© Anna Gusella
© Anna Gusella

Aktiv trotz allem Einfach mal machen

Von Martina Powell. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2020.
Nachbarschaftshilfe ohne Händeschütteln: In Österreich geht Solidarität viral.

Ein Dienstag im März. Während in Österreich Bundeskanzler Sebastian Kurz den Lockdown verkündet und die Menschen sozial Abstand nehmen, geht eine Botschaft in den sozialen Netzwerken viral: Seien wir füreinander da! Immer mehr teilen den Hashtag #NachbarschaftsChallenge und posten Fotos von Zetteln in Treppenhäusern. Man möchte besonders alte oder immunschwache Menschen unterstützen, Besorgungen für sie erledigen oder sonstige Hilfe anbieten.

Alexander Taubenkorb ist einer von vielen in Österreich, die die Aktion sofort begeistert. Doch der 33-Jährige sieht angesichts Tausender Hilfsangebote, die spontan in Treppenhäusern auftauchen oder im Netz gepostet werden, auch ein Problem: «Wenn du in der Wohnhausanlage einen Zettel aufhängst, oder in eine Facebook-Gruppe schreibst, sehen es die Menschen im direkten Umfeld oder die, die Teil der Gruppe sind. Weitere, die auch mitmachen könnten, bekommen vielleicht davon nichts mit.» Also bastelt der IT-Experte über Nacht die Website corona-nachbarschaftshilfe.at. Dort können nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage Hilfsangebote oder -gesuche eintragen werden – vom Gassigehen übers Gulaschkochen bis zur Mathe-Nachhilfe. «Wenn es einem Menschen hilft, ist das auch schon was.» Doch Alexanders Erwartungen werden schnell übertroffen: Kaum ist die Website online, kann er im Minutentakt beobachten, wie die Menschen zusammenfinden. Bald muss Alexander so viele Einträge bearbeiten, dass er seine Arbeitskollegin um Unterstützung bittet.

Auch Rebekka Dober hat in den Tagen, als die Solidaritätswelle durch die sozialen Medien und die Strassen Österreichs schwappt, viel zu tun. Und das, obwohl in den ersten Tagen nach dem Lockdown für die Gründerin der Initiative YEP-− Stimme der Jugend alles kurz stillsteht: «Von einem Tag auf den anderen waren Unis und Schulen zu, Events abgesagt. Dabei leben wir vom direkten Austausch und von Treffen mit Jugendlichen. Ein echter Schockmoment.» Untätig herumsitzen will die 28-Jährige aber auch nicht. Von der #NachbarschaftsChallenge inspiriert, gründet sie die Facebook- Gruppe Community Instant Action. Über Nacht hat sie Hunderte, bald Tausend Mitglieder. «Es war schön zu sehen, dass so viele das, was sie können und gerne machen, anderen zur Verfügung stellen.» Und bald wird aus der spontanen Gruppe mehr: «Über den Austausch in der Community haben wir gemerkt, wie gross der Informationsbedarf in Sachen Homeschooling sowohl für Lehrpersonen als auch für Schüler und Schülerinnen ist.» Und so wird YEP gemeinsam mit Freiwilligen und zivilgesellschaftlichen Organisationen Teil der Initiative «Weiterlernen » des Bildungsministeriums – mit dem Ziel, Lehrpersonen und Lernenden mehr Informationen, Material und vor allem Unterstützung zur Verfügung zu stellen.