Roberto Petrillo, Anna Monsberger und Lena Kittler über ihre Motivation, sich für Menschenrechte einzusetzen. Illustrationen: André Gottschalk
Roberto Petrillo, Anna Monsberger und Lena Kittler über ihre Motivation, sich für Menschenrechte einzusetzen. Illustrationen: André Gottschalk

Jugendliche «Wir haben so viel Energie»

Von Roberto, Anna und Lena. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2019.
Hier wie dort aktiv: Drei junge Menschen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich erzählen, was sie bewegt und wofür sie sich engagieren.
«Ich mag Schubladisierungen nicht»

Ich war schon immer an allem interessiert, was auf der Welt passiert, und versuche, mir eine eigene Meinung zu bilden. Mein Interesse am Weltgeschehen führte mich schliesslich zum Amnesty-Magazin, das ich regelmässig lese. Schliesslich hatte ich das Bedürfnis, selber aktiv zu werden, und trat Amnesty Youth bei.

Seit einiger Zeit interessiert mich auch das Thema Klimawandel. So versuche ich, umwelt- und klimagerechter zu leben. Früher flog ich noch oft, doch jetzt nicht mehr. Als Kleinkinderzieher machte ich die bemerkenswerte Erfahrung, dass schon fünfjährige Knirpse es schlecht finden, wenn man fliegt. Dass den Kleinen schon so bewusst ist, wie klimaschädlich das Verhalten von uns Erwachsenen ist, hat mich sehr beeindruckt.

Bei mir bestärkt dies mein Engagement für die Menschenrechte, denn ich sehe, wie sich der Klimawandel auf die Menschenrechte auswirkt und noch mehr Armut, Konflikte und Flüchtlinge verursacht. Es macht mir schon Angst, wenn sich Europa immer weiter abschottet, bis irgendwann an allen Grenzen Europas Mauern sind und Leute mit Gewehren, die dann auch schiessen…

Bestimmt hat auch mein Beruf Einfluss auf meine Haltung. In der Ausbildung lehrte man uns pädagogische Grundsätze, wonach jeder Mensch im Grunde okay ist. Wie man Kindern vermittelt, gerecht und gewaltfrei miteinander umzugehen. Aber dann, wenn ich die Tagesschule verlasse, sehe ich, wie wir Erwachsenen einander behandeln, wie viel Gier und Egoismus herrschen. Dieser Kontrast treibt mich an: Ich will mich dafür engagieren, dass die Welt eine andere ist, wenn «meine Kinder» einmal erwachsen sind.

Toleranz ist mir sehr wichtig. Ich bin bis zum 13. Lebensjahr in einer ländlichen Region aufgewachsen. Dort denken viele Menschen politisch ganz anders als ich, aber ich versuche zu verstehen, wie sie zu ihren Haltungen gekommen sind. Ich war in der Grundschule der einzige Ausländer in der Klasse, erlebte aber nie Diskriminierung.

Ich mag Schubladisierungen sowieso nicht. Darum würde ich mich auch nie als Linken betiteln. Wenn ich mich in eine linke Schublade stecken liesse, würde mich dies von anderen Menschen, die nicht in derselben Schublade stecken, abgrenzen. Das verhindert Dialog, fördert Intoleranz. Ich möchte aber mit allen Menschen sprechen können.

Wichtig ist, dass man etwas tut. Ich finde es toll, dass unsere Generation mit den Klimastreiks so aktiv ist – statt nur zu motzen. Wir jungen Menschen haben so viel Energie. Ein grosses Potenzial!

Roberto Petrillo (21) lebt in Thun. Er leitet die Amnesty-Youth-Gruppe Bern. Nach seiner Ausbildung zum Kleinkinderzieher arbeitet er nun in einer Tagesschule. Protokoll: Manuela Reimann Graf


«Bewusstsein schaffen»

Menschenrechte bedeuten für mich, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Ein solidarisches Miteinander. LGBTIQ*- Bewegungen sind dafür ein schönes Beispiel: Weltweit finden sich Menschen, die für ihre Rechte auf die Strasse gehen und dafür kämpfen. Diese Energie geht global. Vor einiger Zeit traf ich Sakris Kupila, Aktivist für LGBTIQ*-Rechte aus Finnland. Die humorvolle und differenzierte Sicht auf seine Arbeit fand ich enorm inspirierend.

Menschenrechte sollen universal gelten, also müssen sie auch für die Menschen und deren unterschiedliche Lebensrealitäten Sinn machen. Kategorien wie sozioökonomisches Kapital, Gender, sexuelle Orientierung, Alter oder Gesundheit spielen dabei eine grosse Rolle. Dafür versuche ich Bewusstsein zu schaffen. Dieses Bewusstsein kann entstehen, wenn wir miteinander reden. Das Sichtbarmachen verschiedener Lebenswelten regt zum Nachdenken an und bewegt.

