Sie bringen neue Sichtweisen in die Medien: Alina Ryazanova, Konstantina Vassiliou-Enz und Rebecca Roth (v.l.). © Michael Danner
Sie bringen neue Sichtweisen in die Medien: Alina Ryazanova, Konstantina Vassiliou-Enz und Rebecca Roth (v.l.). © Michael Danner

Aktiv trotz allem Für mehr Vielfalt in den Medien

Von Klaus Ungerer. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2020.
In den Redaktionen deutscher Medien blieben migrantische Perspektiven lange aussen vor. Die Neuen deutschen Medienmacher*innen arbeiten seit Jahren daran, das zu ändern.

«Sie haben in Moskau und in Berlin gelebt. Warum wollen Sie jetzt Ihr Volontariat hier bei einem lokalen Medium machen?» Das ist eine Frage, mit der sich beim Bewerbungsgespräch Verunsicherung einstellen könnte: «Hm, ja, was mache ich hier eigentlich?»

Noch vor einem guten Jahr hätte Alina Ryazanova es nicht gewagt, sich bei deutschen Medien um ein Volontariat zu bewerben. «Ich hätte immer gedacht: Es gibt ja so viele Deutsche», sagt die 26-Jährige. Vor einem guten Jahr war sie mit ihrem Journalistik-Bachelor aus Moskau nach Deutschland gekommen und wollte hier ihren Master machen. Alina Ryazanova ist ein wacher Geist, sie hat als 16-Jährige in «Nowaja Schisn», ihrer Lokalzeitung in Moschaisk, eine Jugendseite gegründet und geleitet. Sie hat viel journalistische Erfahrung und spricht perfekt Deutsch, doch um sich hier zu bewerben, fehlte ihr das Selbstvertrauen. Zunächst. Dann nahm sie am Mentoringprogramm der Neuen deutschen Medienmacher* innen (NdM) teil.

Die Neuen deutschen Medienmacher*innen sind ein Zusammenschluss von Medienschaffenden mit und ohne Migrationsgeschichte. Der Verein wurde 2008 gegründet und ist mittlerweile eine Institution. Zunächst waren es jedoch nur ein paar Journalistinnen und Journalisten, die sich zumeist untereinander kannten und in Berlin einen Stammtisch hatten. Bei diesen Treffen gab es Unmut über all die einseitigen Geschichten in den deutschen Medien, in denen die Migrationsperspektiven praktisch nie vorkamen. Wie oft noch würde man mit Diversitätsthemen in den Redaktionen abblitzen, weil die ja ein Nischenprodukt seien? Wie oft würde man noch kopfschüttelnd die wohlfeile Klage aus den Medienhäusern hören müssen: Ja doch, gern würde man geeignete Bewerber aus Einwandererfamilien einstellen – aber die gebe es halt nicht.

Ernstgenommen werden

2008 organisierten Konstantina Vassiliou-Enz, die heutige Geschäftsführerin der NdM, und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter eine Veranstaltung, zu der 200 Journalistinnen und Journalisten aus ganz Deutschland anreisten. Alle hatten dasselbe Problem – sie wurden ausgegrenzt. Doch das Anliegen liess sich nicht mehr ignorieren. Die Freudenberg-Stiftung wollte die Initiative finanziell unterstützen, deshalb musste ein offizieller Kanal geschaffen werden. So taten sie seufzend das Deutscheste, das sich vorstellen liess, und gründeten 2009 einen Verein. Ein Jahr später starteten die Neuen deutschen Medienmacher* innen dann ihr Mentoringprogramm, das seit 2016 von Rebecca Roth koordiniert wird. Sie bringt eine Mentorin oder einen Mentor mit einem Mentee zusammen und achtet darauf, dass die Chemie zwischen den beiden stimmt. Sie sollen möglichst nah beieinander wohnen, für ein ähnliches Medium arbeiten und ähnliche Schwerpunkte in ihrer Arbeit haben. Dann gibt es ein erstes Treffen. Und wenn das gut gelaufen ist, wird man ein Tandem.

Bei Alina Ryazanova und ihrem Mentor Daniel Schulz von der Tageszeitung taz hat die Chemie gestimmt: «Er ist ein netter, offener Mensch und auch sehr professionell», erzählt Alina Ryazanova. Sie konnte ihn immer fragen, und er fand Zeit, nahm sie als Kollegin ernst und half ihr.

Ausgeblendet

Der Verein der Neuen deutschen Medienmacher* innen wuchs rasant – zunächst hatte er nur einen Schreibtisch in einer befreundeten Agentur, heute verfügt er über eigene Räume und hat um die 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt eine Kartei von Expertinnen und Experten namens «Vielfaltfinder», die für mehr Diversität in deutschen Redaktionen gesorgt hat. Zahlreiche Institutionen unterstützen die Initiative mittlerweile. Grosse Wirkung hatte auch das «NdM-Glossar», ein jährlich aktualisiertes Kompendium, das problematische und diskriminierende Begriffe auflistet und Alternativen vorschlägt.

Einiges hat sich in den vergangenen Jahren zum Besseren verändert. «Dennoch», sagt Konstantina Vassiliou-Enz, «Deutschland ist seit so vielen Jahren Einwanderungsland, es muss noch viel mehr geschehen. Immer noch werden viele Perspektiven oder Lebenswelten gar nicht gesehen und kommen darum auch nie in den Medien vor. » Vassiliou-Enz wird häufig von Redaktionen zu Blatt- und Sendekritiken eingeladen und stellt immer wieder fest, dass viele gar nicht merken, dass sie nur für eine bestimmte Zielgruppe stehen und berichten. Inzwischen hat der Verein ungefähr 220 Mentees unterstützt, darunter sehr viele Frauen und viele ExiljournalistInnen. «Das Empowerment, die Kontakte, auch der Mentees untereinander, sind ein ganz wichtiger Teil des Mentoringprogramms, viel wichtiger, als wir zuerst dachten», sagt Konstantina Vassiliou-Enz. Dass sie wertvolle Ressourcen anzubieten haben, mussten fast alle Mentees erst lernen. Wie will man in Deutschland im Jahr 2020 Journalismus machen, wenn man nur Deutsch und Englisch kann? «Viele Geschichten», sagt Rebecca Roth, «sind ja nicht nur auf Deutschland bezogen. Wenn eine Redaktion niemanden hat, der auf Arabisch recherchieren kann, dann sieht sie alt aus.»

Hürden überwinden

Vor einem guten Jahr noch hatte Alina Ryazanova nicht gedacht, dass sie eine Chance auf ein Volontariat haben würde, die Hürden schienen unüberwindbar. Dann kam sie in das Mentoringprogramm, traf viele spannende Personen mit allen möglichen kulturellen Hintergründen – und war selbst eine davon. Sie habe dort viele Freundinnen gefunden, erzählt die Journalistin. Sie halfen sich gegenseitig, machten sich Mut, simulierten Bewerbungsgespräche.

«Sie haben in Moskau und in Berlin gelebt. Warum wollen Sie jetzt Ihr Volontariat hier bei einem lokalen Medium machen?» Als diese Frage bei einem Bewerbungsgespräch kam, hatte Alina Ryazanova eine Antwort parat.