenerierung mittels Bienenzucht, wurde von bewaffneten Unbekannten erschossen. Glencore verurteilte die Tat und forderte bei der Regierung Schutzmassnahmen für die Bevölkerung.

Bis die Familien schliesslich tatsächlich umziehen können, kann es noch dauern. Für die Umsetzung sieht der Zeitplan maximal fünf Jahre vor. «Es ist zu befürchten, dass viele Familien nicht mehr so lange warten können und vorher weggehen», sagt Stephan Suhner. «Es ist daher unbedingt nötig, dass mit einem Übergangsplan die Lebensumstände verbessert werden.» Suhner kritisiert auch die Entschädigungszahlungen, die die Minenbetreiber bezahlen müssen. Denn diese decken nur die Kosten der Verluste durch die Umsiedlung, nicht aber die Schäden, die während 25 Jahren Bergbau entstanden sind. «Sorge bereitet vor allem, dass die Gemeinschaft weiterhin den schädlichen Umweltauswirkungen ausgesetzt ist», so Stephan Suhner. «Dass es nochmals bis zu fünf Jahre dauern soll, ist unerträglich.»

 


«Mein Sohn hat Angst, ich könnte getötet werden»

Diana Fonseca an der Amnesty-Jahresversammlung 2015. © AI AMNESTY: Sie haben uns vor vier Jahren von den Gesundheitsproblemen berichtet, unter welchen Sie leiden. Wie geht es Ihnen heute?

Diana Fonseca: Ich bin seit acht Monaten von El Hatillo weg. Anfangs hatte ich weiterhin Allergien und benötigte wegen Atemproblemen Sauerstoff, jetzt geht es besser. Mein 12-jähriger Sohn hat weiterhin starke Allergien, Hautausschläge und Atemnot. Der Arzt sagt, es sei gut möglich, dass es wegen der Umweltverschmutzung sei. In El Hatillo bin ich nur noch selten. Viele Leute dort sind krank, ihre Lage hat sich verschlechtert.
Kein Arzt sagt jedoch klar und deutlich, was die Ursache ist. Mein Sohn hat zudem psychische Probleme entwickelt,
vor allem wegen den Drohungen gegen mich; er hat schlimme Angstzustände. Er befürchtet, dass ich getötet werden könnte. Schon lange wollte ich weg, aber das Geld reichte nicht. Ausserdem arbeitete mein Mann in der Mine.

Sind Sie zufrieden mit dem Umsiedlungsplan?

Ich und einige andere sind nicht zufrieden. Die Entschädigungszahlungen sind lächerlich, sie decken die erlittenen  Verluste in keiner Weise. Das zugeteilte Land ist zwar gut, es ist aber zu klein für die Existenzsicherung einer
bäuerlichen Familie. Ein Grossteil der Bevölkerung scheint sich mit dem Resultat jedoch abgefunden zu haben. Die  Mehrheit der GemeindevertreterInnen ist zufrieden, weil wir in der letzten Verhandlungsphase nochmal viel  rreichen konnten. Am Schluss waren es fast nur noch mein Kollege Orlando und ich, die für Verbesserungen kämpften; so  wurde es für uns sehr schwierig.

Werden Sie allenfalls zurückkehren respektive in das neue El Hatillo ziehen?

Nein, ich werde nicht zurückkehren.