Wandbild des St. Georg, Marienfigur in Dohuk © Klaus Petrus
Wandbild des St. Georg, Marienfigur in Dohuk © Klaus Petrus

Irak Schwieriger als die Flucht ist die Rückkehr

Von Klaus Petrus. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2020.
Im Irak mussten Christen und Christinnen in den letzten Jahrzehnten mehrfach fliehen, insbesondere in den Jahren des Kriegs gegen den «Islamischen Staat». Für eine Rückkehr fehlt manchen das Vertrauen.

Damals, als der IS nach Alqosch vorrückte, erzählt Karam, stand er beim Friedhof der Stadt und blickte nach Süden auf die Ninive-Ebene. Schwarzer Rauch stieg in den Himmel und von überall kamen Menschen, auf Pickups, zu Fuss, mit Schafen und Ziegen, sie waren voller Angst. Damals, das war Anfang August 2014. Einen Monat zuvor hatte der sogenannte Islamische Staat (IS) die Stadt Mossul erobert. Viele waren aus der Millionenstadt nach Alqosch geflüchtet, darunter auch Karam und seine Familie, die zur christlichen Minderheit im Irak gehören.

Karam hatte mit seiner Frau und den beiden Töchtern zunächst Zuflucht in den alten christlichen Siedlungen der Ninive-Ebene nördlich von Mossul gefunden, zuerst in Karakosch, dann in Batnaya. Doch der IS rückte immer weiter vor und nahm schliesslich auch diese Städte ein. So flüchtete der heute 47-Jährige mit seiner Familie weiter nach Alqosch, keine halbe Stunde Autofahrt von Batnaya entfernt. Zu jenem Zeitpunkt, im August 2014, befanden sich bereits 130 000 Christen und Christinnen auf dem Weg nach Nordosten in die kurdischen Gebiete, die meisten flüchteten nach Erbil oder Dohuk. Doch als einzige der umliegenden Siedlungen in der Ninive- Ebene blieb Alqosch unversehrt. Karam kann es bis heute kaum fassen. «Wie durch ein Wunder machte der IS vor dem Stadttor von Alqosch halt.»

Mehrfach vertrieben

Es war nicht das erste Mal, dass Angehörige der christlichen Minderheit im Irak vertrieben wurden. In jüngerer Zeit und im Zuge des Krieges zwischen Irak und Iran (1980 bis 1988) mussten von den damals 1,4 Millionen Christinnen und Christen fast 500 000 das Land in Richtung Europa und USA verlassen. Weitere 300 000 ChristInnen flohen bei Ausbruch des Irakkriegs 2003, als sie zur Zielscheibe radikaler Sunniten wurden.

Nach 2011 kehrten zwar viele zurück, doch dann kam der IS. Inzwischen leben noch zwischen 200 000 und 250 000 ChristInnen im Land, gut die Hälfte davon gehört der mit Rom verbundenen chaldäisch- katholischen Gemeinde an, 10 Prozent sind AssyrerInnen, die restlichen ChristInnen im Irak bekennen sich hauptsächlich zur syrisch-katholischen oder zur syrisch-orthodoxen Kirche.

Zwar wurden nach der Vertreibung des IS die Flüchtlingslager in den Kurdengebieten, in welchen vorwiegend Christen und Christinnen Zuflucht gefunden hatten, nach und nach aufgelöst, und viele von ihnen kehrten in die Ninive- Ebene zurück, das angestammte Gebiet des irakischen Christentums – eines der ältesten weltweit. Dort leben christliche Menschen seit Jahrhunderten mit muslimischen, jesidischen und kurdischen sowie Angehörigen von kleineren ethnisch-religiösen Gruppen wie den Schabak zusammen. Heute gehören dort höchstens noch 40 Prozent der Bevölkerung dem christlichen Glauben an.

Unsicherheit und Misstrauen

Die Heimkehr ist für die Menschen bis heute schwierig. Zahlreiche Dörfer wie Karamles oder Batnaya wurden von den islamistischen TerroristInnen fast vollständig zerstört. Auch sitzt das Misstrauen tief. «Der IS mag zwar weg sein, die Ideologie aber steckt noch immer in den Köpfen», sagt Karam. Für ihn kommt eine Rückkehr nach Mossul jedenfalls noch nicht in Frage.

Unklar bleiben denn auch die Sicherheitsgarantien für diese Region. Die Ninive-Ebene gehört zu den «umstrittenen Gebieten», die sowohl von der irakischen Zentralregierung in Bagdad beansprucht werden als auch von der Autonomen Region Kurdistan (ARK), an die sie angrenzen. Die meisten ChristInnen möchten künftig lieber unter kurdischer Verwaltung leben, doch nicht wenige haben auch gegenüber den KurdInnen Vorbehalte.

Kaum Arbeit

In Alqosch fanden nach 2014 auch Muslime und Musliminnen Unterschlupf, Konflikte zwischen den Religionsgruppen gab es bisher aber keine. In dieser uralten Stadt aus der Zeit des assyrischen Reichs mit heute 6000 EinwohnerInnen hat seit 2017 eine Christin das Amt der Bürgermeisterin inne, was wohl einmalig ist im Irak.

Gleichwohl überlegt sich Karam zu gehen. «Ausser in der Landwirtschaft gibt es kaum Arbeit. Und der Weg nach Mossul, aber auch die Strassen nach Erbil und Dohuk sind von Checkpoints blockiert, ein Pendeln zwischen Alqosch und diesen Städten ist unmöglich.»

Doch wohin soll Karam gehen? Er erzählt von Leuten, die von Mossul nach Erbil geflohen sind und jetzt in Ainkawa leben, einem Vorort von Erbil mit 40 000 ChristInnen. Auch sie würden die fehlenden Perspektiven beklagen, erzählt Karam. Sie fühlten sich benachteiligt und sähen sich als Opfer einer Regierung, die bloss fürs eigene Wohl sorge. Für Karam sind das keine Probleme, die allein ChristInnen angehen, er verweist auf die landesweiten Proteste seit dem vergangenen Oktober. «Die Menschen sind aufgebracht, vor allem die Jugendlichen.» Die Proteste wurden gewaltsam unterdrückt, Hunderte mussten bisher ihr Leben lassen, mehrere Tausend wurden verletzt.

Die geflohenen ChristInnen werden erst dann in ihre Dörfer und Städte zurückkehren, wenn sie eine intakte Infrastruktur, Arbeit und Einkünfte haben, die sie nachhaltig investieren können. Und nur wenn sie wieder in ihren Häuser leben dürfen, werden sie im Land bleiben. Ob dem so sein wird, ist unklar. Manchmal, sagt Karam, sei die Rückkehr schwieriger als die Flucht.