Menschen mit psychischen Erkrankungen werden nach wie vor häufig stigmatisiert. © Guitarfoto studio / shutterstock.com
Menschen mit psychischen Erkrankungen werden nach wie vor häufig stigmatisiert. © Guitarfoto studio / shutterstock.com

Marokko Gegen das Stigma angehen

Von Fabio Brugger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2020.
In Marokko ist die Versorgung von Menschen mit psychischen Krankheiten dürftig. Den Erkrankten wird häufig mit Unverständnis begegnet. Aber Verbesserungen sind im Gange.

Der 27-jährige Abdelkader* erscheint pünktlich zur Konsultation mit Nadia Mouchtaq. Er trägt eine blaue Jeansjacke und wird von seiner Mutter und seiner Frau zum Termin bei der Psychiaterin begleitet. Der junge Mann und die Ärztin kennen sich mittlerweile gut; Abdelkader nimmt gegenüber von Nadia Mouchtaq Platz und beginnt, von seinen Erfahrungen in der vergangenen Zeit zu erzählen. Die regelmässigen Konsultationen sind Teil eines übergreifenden psychosozialen Behandlungskonzepts, das im Centre Médico-Psycho-Social – kurz CMPS – in einem der ärmsten Quartiere von Casablanca seit einiger Zeit angewandt wird.

Das Zentrum widmet sich vor allem Menschen mit psychischen Krankheiten und ihrer sozialen Wiedereingliederung. Das ist dringend nötig in einer Zeit, in der Menschen mit solchen Erkrankungen – wie auch ihre Familien – nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer noch Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt sind. Persönliche Rechte werden weiterhin eingeschränkt und die Entscheidungsfreiheit unterbunden.

In Anwesenheit seiner Frau und seiner Mutter erzählt Abdelkader, wie es ihm in den letzten Wochen ergangen ist: Er wirkt gefasst; «dankbar» sei er. Sowohl dem Rehabilitationszentrum als auch Gott, der ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen haben soll, dass seine Erholung so erfolgreich war. Abdelkader hat sich vor zwei Jahren nach einem turbulenten Lebensabschnitt selbst in das Rehabilitationszentrum eingewiesen, wo bei ihm eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Diese äussert sich durch einen wechselnden Verlauf depressiver und manischer Stimmungsextreme, was das Führen eines normalen Lebens sehr erschwert. Das Behandlungskonzept des CMPS umfasst einerseits therapeutische Sitzungen und die Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten wie Theater spielen oder gemeinsam kochen. Andererseits steht auch der Austausch mit ebenfalls erkrankten Mitmenschen im Fokus. Nach nunmehr zwei Jahren Behandlung und medikamentöser Unterstützung gilt Abdelkader als stabil.

Zu wenig Betten und Personal

Der Bedarf an umfassenden psychiatrischen Behandlungen in Marokko ist gross; das Land im Nordwesten von Afrika weist eine sehr hohe Prävalenz von psychischen Störungen auf. Gemäss einem Bericht des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2017 sind es unglaubliche 50 Prozent aller EinwohnerInnen, die an einer klinisch relevanten psychischen Erkrankung leiden. Um die korrekte Behandlung all dieser Menschen sicherzustellen, würden aber weitaus mehr Ressourcen und Mittel benötigt, als dem Staat zur Verfügung stehen. Die Corona-Krise erschwert die Situation zusätzlich.

Das Nachrichtenportal «Morocco World News» stellte kürzlich fest, dass es im ganzen Land nur ungefähr 200 PsychiaterInnen gibt. Das entspricht 0,63 Fachkräften pro 100'000 EinwohnerInnen – sechs Mal weniger als im internationalen Durchschnitt. Dazu kommt, dass die wenigen tatsächlich bestehenden psychiatrischen Einrichtungen häufig nicht über die nötige Infrastruktur verfügen, um eine patientengerechte Behandlung zu ermöglichen. Es gibt zu wenig Betten, und das Pflegefachpersonal ist überfordert, was auch ein Bericht der WHO aus dem Jahr 2006 widerspiegelt. Damals wurden mehr als 20 Prozent aller psychiatrischen PatientInnen körperlich eingeschränkt, oder sie wurden von anderen Menschen abgeschottet.

Glaube an Geister

Eine spezielle Herausforderung liegt in den soziokulturellen Gegebenheiten des Landes. Vergangenes Jahr haben zwei marokkanische Non-Profit-Organisationen die Situation in einer Studie beschrieben: So würden drei Viertel aller Familien, in denen ein Mitglied mit einer Schizophrenie lebte, diese Krankheit nicht richtig verstehen. Ein Grossteil der betroffenen Haushalte gab an zu glauben, dass solche Störungen durch Hexerei oder Geister zustande kämen. Etwa 70 Prozent aller  Personen, die in Marokko an Schizophrenie leiden, wurden von ihren Verwandten bereits zu traditionellen HeilerInnen oder KräuterärztInnen gebracht, um der Krankheit Einhalt zu gebieten. Ein weiteres Hindernis ist der Umstand, dass psychiatrische Dienste für gewisse indigene Ethnien Marokkos unerreichbar sind. Umso wichtiger sind deshalb Einrichtungen wie das CMPS in Casablanca. Aufgrund der Corona-Krise hat das CMPS ein digitales Beratungsangebot aufgebaut mit persönlichen Konsultationen für Patienten und Patientinnen im Rückfall.

Auch Schweizer Stiftungen wie die in Genf ansässige Antenna Foundation sind in Marokko tätig und versuchen Wissen weiterzugeben. Dazu gehören zum Beispiel Interventionen wie der sogenannte Krisendialog. Dabei handelt es sich um eine verbale Interviewtechnik, die bei akut psychotischen PatientInnen angewendet werden kann. Der Krisendialog erlaubt es, die PatientInnen aus ihrer Parallelwelt zurück in die Realität zu holen, und schafft dabei eine solide Grundlage, um eine therapeutische Verbindung aufzubauen; diese ist für den weiteren Fortschritt der Therapie von grosser Wichtigkeit.

Ausserdem wird vom Staat aktuell auch eine regionale Delegation aufgebaut, die Rückmeldungen von PatientInnen erhält, ihre Gesundheit überwacht und jährliche Berichte über den Fortschritt der Reformen des psychischen Gesundheitssystems im Land vorlegt. Marokko ist also bemüht, die psychosoziale Betreuung für Menschen mit psychischen Störungen nachhaltig zu verbessern. Der Weg kann noch lang sein, doch immerhin ist die Richtung klar.