© phwmhu / shutterstock.com
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Der Lachs, der Wald, der Tod

Von Boris Bögli. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2021.
Halb Krimi, halb historisch-ethnologische Abhandlung: In seinem preisgekrönten Roman «Taqawan» thematisiert Éric Plamondon die Situation des kanadischen Mi’gmaq-Volks.

Der Geruchssinn des Lachses ist tausendmal feiner als jener des Hundes. In südfranzösischen Höhlen gibt es 25'000 Jahre alte Abbildungen von Lachsen. Ein Lachs, der zum ersten Mal aus dem Meer in seinen Heimatfluss zurückkehrt, heisst in der Mi’gmaq-Sprache «Taqawan».

Derlei erfährt man im gleichnamigen Roman des kanadischen Autors Éric Plamondon. Die Lachsfischerei bildet die Lebensgrundlage des Mi’gmaq-Volkes, das im Südosten Kanadas auf der Gaspésie-Halbinsel lebt. Ein gewaltsamer Konflikt zwischen Fischer*innen und Polizei über die Fangrechte, der sich tatsächlich 1981 zugetragen hat, bildet die Ausgangslage des Romans.

Die Hauptfiguren sind Océane, ein 15-jähriges rebellisches Mi’gmaq-Mädchen, das in den «Lachskrieg» hineingezogen wird, der Ex-Ranger Yves Leclerc, der seinen Job aus Frust über das rassistische Vorgehen seiner Kollegen aufgibt und tief im Wald lebt, der einsiedlerische und geheimnisvolle Mi’gmaq William sowie die französische Berufsschul-Lehrerin Caroline Seguette, die unbelastet an ethnische und politische Konflikte herangeht. Gewalt, Ausbeutung, Diskriminierung, aber auch Naturerlebnisse und eine Liebesbeziehung treiben die Geschichte voran, in der auch mal eine Leiche im Wald vergraben und schliesslich ein kriminelles Netzwerk aufgedeckt wird.

In kurzen Kapiteln schiebt Plamondon immer wieder historische Abrisse der kanadischen Kolonisation, linguistische Betrachtungen oder Geschichten und Legenden der Mi’gmaq dazwischen. Mal erfährt man, wie die Biber ihre heutige Grösse erlangten, mal erzählt der Autor von der Geschicklichkeit der Mi’gmaq-Kinder auf ihrer nächtlichen Gänsejagd.

Wichtig ist Plamondon, das Machtgefälle aufzuzeigen zwischen Behörden, Gesellschaft und Medien einerseits und den indigenen «First Nations» andererseits. Warum entzieht die Regierung den Mi’gmaq die Fangrechte, vergibt aber grosszügig Lizenzen an reiche Amerikaner*innen aus New York oder Boston, die dann mit ihren Zwanzigpfündern prahlen? Warum erinnern sich fast alle Kanadier*innen an Céline Dions ersten TV-Auftritt im Juni 1981, aber kaum jemand an den gleichzeitig stattfindenden «Lachskrieg», der in Wirklichkeit ein Machtkampf zwischen Zentralregierung und separatistischen Québecois auf dem Buckel der Mi’gmaq war?

Plamondon nimmt im Roman klar Stellung zugunsten der Mi’gmaq, ihrer Rechte und ihrer Würde. Manchmal etwas zu klar. Weniger Exkurse und eine feinere Charakterisierung der Protagonist* innen hätten das Hineintauchen in die Geschichte, die erst in der zweiten Hälfte Fahrt aufnimmt, erleichtert. Trotzdem bleibt «Taqawan» ein spannendes, sprachlich präzises und interessantes Buch, das viel über ein oft vernachlässigtes Volk erzählt und einen anderen Blick auf das Reisetraumziel Kanada wirft.