Samuel Schweizer in der Werkshalle in Hedingen. © zvg
Samuel Schweizer in der Werkshalle in Hedingen. © zvg

Konzernverantwortung «Die Prozesse im Griff haben»

Von Carole Scheidegger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2020.
Auch Unternehmer und Unternehmerinnen stehen hinter der Konzernverantwortungsinitiative. Einer davon ist Samuel Schweizer, der ein Industrieunternehmen im Kanton Zürich leitet. Für ihn ist es selbstverständlich, Verantwortung zu übernehmen.

Das Postauto fährt durch die grüne Landschaft des sogenannten Säuliamts. Zehn Kilometer von Zürich entfernt stehen in Hedingen die Werkshallen der Ernst Schweizer AG, eines Industriebetriebs, der vielen wegen der dort hergestellten Briefkästen bekannt ist. Der Geschäftsleitung des Familienunternehmens steht in vierter Generation Samuel Schweizer vor. Er unterstützt fast seit Anbeginn die Konzernverantwortungsinitiative. «Als Unternehmer Verantwortung für Umwelt und Menschenrechte zu übernehmen, sollte selbstverständlich sein. Ich stimme mit der Zielsetzung der Initiative überein, es ist eine vernünftige und verhältnismässige Initiative.»

Als Unternehmen mit 450 MitarbeiterInnen fällt die Ernst Schweizer AG in den Geltungsbereich der Konzernverantwortungsinitiative. Samuel Schweizer macht das aber keine Sorgen. Bereits heute will er wissen, woher die vielen Produktbestandteile kommen, die sein Unternehmen importiert, und wie sie hergestellt werden. «Die Gegner suggerieren, dass wahnsinnig komplizierte Abläufe neu dazukommen würden. Aber es ist heute schon normal, dass jedes professionell geführte Industrieunternehmen eine Lieferantenkontrolle für Schlüsselkomponenten durchführt. Wir kaufen nicht blindlings Produkte ein. Wir prüfen Qualität, Termintreue und Sicherheitsanforderungen.»

Mit der Initiative kämen zusätzliche Aspekte dazu, etwa die Arbeitssicherheit in den Fabriken und Umweltanforderungen – aber das liesse sich in ein bestehendes Lieferantenmanagement einfügen.

Nachhaltig wirtschaften

Samuel Schweizers Umfeld habe bis jetzt nie irritiert darauf reagiert, dass er sich als Unternehmer für die Konzernverantwortungsinitiative einsetzt. «Ich werde manchmal darauf angesprochen, aber bei unseren Mitarbeitenden und den Partnerunternehmen ist wohl niemand überrascht darüber.» In seinen Augen müsse ein Unternehmen in drei wesentlichen Aspekten nachhaltig arbeiten: wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Das versuche man vorzuleben.

Die Ernst Schweizer AG, die als Bauschlosserei gestartet ist und heute Fassaden, Fenster, Türen, Briefkästen und Fertigteile herstellt, ist schon seit Langem auch im Bereich Photovoltaik aktiv. Vergangenes Jahr hat sie einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Franken erwirtschaftet. «Die Initiative berücksichtig die Anliegen der Wirtschaft, stellt aber auch klar, was die Mindestanforderungen für Unternehmen sind. Wir wollen einen fairen Rahmen für alle. Langfristig profitiert niemand, wenn gewisse Unternehmen kurzfristig Gewinn auf Kosten von Menschen und Umwelt machen», sagt der 34-Jährige, der seit 2014 im Verwaltungsrat des Unternehmens ist und seit vergangenem Oktober den Vorsitz der Geschäftsleitung innehat. «Als Bürger geht es mir auch darum, wofür die Schweiz stehen soll. ‹Swiss made› bedeutet für mich nicht nur hohe Qualität, sondern auch verantwortungsvolles Wirtschaften. Als Industriebetrieb haben wir ein Interesse daran. Wenn man im Exportgeschäft als Schweizer Unternehmer primär mit Problembranchen in Verbindung gebracht wird, ist das nicht hilfreich.»