Natürlich gibt es dann auch Unterhaltungen, wo mensch Uneinigkeiten spürt. Das ist auch gut so. Gespräche müssen nicht immer reibungslos verlaufen, um produktiv zu sein. An Tagen, wo mir das Aushalten anderer Meinungen schwerfällt, lasse ich mich dann eben gerne von der Nestwärme meiner eigenen Bubble bestärken.

Dabei spielen Peer-Groups eine grosse Rolle. Bezogen auf junge Menschen heisst es oft, dass diese besonders viel Energie und einen flexiblen Lebensrhythmus hätten. Aber auch wir sind oft müde. Müssen Studium, Nebenjob, Ehrenamt und Privates jonglieren. Burnout, sogenannte Compassion Fatigue, ist etwas ganz Reales im Aktivismus und im Ehrenamt. Self-Care, auf sich selbst achtzugeben, ist dabei extrem wichtig! Menschenrechtsarbeit gibt mir die Möglichkeit, vor allem im Austausch mit KollegInnen aller Altersgruppen, neue Strategien zu lernen.

Anna Monsberger (23) studiert Jus und Kulturwissenschaften und engagiert sich bei der Amnesty-Youth-Gruppe in Graz. 2019 gestaltete sie die Amnesty-Präsenz auf der EuroPride in Wien mit. Text: Anna Monsberger

«Ich habe gemerkt, wie schnell man zum Feindbild wird»

So etwas wie einen politischen Moment hatte ich zum ersten Mal mit 14 auf einer Demo in Crimmitschau in Sachsen. Meine ältere Schwester hatte mich dorthin mitgenommen. Wir waren nur eine Handvoll Leute und standen einer viel grösseren Gruppe rechter Pegida-Anhänger gegenüber. Ich wurde von ihnen gefilmt und beschimpft. Diese wütenden feindlichen Gesichter haben mich total erschreckt. Es hat mich beschäftigt, dass so viele Menschen aus Hass demonstrieren. Deswegen fing ich an, mich umzuschauen, was ich dagegen tun kann.

Ich habe zum Beispiel beim «Viva la Cultura»-Festival in Zwickau einen Stand von einem Jugendclub mitbetreut und bin auf die Demos von «Zwickau zeigt Herz» gegangen. Gern hätte ich noch etwas Eigenes organisiert oder hätte öffentlich Stellung bezogen. Aber davor hatte ich damals noch Angst, weil ich gemerkt habe, wie schnell man für manche zum Feindbild wird. Auf meiner Dorfschule und in der Nachbarschaft haben die Leute viel geredet – Neuem gegenüber war man oft misstrauisch. Heute höre ich hier im Dorf auch schnell rassistische Sätze gegenüber Menschen, die nicht weiss sind: «Wir müssen auf unsere Töchter aufpassen», heisst es dann. Dass das hier so alltäglich geworden ist, macht mir Angst.

Als ich vor zwei Jahren für mein Fachabitur nach Plauen gezogen bin, besuchte ich politische Vorlesungen und Veranstaltungen. Ich lernte dabei Leute kennen, die auch Lust hatten, sich gegen rechts zu engagieren. So kam ich zu #wannwennnichtjetzt. Die Initiative will die Zivilgesellschaft bei Marktplatztouren durch ostdeutsche Kleinstädte vor den Landtagswahlen zusammenbringen und einen Austausch schaffen über politische und soziale Themen. Gemeinsam engagieren wir uns gegen die menschenverachtende und rassistische Politik der AfD und setzen ein Zeichen gegen Rassismus. Als die Frage im Raum stand, wer unser Gesicht in der Öffentlichkeit sein könnte, habe ich mir einen Ruck gegeben und ja gesagt. Seitdem bin ich Pressesprecherin. Bei der Marktplatztour in Plauen habe ich mich total gefreut, ein anderes Bild von der Stadt zu sehen, eines von Gemeinschaft und Offenheit. Wir sind hier in Plauen oft nur wenige Engagierte – durch die Veranstaltung sind wir zusammengewachsen.  

Lena Kittler (18) organisiert für das Bündnis #wannwennnichtjetzt Kulturveranstaltungen und Diskussionen und engagiert sich für eine offene Gesellschaft in Plauen. Nach ihrem Abitur will sie in Sachsen bleiben und ein freiwilliges Jahr in ihrer Heimatstadt Zwickau absolvieren. Protokoll: Felix Wellisch