Das Logo des Online-Nachrichtenportals Mada Masr, das trotz Repressionen weiterarbeitet. © mada masr
Das Logo des Online-Nachrichtenportals Mada Masr, das trotz Repressionen weiterarbeitet. © mada masr

Meinungsfreiheit Unblockierbar

Von Lena Khalifa. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2020.
Das Online-Magazin Mada Masr gilt als letzte Bastion des unabhängigen Journalismus in Ägypten. Trotz staatlichen Schikanen und drohenden Verhaftungen arbeitet die Redaktion weiter.

«Du bist Journalistin. Irgendwas musst du ja angestellt haben», sagte der Mitarbeiter der Staatssicherheit am Kairoer Flughafen zu Rana Mamdouh, als sie wissen wollte, warum sie nicht ausreisen durfte. Statt wie geplant zu einer Konferenz für investigativen Journalismus in Jordanien zu fliegen, musste Mamdouh den Flughafen verlassen und sich auf den Heimweg machen. Die Geschehnisse beschreibt sie drei Wochen später auf der Website von Mada Masr, dem Online-Magazin, für das sie arbeitet.

Die Strassen waren an jenem Freitag im vergangenen November vermutlich angenehm leer, eine Abwechslung zum üblichen Stau der Millionenstadt, der sich nur am offiziellen muslimischen Feiertag lockert. Doch in Mamdouhs Kopf drängten sich die Fragen: Warum stand ihr Name auf der Liste mit den Ausreiseverboten? Standen darauf die Namen aller Medienschaffenden Ägyptens? Und wer entschied darüber? Erschöpft sei sie zu Hause in einen 18-stündigen Schlaf gesunken, schreibt Mamdouh in ihrem Bericht über die Ereignisse. In den Morgenstunden des 23. Novembers, während Mamdouh schlief, wurde ihr Kollege, der Journalist Shady Zalat, in seiner Wohnung festgenommen. Als Mamdouh erwachte und davon erfuhr, geriet sie in Panik. Die Gefahr war nun greifbar nahe. Sie sagte ihren Kindern immer wieder, dass sie sie liebte, und besprach mit ihrem Mann, was passieren würde, wenn auch sie im Gefängnis landete. Eine weitere unruhige Nacht später ging sie in das Büro von Mada Masr im Kairoer Stadtteil Dokki. Nur zehn Minuten nach ihrer Ankunft wurde es von Sicherheitskräften gestürmt. Zehn Männer in Uniformen konfiszierten Handys und Laptops, durchsuchten drei Stunden lang die Büroräume und nahmen Mamdouh zusammen mit der Chefredaktorin Lina Attalah und einem weiteren Mitarbeiter fest. Nun hatte die Repression des ägyptischen Regimes also auch Mada Masr erreicht – die einzige Redaktion, die es noch wagt, kritisch über die Innenpolitik zu berichten.

Top drei des Schreckens

Seit der Machtübernahme durch den Ex-Militär Abdel Fattah El-Sisi vor fast sieben Jahren hat die Presse- und Meinungsfreiheit in Ägypten einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Mit jeder kritischen Aussage, ob öffentlich oder privat, ist Angst verbunden: vor den Folterkellern der Polizeistationen und den unmenschlichen Haftbedingungen in Ägyptens Gefängnissen. Dort sitzen derzeit 26 Medienschaffende ein, ein Zehntel aller inhaftierten JournalistInnen weltweit. Reporter ohne Grenzen setzt Ägypten aktuell auf Platz 163 der Rangliste für Pressefreiheit. Und 2019 war Ägypten sogar das Land mit den drittmeisten inhaftierten JournalistInnen nach China und der Türkei.

In dieser repressiven Umgebung gilt das Online-Magazin Mada Masr als letzte Bastion des unabhängigen Journalismus. Die Redaktion veröffentlicht regelmässig investigative Recherchen und kritische Kommentare zu den Missständen im Land: zur grassierenden Korruption, der Abwesenheit von Meinungsfreiheit und der ständig wachsenden Zahl politischer Gefangener. Die Website von Mada Masr ist schon 2017 blockiert worden, zusammen mit 500 weiteren Internetseiten. Doch die Redaktion hat immer wieder Wege gefunden, die Blockade zu umgehen – auch nach der Razzia und den Verhaftungen im vergangenen November. Denn nach einer zwanzigminütigen Fahrt, während der sich die drei JournalistInnen an den in Handschellen gelegten Händen hielten, drehte der Polizeiwagen um und brachte sie zurück ins Stadtzentrum, wo man sie freiliess. Irgendjemand ganz weit oben habe sich für sie eingesetzt, mehr erfuhren sie nicht. Möglicherweise hatte internationaler Druck eine Rolle gespielt. Das Online-Magazin publiziert auf Arabisch und Englisch und erreicht LeserInnen in aller Welt.

