© André Gottschalk
© André Gottschalk

Carte blanche Hinschauen

Von Sarah Akanji. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2020.
Unwissen. Wahrnehmen.
Ignorieren. Konfrontation.
Wegdrehen. Weitermachen.

So lässt sich der Umgang mit der Thematik Rassismus in der Schweiz in meinen Augen am besten zusammenfassen.

Unwissen/Wahrnehmen.

Die Schweiz ist doch fair. Neutral. Fortschrittlich.
Wir hatten nie eine Rassentrennung. Wir waren nie eine Kolonialmacht.
Wenn Rassismus und Menschenrechtsverletzungen passieren, dann weit, weit weg, wo wir als Schweizer*innen einerseits nichts dafür und andererseits nichts dagegen unternehmen können.
Warum also gibt es Black-Lives-Matter-Proteste (BLM) in Zürich, Basel oder Genf?

Ignorieren/Konfrontation.

Rassismuserfahrungen und ihr Einfluss auf unser tägliches Leben werden mir und anderen BIPoC (Black, Indigenous
and People of Color) oft abgesprochen, weil es für Nicht-Betroffene unangenehm ist, sich einzugestehen, dass sie Teil eines rassistischen Systems sind.
Sich vorstellen zu müssen, unter rassistischen Mitmenschen zu leben oder gar selbst rassistisch zu handeln, reisst Nicht-Betroffene aus ihrer Komfortzone.
Weil man/frau sich nicht vorstellen will, dass Ungleichheiten direkt vor der Nase passieren.

Wegdrehen/Weitermachen.

Wir leben in einem rassistischen System, welches wir bewusst ignorieren.
Wir erkennen das System, wissen, was passiert, wollen uns aber nicht damit auseinandersetzen, dass wir dieses System aktiv füttern.
Sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden, erfordert Überwindung. Einfacher ist es, sich wegzudrehen, Ungleichheiten auszublenden und einfach weiterzumachen, weil wir nichts an der Situation ändern können.
Oder?
Doch. Veränderungen sind möglich und sie sind notwendig.
Denn nur weil wir ihn nicht sehen (wollen), heisst das nicht, dass Rassismus in der Schweiz nicht geschieht.
Ich wünsche mir, dass sich der Umgang mit Rassismus ändert, hin zu:

Unwissen. Wahrnehmen.
Zuhören. Hinschauen.
Sich sensibilisieren. Agieren.

Von der globalen BLM-Bewegung erhoffe ich mir, dass wir dieses ersterwähnte Muster durchbrechen können.
Dass wir zuhören, uns selbst  hinterfragen und das System ändern.
Denn Rassismus schmerzt die betroffenen Personen nicht nur, er verletzt die Grundrechte von Menschen.
Und wir Schweizer*innen müssen uns genauso an die Menschenrechte halten wie Menschen, die weit, weit weg wohnen und von denen wir ebendies erwarten – wir dürfen für uns keine Ausnahme machen.
Ich will daran glauben, dass die momentane Bewegung sensibilisiert.
Dass wir Schweizer*innen ein Zeichen setzen, indem wir uns als Teil der Weltbevölkerung sehen, uns wie alle anderen an die internationalen Menschenrechte halten und alle Menschen aktiv schützen wollen.

Wir können dies tun, indem wir:

Hinschauen. Zuhören.
Uns sensibilisieren. Agieren.