Gestrandet am Fluss Una. Die Mehrheit der MigrantInnen, die irgendwann in Bihac ankommen, stammen aus Pakistan, Afghanistan, Syrien und Nordafrika. Auch bei Kälte schlafen manche im Freien. © Rémi Carlier
Gestrandet am Fluss Una. Die Mehrheit der MigrantInnen, die irgendwann in Bihac ankommen, stammen aus Pakistan, Afghanistan, Syrien und Nordafrika. Auch bei Kälte schlafen manche im Freien. © Rémi Carlier

Balkanroute In der Falle

Von Rémi Carlier. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2020.
Seit die ungarischen und serbischen Grenzen geschlossen sind, endet die Balkanroute in Bosnien und Herzegowina. Die Bedingungen sind hart für die mehr als 5000 Migrantinnen und Migranten, die um jeden Preis versuchen, von dort nach Kroatien zu gelangen.

Es ist eine mondlose Nacht. Dicke Regentropfen fallen auf den Boden des kleinen Bahnhofs von Otoka im Nordosten von Bosnien und Herzegowina. Aus dem dichten Nebel fährt mit lautem Kreischen ein Zug aus Sarajevo ein. Bosnische Polizisten drängen in den hintersten Wagen, in dem sich rund 40 Personen befinden – darunter mehrere Kinder. Einige schauen noch ganz verschlafen, andere haben die Augen weit aufgerissen. Die Reisenden aus dem Irak, aus Marokko und Afghanistan möchten alle nach Bihac, dem Hauptort des bosnischen Kantons Una-Sana nahe an der kroatischen Grenze. «Alle Familien: Zeigt eure Papiere!» schreien die Polizisten, die von Mitgliedern des Danish Refugee Council (DRC) begleitet werden. Diese sorgen dafür, dass die Familien und die unbegleiteten Minderjährigen den Wagen nicht verlassen. Die anderen, rund 20 junge Männer, werden zum Aussteigen aufgefordert.

In einem Polizeiwagen werden sie in ein abgelegenes Gebiet an der Grenze zu Serbien transportiert und dort mit einigen gespendeten Energieriegeln und Ponchos ausgestattet. Ein 45 km langer Marsch im Regen erwartet sie, wenn sie nach Bihac wollen.

Solches geschieht an diesem Ort jeden Tag. Una-Sana ist seit 2017 eine der Hauptetappen der «Balkanroute» von der Türkei nach Westeuropa, die durch Griechenland, Albanien und Montenegro führt. Die Behörden des bosnischen Kantons verfügen über weitreichende Befugnisse, es gibt eine eigene Regierung. Diese hat im Jahr 2019 beschlossen, alles zu tun, um die hohe Zahl der Ankommenden einzudämmen. «Sie kommen mit dem Zug, Bus, Taxi, Auto oder sogar zu Fuss. Jeder weiss genau, wohin sie gehen, und nichts kann sie aufhalten», sagt Ale ŠSiljdedicć, Sprecher der Polizei von Bihac.

Der Beamte beklagt das völlige Desinteresse der Bundesbehörden gegenüber der Lage seines Kantons, der seit dem Frühling 2019 eine Verteilung der Migrationsbevölkerung auf das gesamte Land fordert. Aber die bosnische Zentralregierung steckt immer noch in internen politischen Streitigkeiten. Die anderen Kantone wollen nichts wissen. Nun kümmert sich die Uno, konkret die Internationale Organisation für Migration (IOM), um die Aufnahme der MigrantInnen, mit finanzieller Unterstützung der EU. «Es ist nicht normal, dass wir uns nach zwei Jahren immer noch in einer Krisensituation befinden», sagt Peter Van der Auweraert, IOM-Vertreter in Bosnien. «Es ist keine Migrationskrise, es ist eine Regierungskrise. Das Geld und die Ressourcen wären da. Was fehlt, ist der politische Wille.»

Sackgasse Camp

Die Mehrheit der 26 000 MigrantInnen, die 2019 vor allem aus Pakistan, Afghanistan, Syrien und Nordafrika kamen und an der Grenze zu Bosnien registriert wurden, erreichten irgendwann Bihac. In den gepflasterten Strassen des Stadtzentrums, an den Ufern der Una, wanderten im vergangenen eisigen Dezember Hunderte von ihnen umher – entlang der von Einschusslöchern übersäten Mauern, Überbleibseln des Krieges in Bosnien und Herzegowina.

