Treffpunkt: Skater beim Karl-Marx-Monument in Chemnitz. © Keystone/Caro Dahl
Treffpunkt: Skater beim Karl-Marx-Monument in Chemnitz. © Keystone/Caro Dahl

Jugendliche Bleiben oder gehen

Von Markus Bickel. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2019.
Dreissig Jahre nach dem Mauerfall bestimmen nicht mehr freiheitliche Kräfte den Ton in Ostdeutschland, sondern nationalistische. Doch junge Menschen halten dagegen.

Auf dem Brühl-Boulevard in Chemnitz ist morgens die Welt noch in Ordnung. Felix Kummer schlendert durch die frisch sanierte Fussgängerzone im Zentrum der sächsischen 250 000-Einwohner-Metropole. Die ersten Läden machen gerade auf, und auch der Frontmann der Band Kraftklub wirkt aufgeräumt. Im Oktober kam sein erstes Soloalbum, «Kiox», auf den Markt. Erhältlich lediglich online oder über den eigens zum Exklusivverkauf hochgezogenen Laden hier um die Ecke.

Dass es sich bei Kummers Plattenladen nur um einen Popup- Store handelt, der nach drei Tagen Verkaufsphase wieder schliessen musste, ist kein Zufall: Wie viele junge Menschen in Chemnitz und anderen Städten Sachsens, Sachsen-Anhalts, Mecklenburg-Vorpommerns, Thüringens oder Brandenburgs macht Kummer sein Bleiben in Ostdeutschland mittlerweile von der Politik abhängig: «Wenn die AfD hier wirklich in die Landesregierung kommt, dann bin ich wahrscheinlich weg von hier», sagte der 30-Jährige kurz vor der Wahl im September. Kummers Sorge ist berechtigt. 27,5 Prozent erzielte die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Wahl im Herbst in Sachsen. In Brandenburg, wo ebenfalls ein neuer Landtag gewählt wurde, waren es 23,5 Prozent.

Das zeigt, wie sich die Zeiten in Deutschland geändert haben: Vor dreissig Jahren, im Oktober 1989, waren es BürgerrechtlerInnen, die in Leipzig, Ostberlin, Greifswald und Jena für Meinungsfreiheit und Demokratie auf die Strasse gingen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von den Protesten in Leipzig in den anderen Landesteilen des 17 Millionen EinwohnerInnen zählenden sozialistischen Teils Deutschlands. Fünf Tage vor dem Mauerfall am 9. November kamen auf dem Berliner Alexanderplatz mehr als eine Million Menschen zusammen.

Abende im Jugendkeller

Vor allem protestantische Gemeinden bildeten den Ausgangspunkt des Aufstands gegen das DDR-Regime. Volkmar Zschocke kann sich noch gut an die Abende im Jugendkeller der Sozialdiakonie erinnern, an denen Ende der 1980er-Jahre alle willkommen waren – und kritisches Hinterfragen angesagt war, nicht gedankenleeres Nachplappern der offiziellen Parteiparolen. Der heutige Grünen-Abgeordnete im sächsischen Landtag sitzt auf einer Bank vor seinem Wahlkreisbüro in der schmuck hergerichteten Fussgängerzone Brühl-Boulevard, als der Kraftklub-Frontmann Felix Kummer vorbeigelaufen kommt. Es sei toll, was der auf die Beine stelle, sagt der Politiker – nach ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz im Sommer 2018 etwa das Konzert «Wir sind mehr», bei dem sich MusikerInnen aus ganz Deutschland gegen Neonazis und den Rechtsruck durch die AfD wandten.

