Mit Mode rebelliert Nedjima gegen den Fundamentalismus. © cineworx
Mit Mode rebelliert Nedjima gegen den Fundamentalismus. © cineworx

Film Textiler Schrei nach Freiheit

Von Boris Bögli. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2020.
In ihrem Langfilmdebüt «Papicha» zeigt die frankoalgerische Regisseurin Mounia Meddour die Lebensumstände algerischer Studentinnen in den Bürgerkriegsjahren der 1990er.

Ein Flüstern in der Dunkelheit. Nedjima und Wassila büxen aus ihrem Studentinnenwohnheim aus, um in der Disco zu feiern. Dort nutzt Nedjima die Gelegenheit, ihre selbst designten Kleider den jungen Frauen in der Damentoilette zu verkaufen. Es wird geschminkt, geraucht, geflirtet.

Doch auf der Taxifahrt durch die Stadt zeigt sich, dass das blitzschnelle Umziehen vom hautengen Glitzerkleid ins züchtige muslimische Gewand lebensnotwendig ist. Es ist das «dunkle Jahrzehnt » Algeriens, der islamische Fundamentalismus ist auf dem Vormarsch. Es gibt mehr Checkpoints, mehr Zäune, mehr DenunziantInnen. Im Radio wird von einem neuen Massaker berichtet. An den Mauern Algiers kleben plötzlich Plakate, auf denen Frauen unter Drohungen zu gottesfürchtiger Kleidung ermahnt werden. Nedjima, die Aufmüpfige, reisst die Plakate bedenkenlos herunter. Die träumerische Wassila meint hingegen: «Lass doch.»

Als die Gewalt brutaler wird, packt Nedjima die Wut. Aus Protest plant sie eine Modeschau in der Universität. In Anlehnung an die Revolutionärinnen im Befreiungskrieg gegen Frankreich sollen die Kleider allesamt aus dem traditionellen «Haik» geschneidert werden, einem riesigen weissen Tuch, das in allen möglichen Varianten um den Körper geschlungen werden kann. Doch das Vorhaben, das Nedjima, Wassila und ihre Freundinnen allen Widerständen zum Trotz durchziehen, ist gefährlich.

«Papicha» (das Wort bedeutet ungefähr «hübsches Szenegirl») lebt zum einen von den Darstellerinnen, angeführt von der wundervollen Lyna Khoudri, die Nedjima in ihren ausgelassensten, traurigsten, besessensten und zärtlichsten Momenten verkörpert. «Ich werde niemals jemanden um irgendetwas bitten», schleudert sie einem Bürgersohn ihr Credo entgegen. Zum anderen zieht Léo Lefèvres nahe Kameraführung in den Bann. Bildfüllend sind Gesichter, Hände, Schultern, Skizzen oder Stoffe zu sehen.

In dem von einem vielfältigen Soundtrack unterlegten Film treten überwiegend Frauen auf – nicht nur als freiheitsliebende Kämpferinnen wie Nedjima, sondern auch als Täterinnen: Eine Clique schwarz gekleideter Fundamentalistinnen sucht inquisitionsgleich vermeintliche Herde der Ungläubigkeit heim. Die Männerfiguren in Gestalt zweier Verehrer, eines Wendehalses, eines Belästigers und etlicher namenloser Gewalttäter bleiben blass.

Regisseurin Mounia Meddour ist ein Werk gelungen, das durch seine scharfen emotionalen Wendungen spannungsgeladen bleibt und dem algerischen Bürgerkrieg, der im deutschsprachigen Raum trotz rund 150 000 Toten wenig beachtet wurde, Gesichter und Geschichten verleiht. Ihren Worten zufolge basiert der Film teilweise auf ihren eigenen Erfahrungen: Sie verliess das Land mit 17, als ihre aus dem Intellektuellenmilieu stammende Familie immer heftiger bedroht wurde. Meddour erhielt für «Papicha» dieses Jahr den César für das beste Erstlingswerk. Zudem ging der Film als algerischer Beitrag ins Oscar-Rennen – obwohl die Premiere im Land selbst abgesagt wurde.