Sascha Lara Bleuler. © zvg
Sascha Lara Bleuler. © zvg

Film Den Blick weiten

Interview: Carole Scheidegger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2019.
Das Human Rights Film Festival Zurich feiert den fünften Geburtstag. Direktorin Sascha Lara Bleuler erzählt, was sich bei diesem Filmfestival für die Menschenrechte verändert hat und wie sie die Filme auswählt.

Amnesty: Was haben Film und Menschenrechte miteinander zu tun?
Sascha Lara Bleuler: Das Kino hat sich schon immer mit gesellschaftlichen Realitäten beschäftigt. Es kann uns anders erreichen als andere Medien: Ein Film kann uns unmittelbar berühren und uns eine Krise oder ein Problem auch emotional verstehen lassen.

Wie hat sich das Festival in diesen fünf Jahren entwickelt?
Wir konnten uns beim Publikum verankern und sind gewachsen. Seit 2018 dauert das Festival sechs Tage, und wir präsentieren über 20 Filme, dazu kommen verschiedene Schulvorstellungen. Zu den Gesprächen nach den Filmen laden wir heute mehr Filmschaffende und Expertinnen und Experten ein. Die Filmemacher sind häufig auch Aktivisten für ihr Thema, sie sind mit Herzblut dabei und begeben sich für die Dreharbeiten nicht selten in Gefahr.

Wie wählen Sie die Filme aus?
Ich schaue mir etwa 200 Filme an, bis das Programm steht. Grundsätzlich urteile ich dabei nach der filmischen Qualität. Ab und zu gibt es einen Film zu einem so wichtigen Thema, dass wir ihn zeigen wollen, selbst wenn er kleine formale Schwächen hat. Aber ich würde nie einen schlechten Film zeigen, nur weil er thematisch gerade passt. Vergangenes Jahr konnten wir zum Beispiel keinen überzeugenden Film zur Seenotrettung finden. Dieses Jahr haben wir glücklicherweise «Volunteer» im Programm. Das Angebot offenbart manchmal auch gewisse Leerstellen: In den letzten Jahren kamen wenige kritische Filme aus Russland oder der Türkei. Das zeigt, dass in diesen Ländern die künstlerische Freiheit eingeschränkt ist.

Menschenrechtsfilme sind oft belastend. Achten Sie darauf, dass Sie nicht nur traurige Filme zeigen?
Ja, es soll auch leichte Momente geben. Ich versuche zudem, allzu moralisierende und pädagogische Filme zu vermeiden. Auch traurige Filme können Hoffnung machen oder lebensbejahend sein. Dieses Jahr ist «Midnight Traveler» ein solcher Film. Er handelt von der Flucht einer afghanischen Familie. Dank dem Humor und dem Zusammenhalt der Familie ist der Film neben allen gezeigten Widrigkeiten auch sehr berührend und optimistisch.

Legen Sie Wert auf eine geografische Ausgewogenheit?
Ich strebe sie zumindest an und achte darauf, dass nicht alle Filme weit weg spielen. Das Publikum ist manchmal erstaunt, wenn wir etwa einen Film aus Frankreich zeigen. Aber auch in Europa gibt es ungelöste Probleme zum Beispiel mit Rassismus und Gleichstellungsanliegen.

Aus manchen Regionen kommen regelmässig Filme, etwa aus Israel. Andere Gegenden sind schwieriger abzudecken, weil auch die Sehgewohnheiten anders sind. Südamerikanische Spielfilme sind für ein europäisches Publikum manchmal zu dick aufgetragen.

Hat die Arbeit Ihre Sicht auf die Welt verändert?
Ich habe viel über gewisse Themen und Regionen gelernt. Dieses Jahr zum Beispiel mit «Temblores» darüber, wie verbreitet die «Umerziehung» von Homosexuellen in Südamerika ist. Diese Arbeit hat meinen Blickwinkel geweitet und mich offener gemacht für die Probleme anderer Leute.

 

Filmtipps von Sascha Lara Bleuler

Volunteer

Siehe Kasten oben links.

Midnight Traveller

«Berührender Film eines afghanischen Filmemachers, der wegen eines kritischen Films über die Taliban mit seiner Familie fliehen musste. Mit seiner Handykamera hat er die fünfjährige Odyssee gefilmt.»

One Child Nation

«Über die Ein-Kind-Politik in China – ich wusste zuvor nicht, wie krass und menschenverachtend diese Politik durchgezogen wurde. Der Film ist sehr persönlich und politisch. Er hat mich erschüttert.»

What You Gonna Do When the World's on Fire?

«Bildgewaltiger Dokfilm über den strukturellen Rassismus in New Orleans. Die Protagonisten sind extrem charismatisch und ihre Lebensgeschichten packend.»

 Los Silencios

«Ein kolumbianischer Spielfilm, der unkonventionell und aus der Sicht von Kindern den Bürgerkrieg verhandelt. Ein visuelles Meisterwerk.»

 Temblores

«Ein Film aus Guatemala über zwei schwule Männer, die in ein Lager gesteckt werden, um «umerzogen» zu werden. Ich wusste zuvor nicht, wie breit abgestützt solche absurden Therapien in südamerikanischen Gesellschaften noch sind.»