© Anna Gusella
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Aktiv trotz allem Zur Selbsthilfe befähigen

Von Uta von Schrenk. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2020.
Das Multiplikatorinnen-Netzwerk für geflüchtete Frauen in Bayern hat das Beste aus den schwierigen Corona-Lockdown-Bedingungen gemacht.

Anfang April 2020, in Bayern herrschte Lockdown. Acht Hilfsorganisationen, alle in der Betreuung von Geflüchteten tätig, setzten sich zusammen und berieten. An ihre Schützlinge kamen sie nicht mehr heran, der Zugang zu den Unterkünften war pandemiebedingt versperrt. Was nun? «Wir haben ein Soforthilfe-Netzwerk gebildet», berichtet Michelle Kerndl-Özcan, Referentin für Gender Based Violence und psychische Gesundheit bei der NGO Ärzte der Welt. «Es ging uns darum, mit den Geflüchteten in Kontakt zu bleiben, Informationen aus den Unterkünften zu bekommen, aber auch hineintragen zu können.» Die rettende Idee: Warum nicht Frauen aus den Unterkünften selbst in das Hilfsprojekt einbinden? So entstand das Multiplikatorinnen-Netzwerk für geflüchtete Frauen.

Die Organisation übernahmen der Paritätische Wohlfahrtsverband in Oberbayern, die Innere Mission München und Ärzte der Welt. Das Netzwerk steuerte Namen möglicher Multiplikatorinnen aus den Unterkünften bei. «Unsere einzigen Bedingungen waren, dass die Frauen Englisch sprechen, ein Smartphone besitzen und zuverlässig mitarbeiten wollen», sagt Kerndl-Özcan.

Ende April waren sechs Frauen am Start. Sie kommen aus Nigeria, Uganda und Afghanistan und leben in verschiedenen Unterkünften in Bayern. Die Freiwilligen wurden mit einem Gigabyte an Datenvolumen pro Monat ausgestattet; das WLAN in den meisten Unterkünften ist zu schlecht, um online arbeiten zu können. Seither tauschen sie sich wöchentlich mit Kerndl-Özcan und ihren beiden Kolleginnen aus, zumeist online.

Wie geht es den Frauen in den Unterkünften? Welche aktuellen Informationen zur Pandemie gibt es? Welche Probleme bestehen vor Ort? Welche Organisationen oder Anlaufstellen können helfen? «Während wir am Anfang über Corona-Massnahmen, Homeschooling und Gerüchte zur Pandemie aufgeklärt haben, stehen mittlerweile Fragen zu Schule, Ausbildung und Deutschkursen, aber auch zu Ernährung, Verhütung oder Gewalt gegen Frauen im Mittelpunkt», sagt Kerndl-Özcan. «Wir arbeiten bedarfsorientiert.»

Im Anschluss an jede Sitzung fassen Kerndl-Özcan und ihre Kolleginnen alle Informationen in einem Newsletter zusammen. Dieser geht an zahlreiche Organisationen in München, die mit Geflüchteten arbeiten, und an die Multiplikatorinnen selbst. Sie geben die Informationen an die ihnen bekannten Frauen in den Unterkünften weiter.

Der Informationsfluss funktioniert. Immer wieder bekommt das Team Rückmeldungen, wonach die Multiplikatorinnen Frauen an Hilfsadressen vermitteln konnten. «Wir unterstützen nur», betont Kerndl-Özcan, «wir wollen die Frauen ja befähigen, selbst bei den Organisationen anzurufen. » So hat Multiplikatorin Faith geholfen, einer Geflüchteten Zugang zur Krankenversicherung zu verschaffen. Und Multiplikatorin Lilian hat dafür gesorgt, dass drei Frauen, die traumatischen Situationen ausgesetzt waren, psychologische Hilfe erhielten. «Es tut mir gut, helfen zu können», sagt Lilian. «Mir wurde schliesslich auch mehrmals geholfen.»