Tschetschenische Häftlinge verbüssen ihre Strafen oft Tausende von Kilometern von ihren Angehörigen entfernt, so zum Beispiel im Gefängnis von Krasnojarsk in Sibirien. © zvg
Tschetschenische Häftlinge verbüssen ihre Strafen oft Tausende von Kilometern von ihren Angehörigen entfernt, so zum Beispiel im Gefängnis von Krasnojarsk in Sibirien. © zvg

Russland «Du kommst hier nicht lebend raus»

Von Emmanuel Grynszpan. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2019.
Für tschetschenische Gefangene bedeutet eine Gefängnisstrafe in Russland oft Folter, im schlimmsten Fall sogar den Tod. Willkür gegenüber diesen Häftlingen ist an der Tagesordnung.

Misshandlungen sind Alltag für tschetschenische Häftlinge in russischen Gefängnissen. Sie treffen aber auch andere Gefangene aus den nordkaukasischen Republiken, die zumeist muslimischen Glaubens sind. Musli- mInnen machen 20 Prozent der russischen Bevölkerung aus, aber 30 bis 50 Prozent der Häftlinge.

Wie in anderen Ländern werden die Verwerfungen innerhalb der Gesellschaft hinter Gefängnismauern verschärft sichtbar. In Russland sind sie das Ergebnis der beiden russisch-tschetschenischen Kriege (1994–1996 und 1999– 2000), die noch frisch in der Erinnerung sind und von Gräueltaten auf beiden Seiten geprägt waren. Nach Schätzungen von MenschenrechtsverteidigerInnen sitzen bis zu 25'000 TschetschenInnen wegen der damaligen «Rebellion» in russischen Gefängnissen – die Behörden geben die Gesamtzahl nicht bekannt. Nur wer zu weniger als zwei Jahren Haft verurteilt wurde, darf diese im einzigen Gefängnis Tschetscheniens verbüssen. Tschetschenische Inhaftierte werden häufig durch Folter zu Geständnissen gezwungen. Mindestens zehn Todesfälle von tschetschenischen Häftlingen wurden in den letzten vier Jahren von den Angehörigen als Morde gemeldet. Offiziell werden diese Todesfälle immer als Selbsttötung oder als Folge von gesundheitlichen Problemen klassifiziert. In diesem Umfeld von Justizwillkür, der Straffreiheit für die Sicherheitskräfte und des Verschwindenlassens von Oppositionellen und ZeugInnen ist es wahrscheinlich, dass nur ein Bruchteil der Fälle bekannt wird.

Tod durch Vergiften

Am 12. März 2019 starb der 43-jährige Ayub Tuntuyev in der Strafkolonie Nr. 6 der Region Wladimir, wo er eine 24-jährige Haftstrafe für einen Angriff auf russische Soldaten im Jahr 2000 verbüsste. Offizielle Version: Selbsttötung. Tuntuyev hatte sich darüber beschwert, dass er seit seiner Überstellung in die Gefängniskolonie gefoltert worden sei. «Du wirst hier nicht lebendig rauskommen», hätten ihm die Gefängniswärter gesagt, wie sein Anwalt berichtet. 2017 erhielt Tuntuyev schliesslich weitere 11 Monate Gefängnis für einen anderen Angriff, seither war er fast dauerhaft in einer Isolationszelle untergebracht. Tuntuyev hatte die Verantwortung für beide Angriffe immer abgelehnt.

Eine unabhängige Autopsie ergab, dass Tuntuyevs Nieren und Lungen aus unbekannten Gründen fehlten.

Seine Witwe Kheda Tuntuyeva sagt, dass der Körper des Verstorbenen viele Prellungen aufgewiesen habe. Eine unabhängige Autopsie ergab, dass Tuntuyevs Nieren und Lungen aus unbekannten Gründen fehlten. Sechs Monate zuvor hatte der Tod von Yussup Temirkhanov in Tschetschenien ebenfalls für Unruhe gesorgt. Temirkhanov verbüsste eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren für den Mord an Juri Budanow, einem russischen Soldaten, der im Jahr 2000 wegen Vergewaltigung und Ermordung einer jungen tschetschenischen Frau verurteilt worden war. Budanow war sowohl eine Ikone der russischen Nationalisten als auch das Ziel der tschetschenischen Ressentiments. Temirkhanov hatte angegeben, nach seiner Verhaftung gefoltert worden zu sein. Nach Angaben seiner Verteidigung wurde er 2014 wahrscheinlich vergiftet, woraufhin sich sein Gesundheitszustand schnell verschlechterte.

