Im Film kommen Zeitzeugen zu Wort. Aktuelle Interviews werden mit historischen Filmdokumenten verknüpft. © Mira Film
Im Film kommen Zeitzeugen zu Wort. Aktuelle Interviews werden mit historischen Filmdokumenten verknüpft. © Mira Film

Film Der verlorene Schatz der Revolution

Von Manuela Reimann Graf. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2019.
Was ermutigte die Menschen, sich in den Revolutionen im Iran 1979 und in Polen 1980 zu erheben, und wie sehen sie die Geschehnisse heute? Der Schweizer Regisseur Andreas Hoessli verwebt im Dokumentarfilm «Der nackte König» die historischen Ereignisse mit den Reflexionen von ZeitzeugInnen.

Rückblick 1979. Der Schah von Persien verlässt den Iran, geht in die «Ferien». Er komme zurück, sobald im Land wieder Ruhe herrsche. Er sieht wie der nackte König im Märchen «Des Königs neue Kleider» nicht, was alle andern sehen. Seine Zeit als «Shah-in- Shah», als König der Könige, ist vorbei. Rückblick 1980: Die Werftarbeiter in Danzig streiken, die kommunistische Führung muss in ein Abkommen einwilligen. Noch kann die Demokratiebewegung in Polen niedergehalten werden, aber auch hier sind längst Entwicklungen im Gang, die die Machthaber schliesslich stürzen.

Der Schweizer Filmemacher Andreas Hoessli führt uns vierzig Jahre zurück und zeigt die Parallelen zwischen diesen beiden historischen Ereignissen auf. Im Zentrum stehen ehemalige RevolutionärInnen sowie Geheimdienstmitarbeiter, die alles zu überwachen schienen – auch Hoessli selbst, der damals als Forschungsstipendiat in Polen weilte. In vielen Schnitten tauchen wir vom Heute in die Vergangenheit, reisen von Polen in den Iran und zurück. Ständig wechseln die Perspektiven und Zeiten, Strassenszenen werden scheinbar willkürlich eingeblendet – und es gibt mehrere rote Fäden, die die Erzählung durchdringen und mit der Zeit ein Muster ergeben. Auch Hoessli wechselt von der Rolle des Betroffenen zum Interviewer und Erzähler.

Der Regisseur verknüpft die historischen Geschehnisse mit den persönlichen Erfahrungen der Interviewten, die von ihren damaligen Taten, Motivationen und Träumen berichten. Der Film lässt uns damit nicht nur die Geschehnisse mitverfolgen, sondern erlaubt auch einen Blick in die Köpfe von Beteiligten. Aber auch in die politischen Muster, die das Ganze überlagern. Als Erzähler wirkt der im Februar verstorbene Bruno Ganz. Der wichtigste rote Faden findet sich in der Person des Journalisten und Autors Ryszard Kapuscinski. Dieser kam aus dem Iran nach Polen zurück und berichtete Hoessli von der dortigen Revolution. Zitate aus Kapuscinskis späteren Aufzeichnungen analysieren «das Wesen der Revolte» und was die Menschen aus ihrem normalen Trott reisst, sie die Angst überwinden lässt. Und sie handeln davon, wie der Schatz der Revolution schliesslich verloren geht, der Alltag zurückkehrt, ja Freunde zu Feinden werden.

In einem der Interviews sagt die damalige Pressesprecherin der iranischen Studentengruppe, die Angestellte der US-Botschaft in Teheran als Geiseln nahm: «Kann ich als treue Revolutionärin hinstehen und kritisieren, was ich damals dachte, sagte und tat? …Und immer noch den grundlegenden Werten der Revolution treu bleiben?»

Der nackte König – 18 Fragmente über Revolution.
Dokumentarfilm von Andreas Hoessli .
Schweiz/Deutschland/Polen 2019 .
Filmstart: 12. September 2019
Der Film erhielt den Hauptpreis des DOK.fest 2019 in München.