© André Gottschalk
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Carte blanche Erstaugust im Winter

Von Renato Kaiser. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2020.
Immer wieder höre ich von der humanitären Tradition der Schweiz, von den Genfer Konventionen und davon, dass die Vereinten Nationen für Menschenrechte ihren Sitz in der Schweiz hätten. Aber was heisst das schon?

Die Fifa hat ihren Sitz auch in der Schweiz. Deswegen sind wir noch lange nicht Weltmeister. Wenn wir schon eine so grosse humanitäre Tradition haben – warum pflegen wir sie dann nicht? Andere Traditionen pflegen wir doch auch so fleissig, egal wie absurd sie sind. Zum Beispiel die Erstaugustfeier. Ein absolutes Fantasiedatum, an dem wir jedes Jahr Feuerwerk in die Luft schiessen, als wollten wir der chinesischen Song-Dynastie die Ehre erweisen. Was ist schweizerisch an Feuerwerk? Wenn wir den Rütlischwur authentisch feiern wollten, müssten wir uns jedes Jahr auf dem Rütli treffen, ungewaschen, mit Holzschuhen und selbst genähten Lederkleidern, und ganz langweilig drei Finger in die Höhe strecken. Sähe dann einfach aus wie der traurigste Mittelaltermarkt der Welt. (Wobei: Jeder Mittelaltermarkt sieht aus wie der traurigste Mittelaltermarkt der Welt.)

Andere Traditionen pflegen wir doch auch so fleissig, egal wie absurd sie sind.

Aber das wollen wir nicht. Wir wollen unser Geld in den Himmel ballern und unsere Hunde zu Tode erschrecken. Wir zünden Frauenfürze und schiessen mit billigen Raketen vielleicht nicht wie Wilhelm Tell uns gegenseitig den Apfel vom Kopf, aber wenigstens uns selbst die Beere vom Finger. Und davon lassen wir uns nicht abbringen, weder von Brandgefahr oder von Covid-19 noch von einer benachbarten Unterkunft voll mit traumatisierten Kriegsgeflüchteten. Tradition ist Tradition.

Verschont mich also mit der «humanitären Tradition» der Schweiz und lasst uns über die Realität reden. Das Geflüchtetenlager in Moria stand in Flammen, die Schweiz überlegte zwei Tage lang und nimmt dann 20 Kinder auf. Das ist unsere humanitäre Realität. Die Schweiz rettet 20 Menschen – aber nur wenn es im Verhältnis von 20 zu 12 000 steht. Das ist unsere humanitäre Realität. Die Schweiz nimmt über 12 000 nicht auf. Auch wenn sie unter winterlicher Kälte, einer Pandemie und nächtlichen Nazi-Angriffen leiden. Das ist unsere humanitäre Realität.

Wenn wir eine humanitäre Tradition haben wollen, müssen wir sie auch pflegen. Denn wenn wir das nicht tun, hat die Schweiz keine humanitäre Tradition. Sondern höchstens eine humanitäre Vergangenheit.