Korrektheit wird belohnt

Schweizer hat Rechtswissenschaften studiert und betont, dass der grosse Teil der Unternehmen «sauber» arbeitet. «Aber es ist wie mit allen Regeln: Für die wenigen, die sie nicht einhalten, braucht es klare Konsequenzen.» Deshalb ist es ihm wichtig, dass die Initiative einen Haftungsmechanismus vorsieht. «Ohne Durchsetzungskraft bleibt es ein Papiertiger.»

Er sieht im Gegenvorschlag, den das Parlament am Ende angenommen hat, die bürokratischere Variante: «Die ganz grossen Unternehmen müssten ja einen Bericht vorlegen, der dann geprüft würde. Der Vorteil der Initiative ist, dass sie keine solche Prüfstelle einrichtet, sondern dass auf der sicheren Seite ist, wer sich korrekt verhält. Sie setzt einen Anreiz dafür, die eigenen Prozesse im Griff zu haben.»

Schweizer wundert sich etwas darüber, dass die Verbände Economiesuisse und Swiss Holdings die Initiative so stark bekämpfen. Vielleicht liege das an weltanschaulichen Grundsätzen: Man wolle einfach keine Regulierung. «Es gibt viele Unternehmen, gerade auch in der Westschweiz, die es sehr bedauern, dass kein griffiger Gegenvorschlag erarbeitet wurde. Auch im Parlament waren die Bürgerlichen ja nicht geschlossen dagegen.»

Was verändert sich mit der Corona-Krise? «Natürlich wird man das Argument hören, dass die Wirtschaft nun sowieso schon belastet sei. Aber das halte ich nicht für sehr gescheit. Damit sagt man: Wegen Corona können wir uns Menschenrechte und Umweltschutz nicht mehr leisten. Dabei haben wir ja gerade gesehen, dass mangelnder Gesundheitsschutz und mangelnde Arbeitssicherheit der Krankheit Vorschub geleistet haben.»

Die Ernst Schweizer AG hat die Corona-Krise auch schon zu spüren bekommen, man hofft aber darauf, dass die Baubranche «mit einem blauen Auge» davonkommt. Für Schweizer bleibt es eine tägliche Herausforderung, die Auftragsbücher vollzubekommen, denn er ist sich seiner Verantwortung dafür, dass 450 Menschen dank dem Unternehmen Arbeit haben, sehr bewusst. Trotzdem findet er die Zeit, sich für die Konzernverantwortungsinitiative einzusetzen. Sie ist ihm ein Herzensanliegen: «Wir sprechen hier wirklich von Mindeststandards für fundamentale Dinge: körperliche Integrität, Leben, Umweltschutz. Dass wir uns diesbezüglich korrekt verhalten, muss doch selbstverständlich sein.»

Weitere Stimmen aus der Wirtschaft

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«Aus Sicht der Wirtschaft ergibt die Initiative Sinn. Denn wenn Konzerne rücksichtslos handeln, schadet das nicht nur den Opfern vor Ort, sondern auch dem Ansehen der Schweizer Wirtschaft.»


Alexandre Sacerdoti, ehem. Geschäftsleiter von Chocolat Villars und Mitglied des Wirtschaftskomitees für verantwortungsvolle Unternehmen.




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«KMUs wirtschaften eigenverantwortlich, während Konzerne sich durch Mutter-Tochter-Strukturen aus der Verantwortung ziehen können. Ich sage Ja zur Konzernverantwortungsinitiative, damit unsorgfältig wirtschaftende Konzerne nicht länger einen Konkurrenzvorteil gegenüber anständig wirtschaftenden kleinen Betrieben haben.»


Tabea Bossard-Jenni, Mitglied der Geschäftsleitung und Verwaltungsrätin Jenni Energietechnik AG.

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«Das Gros der Schweizer Wirtschaft handelt verantwortungsvoll – doch leider nicht alle. Für Konzerne, die im  Ausland Menschenrechte oder einen minimalen Umweltschutz missachten, braucht es verbindliche Regeln, wie sie auch international angestrebt werden.»


Peter Stämpfli ist Mitinhaber der Stämpfli-Gruppe Bern, die auch das Magazin «AMNESTY» druckt.