Harmonie der Menschenrechte: Das Human Rights Orchestra bei einem Konzert in Luzern. © Priska Ketterer/Human Rights Orchestra
Harmonie der Menschenrechte: Das Human Rights Orchestra bei einem Konzert in Luzern. © Priska Ketterer/Human Rights Orchestra

Musik «Ich will nicht zu den Ignoranten gehören»

Interview von Thomas Winkler. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2019.
Der italienische Hornist Alessio Allegrini rief das Human Rights Orchestra ins Leben, um die Öffentlichkeit für Menschenrechtsfragen zu sensibilisieren und Nichtregierungsorganisationen zu unterstützen.
AMNESTY: Sie haben 2009 die Musicians for Human Rights gegründet. Warum?

Alessio Allegrini: Ich war damals schon jahrelang als Musiker in vielen Ländern unterwegs, unter anderem in Palästina, Japan und Südamerika. Dabei habe ich gesehen, wie es um die Menschenrechte in der Welt bestellt ist, und habe beschlossen, diese Organisation zu gründen. Ich habe befreundete Musiker aus Italien, Deutschland, der Schweiz, Japan, Palästina und anderen Ländern eingeladen, um drei Tage lang zu debattieren. Dabei haben wir uns die Frage gestellt: Was wollen wir mit der Musik erreichen? Damals gab es in Italien bereits grosse Diskussionen über Flüchtlinge, Stichwort Lampedusa. Es schien, als habe das Land keine anderen Probleme als die Flüchtlinge. Zehn Jahre später hat sich daran nichts verändert – nur dass das Problem inzwischen ganz Europa erfasst hat.

In der Selbstdarstellung Ihrer Organisation heisst es: «Musiker zu sein, ist ein Privileg und eine Verantwortung.» Tragen Musiker und Musikerinnen eine grössere Verantwortung als andere Berufsgruppen?

Ich glaube, dass uns die Musik hilft, offen zu bleiben für die Probleme der Welt. Deshalb haben wir die Aufgabe, die Gedanken und Ideen, die die Komponisten in ihre Musik gelegt haben, in die Welt zu tragen. Aber allzu oft bleiben wir Musiker nur aussenstehende Beobachter. Dabei haben Komponisten wie Schostakowitsch, Brahms oder Bruckner in ihrer Musik auch gesellschaftliche Umstände und politische Ideen beschrieben. Selbst Mozart hat versucht, in seine Musik Ideen aus der Französischen Revolution zu integrieren. Aber 400 Jahre später interpretieren wir diese Werke allzu oft rein ästhetisch und fragen uns nicht, was uns die Musik sagen will. Neunzig Prozent der Musik, die in den letzten hundert Jahren gespielt wurde, war bloss ästhetische Selbstbefriedigung.

Sind Musikerinnen und Musiker ignorant gegenüber sozialen Fragestellungen?

Ich würde es nicht ignorant nennen, aber Musiker sind seit jeher vor allem dafür zuständig, das Bürgertum zu unterhalten, all die Reichen, die sich die teuren Eintrittskarten leisten konnten. Was dabei immer mehr verloren geht: Musik ist nicht nur eine wunderschöne Sprache, die alle verstehen können, sie ist viel mehr, Musik ist immer politisch.

Ist es schwierig, diese schwer beschäftigten Spitzenmusikerinnen und -musiker zu überzeugen, beim Human Rights Orchestra mitzumachen?

Nein, überhaupt nicht. Denn Musiker sind auch sehr sensibel. Neunzig Prozentder Musiker, die ich anrufe, kommen gern und spielen, auch wenn ihre Gage für einen guten Zweck gespendet wird. An den nächsten Auftritten des HRO beteiligen sich wieder einmal Musikerinnen und Musiker der wichtigsten Orchester weltweit. Und sie geniessen es, ausnahmsweise einmal nicht unter Hochleistungsdruck zu stehen, sondern zusammen für eine gute Sache aufzutreten.

Worauf achten Sie, wenn Sie die Konzertprogramme zusammenstellen? Müssen die Stücke eine Botschaft haben?

Natürlich. Es geht uns nicht nur um schöne Musik. So sind zum Beispiel Komponisten wie Mendelssohn oder Schubert schon allein deshalb heute noch aktuell, weil sie während der Nazi-Zeit geächtet waren. Auf der anderen Seite können wir Beethovens 3. Sinfonie nicht spielen, weil sie nicht pazifistisch genug ist. Alle anderen Beethoven-Sinfonien sind in Ordnung. In der Zukunft möchte ich gerne Bruckner spielen, gerade weil er von den Nazis instrumentalisiert wurde. Denn ich liebe Bruckner und finde, als Komponist der Romantik steht er auch für den Humanismus und die Menschenrechte.

Der rechte Populismus ist überall auf dem Vormarsch, die Menschenrechte geraten immer mehr in Bedrängnis – ist das HRO so wichtig wie nie zuvor?

Nein, wir sind nicht wichtig. Wir sind, fürchte ich, dazu verurteilt zu scheitern. Ich glaube nicht, dass wir mit unseren Aktionen wirklich etwas verändern können, das wäre vermessen. Aber ich muss das machen, was ich mache. Ich organisiere das HRO vor allem für mich, weil mein Leben sonst nicht vollständig wäre. Klar, wenn ich nur einen anderen Musiker überzeugen kann, wenn ich ein paar Menschen erreichen kann, dann ist das wichtig. Aber meine Motivation ist eine andere: In Zeiten von Trump in den USA oder Salvini in Italien darf niemand abseits stehen. Ich will nicht zu den Ignoranten gehören. Und weil ich Musiker bin und kein Journalist, benutze ich die Musik, um darauf aufmerksam zu machen. Und obwohl ich Musiker bin, sage ich: Musik ist nichts, nur der Mensch zählt.