«Ich habe mich seit Wochen nicht mehr gewaschen. Ich habe kein Geld und kein Telefon, um meinen Eltern zu sagen, wie es mir geht» Kyrillos, 17-jähriger Migrant aus Ägypten

Kyrillos, ein 17-jähriger koptisch-ägyptischer Junge, schüttelt sich in seinem übergrossen Parka. Sein Gesicht ist abgemagert, mit seiner skelettartigen Hand und schmutzigen Fingernägeln bettelt er um ein wenig Geld, um sich eine Tasse Tee oder etwas zu essen zu kaufen. Seit zwei Monaten schläft er in einer verlassenen Bauruine auf einer schäbigen Matratze. Es ist feucht und kalt. «Ich habe mich seit Wochen nicht mehr gewaschen. Ich habe kein Geld und kein Telefon, um meinen Eltern zu sagen, wie es mir geht», klagt er. Als Einzelkind entschied er sich, der drückenden Armut seines Lebens in Kairo zu entfliehen und ein besseres Leben auf der anderen Seite des Mittelmeers zu suchen. Aber seine Reise führte ihn in ein tieferes Elend, als er es je zuvor erlebt hatte.

Die IOM hat im Kanton Una-Sana vier Unterbringungszentren eröffnet, Transitzentren für 3500 Männer, Frauen und Kinder, die aber keineswegs in diesem Land bleiben möchten, das als eines der ärmsten Europas gilt. In Bira, in einer stillgelegten Kühlschrankfabrik aus der Nachkriegszeit, ertragen 1900 von ihnen die Langeweile in Sechsbettcontainern.

Das Zentrum ist voll, aber die Direktorin Amira Hadzimehmedovic meint, dass es noch Platz gebe, um einige Hundert Menschen mehr zu beherbergen, zumindest während des Winters. Die lokalen Behörden, die die Zentren als «pull factor » für MigrantInnen betrachten, lehnen dies jedoch ab. Sie stoppten Ende November einen Konvoi von Matratzen und Zelten. «Der Kanton hat der Eröffnung dieser Zentren nie zugestimmt, dies wurde mit dem Bundessicherheitsministerium ausgehandelt. Sie haben ein Aufnahmeverbot verhängt; nur die Schwächsten sollen aufgenommen werden. Dennoch versuchen wir, jeden aufzunehmen, der an die Tür klopft», sagt Amira Hadzimehmedovic.

Als unbegleiteter Minderjähriger sollte Kyrillos theoretisch einen Platz im Zentrum erhalten, wenn er darum bitten würde. Aber wie eine Gruppe von vier Marokkanern, die unter einer Brücke steht, oder  fünfzehn Syrer aus Idlib, die sich um eine Bank versammelt haben, hat er Angst, dorthin zu gehen. «Es gibt dort starke Spannungen zwischen Arabern und Asiaten. Ich habe Angst, angegriffen oder ausgeraubt zu werden.» Der junge Kopte hat schon das Lager Vucjak erlebt, das im Sommer 2019 in den Bergen mit Blick auf Bihac eröffnet wurde. Als vorübergehende Lösung gedacht, war das Camp im Laufe der Monate zu einer regelrechten Sackgasse geworden. Viele Organisationen und Medien prangerten die dortige Situation an, weil sie im harten Winter Tote befürchteten. Das Camp wurde schliesslich im Dezember geschlossen, und mehr als 700 MigrantInnen wurden von der IOM nach Sarajevo zurückgeführt, wo sie den Winter in einem der beiden von der Uno-Organisation verwalteten Zentren verbringen. Kyrillos weigerte sich, den Bus zu nehmen. «In Sarajevo gibt es das Spiel nicht!», ruft er aus.

