Elif Shafak schreibt über die vielen Gesichter von Istanbul. © Olivier Hess
Elif Shafak schreibt über die vielen Gesichter von Istanbul. © Olivier Hess

Buch Ein Leben im Zeitraffer

Von Ulla Bein. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2019.
In rasantem Tempo erzählt Elif Shafak im Roman «Unerhörte Stimmen» die Lebensgeschichte einer Sexarbeiterin in Istanbul. Die Autorin selbst wagt sich nicht mehr in ihr Heimatland.

«In Wahrheit gab es kein Istanbul, sondern viele Istanbuls…», schreibt Elif Shafak in ihrem Roman, dessen Handlung zum grössten Teil in der Stadt am Bosporus spielt, Sehnsuchtsort für die Protagonistin Tequila Leila wie auch für ihre Erfinderin, die seit zehn Jahren im Londoner Exil lebt und es zurzeit nicht wagt, sich dem politischen Klima in der Heimat ihrer Eltern auszusetzen.

Mit Beginn des Romans hat das Leben von Tequila Leila bereits sein Ende gefunden, ihre Leiche liegt in einem Müllcontainer, verächtlich von den Mördern «entsorgt », doch die Autorin schenkt ihr noch die 10 Minuten und 38 Sekunden, so der Titel des englischen Originals, bis auch das Gehirn des toten Körpers seine Tätigkeit einstellt.

Wie in anderen Romanen läuft das Leben im Zeitraffer an der Sterbenden vorbei: die ungewöhnlichen Umstände ihrer Geburt, der Vater mit zwei Ehefrauen, Tarkan, der früh verstorbene geliebte Bruder, der wegen seines Down- Syndroms von der Familie versteckt gehalten wurde, das einsetzende religiöse Eifern des Vaters, der ihr zuletzt den Schulbesuch verbietet und sie erkennen lässt, dass in ihrer Herkunftsfamilie und in ihrem Heimatort keine Zukunft für sie ist.

Selbst Sabotage Sinan, der als Sohn der Apothekerin für eine aufgeklärte weltliche Denkart in der Türkei steht, kann seine beste Freundin Leila nicht davon abhalten, nach Istanbul abzuhauen, so bleibt ihm nur, ihr so bald wie möglich zu folgen. Er ist einer von fünfen: «Mehr als fünf Freunde durfte man Leilas Meinung nach nicht erwarten, denn schon ein einziger war ein Glücksfall. Hatte man es ungewöhnlich gut getroffen, waren es zwei oder drei, und wer unter einem Himmel voller strahlender Sterne geboren war, besass fünf – mehr als genug für ein Leben.» Neben Sabotage Sinan sind es Nostalgie Nalan, Hollywood Humeyra, Jamila und Zaynab122, die Glück und Geborgenheit in Leilas Leben gebracht haben. Sie sind allesamt krasse AussenseiterInnen. Jede dieser Personen hat ein Leben, das Stoff für einen eigenen Roman böte, auch wenn ihnen in der Romanzeit nur jeweils eine Minute gewidmet wird. Aber diese Minuten haben es in sich! Für Leila, die als Sexarbeiterin ihren Unterhalt verdient, gehören Gewalt und Übergriffe, auch Armut und Ungerechtigkeit zum Alltag. Doch die Freundschaft, die Solidarität, die sie alle miteinander erfahren, bildet einen starken Gegenpol.

Elif Shafak vermag es, in rasantem Erzähltempo zahlreiche Geschichten miteinander zu verknüpfen, Anstösse zum Nachdenken zu geben, oft nur mit Hilfe von Randbemerkungen. Dieser Roman beschert ein unterhaltsames, anregendes und spannendes Leseerlebnis.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen.
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger.
Kein & Aber, Zürich 2019, 432 Seiten.