Der 34-jährige Islam Magomadov starb am 30. Oktober 2017 in Krasnojarsk in Sibirien, 3700 km von seiner Familie entfernt. Er verbüsste dort eine Freiheitsstrafe von 22 Jahren für einen Doppelmord, der 2006 während eines Aufstands begangen worden war. Die offizielle Version eines «Selbstmords» glauben die Angehörigen nicht; sein Vater ist überzeugt, dass Islam erhängt wurde. «Die Leiche meines Sohnes war mit Narben, Prellungen und Wunden bedeckt », sagt er und listet die Missstände auf, von denen sein Sohn betroffen war: «Er durfte nicht beten, sein Gebetsteppich wurde konfisziert, und sie verbrannten den Koran vor seinen Augen. Seine Zelle wurde geflutet, brennender Kunststoff wurde hineingeworfen, um ihn zu ersticken. Sie sagten ihm, er würde nicht lebend aus dem Gefängnis kommen.» Analog dazu verlief das tragische Schicksal von Yunus (Name geändert). Dessen Frau Fatima erzählt, dass er im vergangenen Jahr in einem Gefängnis in Nowosibirsk (3000 Kilometer von Tschetschenien entfernt) zwei Monate vor seiner Entlassung starb. Yunus hatte gerade 10 Jahre für einen Mord abgesessen – unschuldig, wie er stets angegeben hatte. «Er wurde während der gesamten Haft gefoltert», sagt Fatima.

«Er wurde am Beten gehindert, gezwungen, Schweinefleisch zu essen, und ständig gedemütigt.» Fatima, Ehefrau von Yunus, der 2018 zwei Monate vor seiner Entlassung im Gefängnis in Nowosibirsk starb.

«Ich konnte meinen Mann in den zehn Jahren nicht einmal sehen: Jedes Mal, wenn ich die weite Reise gemacht hatte, wurde mir gesagt, dass Yunus gerade keine Besucher empfangen dürfe. Meine Tochter hat ihren Vater nie gesehen. Wir konnten nur heimlich mit ihm telefonieren, dank Mitgefangenen, die Mitleid hatten. Ich bin sicher, dass er vergiftet wurde, denn die Autopsie ergab, dass eine Substanz seine Lungen buchstäblich geschmolzen hatte. » Fatima denkt, dass ihr Mann verfolgt wurde, weil er Tschetschene war. «Er wurde am Beten gehindert, gezwungen, Schweinefleisch zu essen, ständig gedemütigt. » Trotzdem will Fatima keine Beschwerde einreichen. «Gefängniswärter drohten mir mit dem Tod, falls ich eine Beschwerde einreichen würde. Ich habe Angst um meine Tochter.» Zusätzliche Strafen Olga Chmurova, Koordinatorin des NGO-Ausschusses für Bürgerunterstützung, hat den bisher einzigen Bericht über die Haftbedingungen im Nordkaukasus erstellt. Die Studie beschreibt viele Fälle von Folter und Diskriminierungen, unter welchen insbesondere tschetschenische Gefangene leiden. Die Identität der meisten Opfer wird nicht genannt, um sie und ihre Angehörigen zu schützen. Chmurova hält fest, dass es viele Möglichkeiten gibt, Verwandte zum Schweigen zu bringen. So wird ihnen beispielsweise gesagt, man würde die Leiche nicht herausrücken, wenn sie reden. Wenn sich der Häftling oder seine Angehörigen über die Haftbedingungen beschweren, rächen sich die Gefängnisbehörden häufig, indem sie die Gewalt gegen die Häftlinge erhöhen. «Die meisten tschetschenischen Häftlinge erhalten im Gefängnis zusätzliche Strafen aufgebrummt», bemerkt Chmurova. «Die Gefahr ist gross, dass ein ehemaliger Häftling erneut verhaftet und zu neuen Strafen verurteilt wird. Wer kann, wandert aus – allerdings illegal. Denn die russischen Behörden weigern sich, einem einmal Verurteilten Dokumente für ein Visum bereitzustellen.» Die Menschenrechtsverteidigerin sieht zwei wesentliche Ursachen für das Problem. «In unserem Gefängnissystem arbeitet eine grosse Anzahl von traumatisierten Veteranen der Tschetschenienkriege. Sie rächen sich an den Tschetschenen, die ihnen nun in die Hände fallen.» Der zweite Grund sei prosaischer, so Chmurova: «Dank den Zehntausenden von Häftlingen lassen sich die vielen unaufgelösten Verbrechen leicht ‹aufklären›. So erzielen die Behörden Erfolge.»

Emmanuel Grynszpan ist Korrespondent in Russland.