Tödliches Spiel

«Das Spiel» – so nennen die MigrantInnen den Versuch, die Grenze zu überqueren. Kyrillos hat es zehn Mal erfolglos probiert. Sie klettern auf Berge, schleichen durch dichte Wälder und weichen Minenfeldern und Rückständen von Kriegsmunition aus. Manchmal mit sehr kleinen Kindern im Schlepptau. Es müssen gefährliche Flüsse überwunden werden, um ins italienische Triest zu gelangen. Dieses «Spiel» ist risikoreich, es hinterlässt eine Spur von unbekannten Leichen, die erfroren oder ertrunken sind. Was alle «MitspielerInnen », die nach einem erfolglosen Versuch nach Bosnien zurückgekehrt sind, ebenfalls zittern lässt: die kroatische Polizei, die jede erneute Einreise in das Gebiet der Europäischen Union verhindern soll und dafür häufig Gewalt einsetzt.

Sie klettern auf Berge, schleichen durch dichte Wälder und weichen Minenfeldern und Rückständen von Kriegsmunition aus.

Der Danish Refugee Council DRC zählt pro Woche 20 bis 30 Personen, die unrechtmässige nach Bosnien zurückkehren müssen, dabei sind die von offiziellen Grenzposten registrierten nicht mitgezählt. In einem am 13. März 2019 veröffentlichten Bericht prangerte Amnesty International «systematische, illegale und häufig gewaltsame Rückführungen sowie die kollektive Vertreibung von Tausenden von Asylsuchenden in schmutzige und unsichere Flüchtlingslager in Bosnien und Herzegowina» an.

Nach Angaben mehrerer NGOs in Bosnien und Kroatien, von kantonalen Behörden und von MigrantInnen selbst hat die Polizeigewalt seit vergangenem Sommer zugenommen. «Wir sehen ein   Muster wiederkehrender Gewalt», sagt Nicola Bay, Direktor des DRC in Bosnien. «Jetzt ist kein Beweis mehr nötig; die Gewalt ist längst offensichtlich. Wir können die Wunden sehen: Verbrennungen durch heisses Eisen, Hundebisse, Kopfwunden durch Schlagstöcke.» Mitte November eröffnete die kroatische Polizei das Feuer auf zwei Männer an der slowenischen Grenze und verletzte einen von ihnen schwer. Zeugenaussagen von MigrantInnen, deren Kleidung, Schuhe, Mobiltelefone und Geld von der Polizei zerstört wurden, gibt es im Überfluss.

Kyrillos, der junge Ägypter, erzählt, dass er bei seinem ersten Versuch seinen Pass abgeben musste, der dann vor seinen Augen verbrannt wurde. Schliesslich habe man ihn im Wald an der bosnischen Grenze in Unterwäsche zurückgelassen, und er sei gezwungen gewesen, einen Fluss zu überqueren.

Die kroatischen Behörden bestreiten solche Anschuldigungen und beschuldigen die Opfer, die Aussagen erfunden zu haben. «Die kroatische Polizei leistet einen effizienten und humanen Job und tut viel, um die Grenze so undurchlässig wie möglich zu machen. Zu allen Vorwürfen gab es Untersuchungen, und es konnte nie etwas nachgewiesen werden», sagte der Stabschef des kroatischen Premierministers, Zvonimir Frka-Petesic, der französischen Zeitung «Le Monde». Für die kroatischen Behörden steht viel auf dem Spiel: Ende Oktober kündigte die Europäische Kommission an, dass Kroatien «auf dem richtigen Weg» sei, um in den Schengen-Raum integriert zu werden, und dafür «insbesondere alle laufenden Massnahmen der Grenzverwaltung weiterführen muss».

Trotz der systematischen Repression setzen die MigrantInnen unermüdlich ihre Überquerungsversuche fort, im Winter zwar etwas seltener, dafür probieren sie es im Frühling wieder häufiger. Talha, ein 22-jähriger Pakistaner, der während des Winters im Zentrum von Bira lebt, behauptet, es schon zwanzig Mal versucht zu haben und sechs Mal Slowenien erreicht zu haben. «Jedes Mal brachten mich die slowenischen Grenzschutzbeamten nach Kroatien zurück, und die kroatischen Polizeibeamten liessen mich in Bosnien zurück. Wir sind hier gefangen, aber wir haben keine andere Wahl. Wir müssen weitermachen», sagt er mit einem resignierten Lächeln.