Dass schon lange vor dem Mauerfall im November 1989 Neonazis auch in der DDR ihr Unwesen getrieben hätten, werde bei der Betrachtung der Situation in den ostdeutschen Ländern leicht vergessen, sagt Zschocke. Anders als viele Skinheads, die der Staat gewähren liess, geriet er wegen seiner kritischen Haltung früh ins Visier der Staatssicherheit. Gleich fünf inoffizielle Mitarbeitende habe die Stasi auf ihn angesetzt, erfuhr er später aus den Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde. Unter anderem, weil er versucht habe, «gezielt und konzeptionell Jugendliche und Jungerwachsene zu einem relativ festen Personenkreis zusammenzuschliessen und kontinuierlich in feindlich-negativem Sinne zu beeinflussen». Wäre der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden nicht wenige Wochen später kollabiert, wäre Zschocke wahrscheinlich im Gefängnis gelandet. Denn erst drei Wochen nach dem Mauerfall stellte die Staatssicherheit die operative Massnahme ein, mit der der damals 20-Jährige Schritt für Schritt überwacht wurde.

Mit Wohlwollen schaut Zschocke deshalb auf die Aktivitäten der jungen Chemnitzer und Chemnitzerinnen. Wie in vielen anderen Städten beteiligen sich hier Woche für Woche Hunderte an den Fridays-for-Future-Protesten. «Ich finde diese Rebellion sehr gut», sagt der 50-Jährige, der in den letzten Tagen der DDR-Diktatur die Ordnungskräfte auf Trab hielt mit Fahrraddemonstrationen – und ständig mit Verhaftung rechnen musste. «Noch lauter, noch rebellischer» wünscht er sich das Engagement der jungen AktivistInnen heute.

Amnesty-Leute angepöbelt

Dass das selbst unter demokratischen Umständen nicht immer leicht ist, macht die Arbeit von Amnesty International in Chemnitz deutlich. Schon seit Jahren würden er und seine MitstreiterInnen an Info-Ständen angepöbelt und die Organisation auf Twitter von AfD-Abgeordneten beleidigt, erzählt Sebastian Lupke, der die Treffen der Ortsgruppe koordiniert. «In einem Bundesland, in dem der politische Feind seit jeher links stand und eine aktive Zivilgesellschaft noch nie gewollt war, werden die Handlungsspielräume kleiner», sagt der 30-Jährige, «auch für eine seriöse Organisation wie Amnesty.»

An einem lauen Abend sitzt Lupke mit Gleichgesinnten im Jugendzentrum Lokomov am Fusse des Sonnenbergs zusammen. Ein venezolanischer Exilant ist zu Gast beim monatlich veranstalteten Menschenrechtsstammtisch, gut ein Dutzend BesucherInnen sind gekommen, um mehr über die Lage in dem lateinamerikanischen Land zu erfahren. 1989 geboren war noch keiner der Teilnehmenden des Stammtischs – allerdings halte es auch kaum jemand länger als für die Zeit des Studiums in Chemnitz, so Lupke.

Zivilgesellschaft eingeengt

Nach den Erfolgen der AfD in Sachsen und Brandenburg in Ostdeutschland ist zu befürchten, dass Gelder für Jugend- und Kulturarbeit gezielt gestrichen werden, gerade auf dem Land und im kleinstädtischen Milieu. Die Einengung zivilgesellschaftlicher Räume treibt immer mehr engagierte junge Menschen aus ostdeutschen Städten fort, sei es aus Magdeburg in Sachsen- Anhalt, aus Rostock in Mecklenburg-Vorpommern oder eben aus Chemnitz. Auch Lupke von der Amnesty-Gruppe in der einstigen Karl-Marx-Stadt bekommt das zu spüren. Bis vor den Sommerferien hatte noch ein Schüler die regelmässigen Treffen geleitet. Doch den zog es nach dem Abitur nicht etwa nach Berlin, Köln oder Hamburg wie viele seiner Generation, sondern noch weiter weg: Ein Jahr verbringt er nun in Kolumbien. Natürlich nicht wegen der AfD, sondern um dort einen sozialen Freiwilligendienst zu absolvieren. Seine Rückkehr nach Chemnitz ist dennoch ungewiss.