Stolz auf ihre marokkanischen Leckereien: Das Team im «Amal». © zvg
Stolz auf ihre marokkanischen Leckereien: Das Team im «Amal». © zvg

Marokko Eine Tajine mit einer Prise Hoffnung

Von Julie Jeannet. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2019.
Ein Restaurant in Marrakesch bildet Frauen aus, die in prekären Verhältnissen leben. Indem sie einen Beruf erlernen, können sie sich wieder in die Gesellschaft eingliedern.

Ein grosser Orangenbaum und der Geruch von gerösteten Mandeln empfangen die hungrigen Gäste im Restaurant Amal im Marrakescher Stadtteil Gueliz. Lachsfarbene Fassaden umschliessen den idyllischen Zufluchtsort im Durcheinander der Roten Stadt am Fusse des Hohen Atlas. Während ein marokkanischer Architekt seinen amerikanischen Kunden die Renovationspläne eines Hauses präsentiert und Kinder eine Katze über den Innenhof jagen, beugen sich französische TouristInnen über die Speisekarte, auf der regionale Spezialitäten stehen.

Ein Neuanfang

Auf den ersten Blick gleicht dieses Restaurant Hunderten von anderen marokkanischen Speiselokalen. Nur die etwas unbeholfenen Gesten, ausweichenden Blicke oder unsicheren Stimmen der Kellnerinnen deuten an, dass es im Amal nicht nur um erstklassige Gastronomie geht. Hier wird auch ausgebildet. Das Amal, was auf Arabisch «Hoffnung» bedeutet, stellt für viele Frauen eine Chance, einen Neuanfang dar. Witwen, Waisen, Geschiedene oder alleinstehende Mütter – sie alle absolvieren hier eine Ausbildung zur Köchin oder zur Kellnerin.

Unverheiratete Mütter werden in Marokko oft aus ihren Familien ausgeschlossen und von der Gesellschaft marginalisiert. Auch für Witwen und Geschiedene ist es schwer, ihre Kinder allein zu versorgen; viele Frauen sind kaum zur Schule gegangen und haben nie einen Beruf gelernt. Im Amal können sie das nachholen. Der Lehrplan ist anspruchsvoll: Marokkanisches Feingebäck, traditionelle Tajine-Variationen, europäische Küche, Grundkenntnisse in Französisch und Englisch, Bedienung, Mathematik sowie Hygiene stehen auf dem Programm. Die Frauen, die diese Herausforderung annehmen, besitzen eine gute Portion Motivation und Widerstandskraft.

Rabiaa hat die Schule im Alter von zehn Jahren verlassen, um ihre Eltern zu unterstützen. Zuerst kümmerte sie sich um die Schafe, dann um einen kleinen Laden am Stadtrand von Marrakesch. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie sehr einsam. «Ich war ängstlich und traute mich nicht allein aus dem Haus. Eine Bekannte hat mir vom Ausbildungszentrum erzählt, und ich habe mein Glück versucht», erzählt die Dreissigjährige. «Ihre Verwandlung ist beeindruckend», meint Kenza Taarji, Leiterin eines der beiden Zentren der Organisation, «Rabiaa ist seit einigen Wochen selbstbewusster. Sie ist organisiert und hat sich ein gutes Netzwerk aufgebaut.»

Lernen statt betteln

Gegründet wurde die gemeinnützige Organisation «Amal pour les arts culinaires en faveur des femmes nécessiteuses» Ende 2012 von Nora Fitzgerald Balahcen. Die Marokkanerin mit US-amerikanischen Wurzeln hatte eines Tages zwei junge, alleinstehende Mütter mit Kleinkindern kennengelernt, die vor ihrem Haus in Marrakesch bettelten. Sie ergriff die Initiative und sammelte Geld für die Mütter. Doch nach einem Jahr musste sie feststellen, dass sich die Situation der Frauen trotz ihrer Hilfe nicht verbessert hatte. Daher beschloss die dreifache Mutter, die jungen Frauen langfristig zu unterstützen. Sie brachte ihnen bei, Mahlzeiten für die Abendveranstaltungen amerikanischer FreundInnen zuzubereiten, und entlohnte die Frauen für die geleistete Arbeit.

Mittlerweile verköstigt Amal täglich rund 100 Gäste und gehört zu den besten Restaurants Marrakeschs. 240 Frauen haben von einer Berufsausbildung profitiert, 86 Prozent der Abgängerinnen haben danach eine Arbeit gefunden.