Lachen trotz allem

«Wenn ich an die Razzia zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an Gelächter», schreibt die Chefredaktorin Lina Attalah wenige Tage später auf der Mada-Masr-Website. Mehrmals musste ihr Team während der Durchsuchung des Büros lachen, und jedes Mal hätten auch die Mitarbeiter der Staatssicherheit keine ernste Miene bewahren können. Humor habe bei ihrer Arbeit immer eine grosse Rolle gespielt.

Gelacht hätten sie auch an dem Tag, als die Probleme anfingen. Über verschiedene Quellen im Geheimdienst hatte die Redaktion erfahren, dass Mahmoud al-Sisi, der Sohn des Präsidenten, eine Position in Russland bekommen sollte. Er sollte damit aus den ägyptischen Regierungskreisen entfernt werden, wo er wohl schlechte Arbeit geleistet und dem Ruf seines Vaters geschadet hatte. Die Redaktion wusste sofort, an was für ein brenzliges Thema sie sich heranwagte. Wenn es in Ägypten zwei Tabuthemen für JournalistInnen gibt, so sind es das Militär und der Präsident inklusive Familie. Wer hier Kritik übt, spielt mit dem Feuer. Doch mit der Gewissheit, dass an der Sache etwas dran war, wuchs auch der Wille der Mada-Masr- Redaktion, den Beitrag zu veröffentlichen. Nur vier Tage nach der Publikation kam es zu der Razzia und den Festnahmen.

«Wir lassen uns nicht leicht für Geheimtipps und Sensationsnachrichten begeistern», schreibt Chefredaktorin Lina Attalah. «Im Gegenteil, sie machen uns nervös, denn wir wissen um die rigorose Verifizierungsarbeit, die wir leisten müssen. » Die 37-Jährige studierte in Kairo Journalismus und arbeitete für verschiedene Printmagazine, bevor sie 2013 Mada Masr mitbegründete – zwei Jahre nach dem Sturz von Hosni Mubarak und nur wenige Tage vor dem Militärputsch Abdel Fattah al-Sisis. «Viele sehen uns als Medium von und für die Kinder der Revolution», so Attalah.

Diese Kinder der Revolution leben heute in einem Staat, der ihre Freiheit noch krasser einschränkt als das 30-jährige Regime Mubaraks es tat. 60 000 politische Gefangene sitzen in den berüchtigten Gefängnissen des Landes. Viele werden jahrelang ohne Urteil festgehalten oder in Massenprozessen verurteilt, viele werden gefoltert. Im vergangenen September sorgten die Youtube-Videos des Exil-Ägypters Mohammed Ali für landesweites Aufsehen. Der Unternehmer berichtete darin von seinen Erfahrungen mit dem ägyptischen Militär und deckte Korruption und Geldverschwendung des Regimes auf. Daraufhin brachen zum ersten Mal seit 2013 wieder regierungskritische Proteste aus, die jedoch im Keim erstickt wurden. Seitdem wurden 16 JournalistInnen sowie Tausende Zivilpersonen inhaftiert.

Ungewisse Reise

«Ihr glaubt vielleicht, dass wir mutig sind, und nach aussen hin sieht das auch so aus. Doch oft haben wir Angst, und es ist wichtig, das zuzugeben», schreibt Lina Attalah. Die Reise der JournalistInnen von Mada Masr endete zwar nicht im Gefängnis, doch Grund zur Erleichterung besteht für sie dennoch nicht. Nur zwei Tage nach der Razzia wurden drei weitere Medienschaffende festgenommen, ihnen werden die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und die Verbreitung von Falschnachrichten vorgeworfen. Wie lange das Team von Mada Masr noch kritischen, professionellen Journalismus betreiben kann und welche Opfer sie dafür bringen werden, bleibt abzuwarten. 

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