Oyub Titiev während seines Prozesses in Shali, Tschetschenien, am 19. Juli 2018. © REUTERS/Said Tsarnayev
Oyub Titiev während seines Prozesses in Shali, Tschetschenien, am 19. Juli 2018. © REUTERS/Said Tsarnayev

Tschetschenien «Ich glaube immer noch nicht, dass ich frei bin»

Von Manuela Reimann Graf*. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2020.
Der tschetschenische Menschenrechtsverteidiger Oyub Titiev verbrachte mehr als ein Jahr unschuldig im Gefängnis. Im Interview erzählt er von seiner Haft und davon, was es bedeutet, sich für die Menschen in Tschetschenien einzusetzen.
AMNESTY: Die Arbeit für die tschetschenische Vertretung der Menschenrechtsorganisation Memorial war stets gefährlich. Wie sehr, wurde 2009 deutlich, als Ihre Kollegin Natalia Estemirova 2009 ermordet wurde. Sie haben dennoch 2011 die Leitung übernommen. Warum nahmen Sie dieses Risiko auf sich?

Oyub Titiev: Nicht nur ich, auch alle meine Kollegen und Kolleginnen gingen grosse Risiken ein. Aber wir konnten nicht zulassen, dass die Vertretung von Memorial in Tschetschenien geschlossen wird und sich in der Folge die Menschen nicht mehr an eine unabhängige Menschenrechtsorganisation würden wenden können. Damals verblieben fast keine unabhängigen NGOs in der Republik, mit Ausnahme des Commitee Against Torture CAT. Wie wir wurden auch die anderen NGOs überwacht, und sie hatten keine Vertretungen oder Unterstützung in den anderen Regionen. 2011 hatte Memorial vier Büros in verschiedenen Regionen Tschetscheniens, und schliesslich musste ja jemand die Hauptstelle leiten. Bei den massiven Menschenrechtsverletzungen in der Republik konnten wir nicht untätig sein.

Am 9. Januar 2018 wurden Sie wegen erfundener Anschuldigungen verhaftet. Sie verbrachten dann mehr als ein Jahr im Untersuchungsgefängnis. Wie haben Sie diese Haftzeit erlebt?

Ich war 15 Monate im Gefängnis, wo ich 24 Stunden am Tag in einem geschlossenen Raum mit einer Fläche von 4,5 Quadratmetern pro Person verbringen musste. Ich ertrug dies, weil ich ein tief gläubiger Mensch bin. Es half mir aber auch sehr, so grosse Unterstützung von internationalen Organisationen, Kollegen, Verwandten und Freunden zu erhalten. Und von den Menschen, von denen ich Hunderte Briefe erhielt. Im Gefängnis wurde ich wie alle anderen Insassen behandelt. Es gab geringfügige Rechtsverletzungen, aber nichts Aussergewöhnliches. Auch meine Zellengenos sen und andere Gefangene unterstützten mich in jeder Hinsicht.

Gab es Momente im Gefängnis, in denen Sie bedauerten, dass Sie für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet hatten?

Ich habe versucht, Menschen zu helfen, deren Rechte von den Behörden verletzt wurden. Das haben wir alle gemacht, unser gesamtes Team. Im Gefängnis hatte ich mehr Gelegenheit, auf Menschenrechtsfragen in der Republik hinzuweisen. Und ich habe diese Gelegenheit so weit wie möglich genutzt. Natürlich bereue ich es nicht, diese Arbeit getan zu haben.

Im März 2019 wurden Sie schliesslich zu vier Jahren in einer Strafkolonie verurteilt mit der Möglichkeit, nach einem Drittel der Strafe eine Bewährung zu beantragen – diese Zeit hatten Sie ja bis zum Urteil bereits abgesessen. Erwarteten Sie, nach diesem Urteil entlassen zu werden, oder hatten Sie Angst, dass Sie den Rest der vier Jahre noch im Gefängnis verbringen müssten?

Nach dem Urteil wollte ich Berufung einlegen, aber mein Anwalt und eine Journalistin, die den Prozess begleitete, überzeugten mich, das nicht zu tun. Wenn ich nicht auf Bewährung freigelassen worden wäre, wäre ich jetzt in einer Strafkolonie. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich jetzt frei bin und in Ruhe gelassen werde. Die Leute, die mich ins Gefängnis geschickt haben, sind Menschen ohne Gewissen und Ehre. Es war schon im Voraus bekannt, dass sie mich zu vier Jahren verurteilen würden, aber es war nicht klar, welches Sicherheitsregime ich erhalten würde. Aber ich hatte keine Angst. 

Sie wurden auf Bewährung entlassen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit? Besteht die Gefahr, dass Sie wieder ins Gefängnis müssen?

Seit meiner Entlassung kann ich frei arbeiten. Schon hinter Gittern gab ich anderen Gefangenen jeden Tag Ratschläge – meine Arbeit hörte praktisch nie auf. Das Risiko, ins Gefängnis zu kommen, besteht für jeden Bürger der Russischen Föderation. Aber für diejenigen, die in der Tschetschenischen Republik leben oder sich für die Menschenrechte einsetzen, ist diese Gefahr viel höher. Da ich auf Bewährung bin, ist es sowieso nicht schwer, mich wieder ins Gefängnis zu stecken. Diese Gefahr bleibt bis zum Ende meiner Bewährung, also bis zum 9. Januar 2022, bestehen.

Wie kann eine Menschenrechtsorganisation wie Memorial heute in der Russischen Föderation arbeiten?

Während der beiden Kriege in der Tschetschenischen Republik gab es massive Menschenrechtsverletzungen: Morde, Entführungen und willkürliche Hinrichtungen. Das geht bis heute weiter. Es gibt weiterhin viele Bewaffnete, die von der russischen Regierung geschützt werden und denen alles erlaubt ist. Da bleibt Memorial nichts anderes übrig, als trotz der Gefahr in der Russischen Föderation und im Nordkaukasus weiterzuarbeiten.

Wie beurteilen Sie das Recht auf freie Meinungsäusserung in der Russischen Föderation generell?

Die Menschenrechtssituation in Russland insgesamt verschlechtert sich von Tag zu Tag. Das repressive Regierungsmodell in der Tschetschenischen Republik wurde von Präsident Putin geschaffen. Dieses Modell wurde in der Tschetschenischen Republik getestet und wird nun in ganz Russland angewandt. Aber ich hoffe, dass die Völker in Russland nicht schweigen werden.

*Das Interview wurde in Englisch und Russisch geführt mit der freundlichen Unterstützung von Alexander Artemyev, Amnesty Russland

 

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