© Debora Gerber
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LGBTI* «Das Problem sind die traditionellen Rollenbilder»

Interview von Ralf Kaminski. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2020.
Im vergangenen Jahr kam es gehäuft zu Angriffen auf Schwule. Auch bei Tabea Hässler und Léïla Eisner, den Macherinnen einer Umfrage über die Lebensbedingungen von LGBTI*-Menschen in der Schweiz, wurden viele Gewalterfahrungen gemeldet. Die Sozialpsychologinnen plädieren für mehr Aufklärungsarbeit an Schulen und unter Migrantengruppen.
AMNESTY: In letzter Zeit wurden in der Schweiz häufiger Übergriffe auf Schwule bekannt, speziell in Zürich. Gibt es tatsächlich mehr Vorfälle oder werden sie nur häufiger publik?

Léïla Eisner: Das lässt sich leider nicht sagen, weil es in der Schweiz keine offiziellen Statistiken dazu gibt. Aber es scheint derzeit wirklich eine Häufung zu geben. In unserer Umfrage, die wir 2019 das erste Mal durchgeführt haben, sind die Zahlen relativ hoch: Mehr als 90 Prozent der 1500 Befragten gaben an, dass sie bereits Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ausgesetzt waren. Mehr als 60 Prozent haben Mobbing erlebt, 55 Prozent sexuelle Belästigung durch Männer. Und 25 Prozent haben körperliche Gewalt erlebt. Da wir die Umfrage nun jedes Jahr machen, werden wir mit der Zeit auch eine Entwicklung sehen.

Auffällig ist, dass laut den Opfern viele Vorfälle von jungen Männern mit Migrationshintergrund ausgingen, meist aus dem Balkan oder dem Nahen Osten, oft von Muslimen. Ist das Zufall?

Tabea Hässler: Der kulturelle Hintergrund hat natürlich einen grossen Einfluss. Es gibt noch immer Länder, in denen Homosexualität tabu ist und gar mit der Todesstrafe bestraft wird. Und: Leute mit traditionellen Rollenbildern sind eher queerphob. Die finden sich in einigen Migrantenfamilien, aber auch bei Rechtsextremisten und klassisch Konservativen.

L.E.: Wichtig ist auch der Kontakt zu queeren Menschen: Wer jemanden aus dieser Gruppe kennt, realisiert schnell, dass dies ganz «normale» Leute sind. Kommt man aus einer Kultur, in der das weniger akzeptiert ist, outet man sich eher nicht, was dazu beiträgt, dass die Haltung: «Bei uns gibts das nicht!», weiterbestehen kann.

Was kann man tun, um diese Leute zu erreichen?

T.H.: Die Schulen wären extrem wichtig, denn dort erreicht man auch Kinder und Jugendliche aus Familien mit traditionellen Rollenbildern. Dort könnte man aufklären, Empathie aufbauen. Da liesse sich noch einiges tun.

Wie kommt man an die Eltern heran?

T.H.: Bildung hat einen grossen Einfluss. Auch unter muslimischen Menschen gibt es solche, die dem LGBTI*- Thema sehr offen gegenüberstehen. Aber wenn traditionelle Rollenbilder dominieren, steht der Mann oben und die Frau unten – und das wird von queeren Menschen aufgebrochen und führt zu Konflikten. Besonders homophob treten Männer auf, die in ihrer eigenen Männlichkeit verunsichert sind.

L.E.: Kontakt zu LGBTI* wäre sehr hilfreich. Er könnte zum Beispiel auch bei der Arbeit entstehen. Studien zeigen ausserdem, dass eine Ausweitung der Rechte – etwa die Ehe für alle – auch die Einstellung in der Gesamtbevölkerung positiv beeinflusst. Ganz wichtig sind auch Vorbilder: Wenn sich angesehene Personen des eigenen Kulturkreises outen oder offen für die Akzeptanz von LGBTI* plädieren, kann das sehr viel bewirken.

T.H.: Migrantenvereinigungen sollten solche Angriffe unmissverständlich verurteilen und klarstellen, dass sie sowas nicht tolerieren. Man könnte gezielt versuchen, ihre Mitglieder zu erreichen und sie davon zu überzeugen, Stellung zu beziehen. Und ganz wichtig ist natürlich, dass geoutete Menschen mit Migrationshintergrund in der LGBTI*-Gemeinschaft aufgenommen und akzeptiert sind. Ich habe kürzlich einen schwulen Schweizer mit türkischem Hintergrund kennengelernt, der fand, er gehöre nirgends richtig dazu: zur Schwulen-Community nicht, weil er Türke ist, zu den Türken nicht, weil er schwul ist.

Global gesehen sind wohl trans Menschen am stärksten mit Gewalt konfrontiert. Jedes Jahr werden Hunderte ermordet. Weshalb tun sich so viele gerade mit ihnen so schwer?

T.H.: Weil sie, insbesondere trans Frauen, traditionelle Rollenbilder besonders stark infrage stellen. Da verlassen Männer quasi freiwillig ihre hochangesehene Rolle und greifen so grundsätzlich die Stellung des «starken Geschlechts» an. Einige Männer empfinden das als Bedrohung ihrer Männlichkeit. Manche sind vielleicht auch verunsichert, weil sie sich nicht sicher sein können, dass die Frau vor ihnen, von der sie sich angezogen fühlen, wirklich eine «echte» Frau ist. So was löst Aggressionen und ab und zu brutale Gewalt aus. Umso paradoxer ist es, dass ausgerechnet diese Gruppe bei uns weiterhin nicht durch die Antidiskriminierungs- Strafnorm geschützt ist.

Wir sehen derzeit in der westlichen Welt zwei grosse Trends, die parallel laufen: LGBTI*-feindliche RechtspopulistInnen gewinnen an Boden, was teilweise auch die Gewalt gegenüber queeren Menschen verstärkt. Auf der anderen Seite sind zumindest Lesben, Schwule und Bisexuelle so selbstverständlich geworden, dass sie auch Abstimmungen, wie jene im Februar über die Ausweitung der Rassismus-Strafnorm, komfortabel gewinnen. Welcher Trend wird sich durchsetzen?

T.H.: Wir müssen uns immer bewusst sein, dass die erreichten Fortschritte nicht einfach bleiben, dass es immer die Gefahr von Rückschritten gibt. Und je abschätziger und gewalttätiger die Rhetorik rechter Parteien, desto eher fühlen sich Gewaltbereite darin bestätigt, etwas unternehmen zu dürfen; sie glauben dann, damit die stille Mehrheit zu vertreten. Wir müssen also wachsam bleiben und weiterkämpfen. Und die gesellschaftliche Mehrheit muss diese Rhetorik unmissverständlich ächten. Da könnte man durchaus noch mehr machen.

L.E.: Insgesamt bin ich aber für unseren Teil der Welt optimistisch, dass sich der positive Trend durchsetzt – vorausgesetzt, wir bleiben weiterhin dran.