Oleg Kozlovsky, Russland- Researcher zu Meinungs- und Versammlungsfreiheit, und Cecilia Oluwafisayo Aransiola, Researcherin in Nigeria.
Oleg Kozlovsky, Russland- Researcher zu Meinungs- und Versammlungsfreiheit, und Cecilia Oluwafisayo Aransiola, Researcherin in Nigeria.

60 Jahre Amnesty International: In Aktion für die Menschen und ihre Rechte «Das Risiko gehört zum Beruf»

Interviews: Émilie Mathys und Olalla Pineiro Trigo. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2021.
Unabhängige Untersuchungen machen einen wichtigen Teil der Arbeit von Amnesty International aus. Wir stellen zwei Menschen vor, die vor Ort über Menschenrechtsverletzungen recherchieren.
AMNESTY: Was heisst es, als Researcher für Amnesty International zu arbeiten?

Oleg Kozlovsky: Es bedeutet, stundenlang zu recherchieren, ein Netzwerk aufzubauen mit Menschen, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden könnten oder es bereits sind. Und natürlich heisst es, Berichte zu schreiben, die in der Regel mindestens drei Mal von Amnesty-Abteilungen gegengecheckt werden. Häufig bin ich vor Ort, entweder in Russland oder in den angrenzenden Ländern, zum Beispiel, um über Demonstrationen zu berichten.

Reden die Menschen offen mit Ihnen?

Im Allgemeinen sind sie gerne bereit, mit Menschenrechtsorganisationen zu sprechen, aber manchmal müssen wir ihre Erwartungen herunterschrauben. Die Leute denken oft, dass wir ihnen zum Beispiel einen Anwalt zur Seite stellen oder bei Anträgen und Stellungnahmen an das Gericht helfen. Wir erklären dann, dass unser Job anders aussieht: Wir recherchieren und dokumentieren Menschenrechtsverletzungen. In der Regel leisten wir keine direkte Hilfe.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?

Wir alle möchten, dass Gewissensgefangene freigelassen, Menschenrechtsverletzungen strafrechtlich verfolgt und ungerechte Gesetze abgeschafft werden. Mir gefällt es, alle Details zu einem konkreten Fall zu kennen, mit eigenen Augen zu sehen, was vor sich geht. Mit meiner Kamera, die mich immer begleitet, sammle ich Informationen vor Ort.

Was bewirkt die Veröffentlichung eines Berichts?

Manchmal ist es schwierig, eine konkrete Wirkung zu sehen, vor allem in Ländern, in denen die Menschenrechte nicht respektiert werden. Die Behörden leugnen, unseren Forderungen nachgegeben zu haben, und behaupten etwa im Fall von freigelassenen Gefangenen, dass sie diese sowieso entlassen hätten. Es ist oft bittersüss, wenn ein politischer Gefangener dank unserer Arbeit freigelassen wird, die Behörden aber niemals zugeben würden, dass er unschuldig ist. Für Menschen, die vor Gericht stehen, ist es wichtig zu wissen, dass sie nicht allein sind.

Haben Sie manchmal Angst? F Der Risikofaktor gehört tatsächlich zu meinem Job, und ja, manchmal habe ich Angst. Wer in Russland für die Menschenrechte arbeitet, läuft Gefahr, entführt, gefoltert oder geschlagen zu werden. Mir ist das 2018 auf meiner ersten Reise mit Amnesty passiert: Als ich über die Proteste in Inguschetien im Nordkaukasus berichtete, wurde ich entführt und misshandelt. Warum weiss ich bis heute nicht. Im Vergleich zu anderen russischen Aktivist*innen habe ich aber einen Vorteil: Wer für Amnesty arbeitet, ist Teil einer globalen Bewegung. Die Behörden respektieren unsere Organisation.

Was hat sich in den 15 Jahren Ihrer Arbeit für die Menschenrechte verändert?

Als ich vor 15 Jahren an Protesten teilnahm, wurde ich regelmässig verhaftet. Das Schlimmste, was passieren konnte, waren ein paar Tage oder Wochen Haft. Heute landen Aktivist*innen selbst wegen friedlicher Proteste für Jahre hinter Gittern, verlieren ihren Job oder werden gefoltert. Viele müssen das Land verlassen. Die Situation hat sich eindeutig verschlechtert. Bürokratie und Gesetze machen auch den NGOs das Leben schwer. Aber die russische Zivilgesellschaft hat sich weiterentwickelt: Vor 20 Jahren haben meine Freund*innen nicht geglaubt, dass ich mich ehrenamtlich engagiere. Sie dachten, ich würde bezahlt oder wolle für das Parlament arbeiten. Heute sind viele von ihnen selbst aktiv! Je mehr wir erreichen, desto klarer wird, dass wir die Menschenrechte brauchen.  


«Frauen zu ihrem Recht verhelfen»

AMNESTY: Cecilia, Sie sind Spezialistin für geschlechtsspezifische Gewalt und Frauenrechte in Nigeria. Warum interessieren Sie sich für diese Thematik?

Cecilia Oluwafisayo Aransiola: Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die Rechte der Frauen respektiert werden, und wurde gleich behandelt wie mein Bruder. Erst später wurde mir klar, dass das für viele Mädchen anders ist. Zwar gibt es in Nigeria mehrere Gesetze, die Geschlechterdiskriminierung und -ungleichheit verbieten, aber die Realität sieht anders aus, zum Beispiel beim Zugang zu Bildung: In ärmeren Gemeinden werden in der Regel die Jungen zur Schule geschickt. Mädchen leiden zudem unter patriarchalischen Traditionen wie Genitalverstümmelung und Zwangsheirat. Ebenfalls ein weitverbreitetes soziales Problem ist die sexuelle Gewalt in der Schule, am Arbeitsplatz oder bei Übergriffen durch bewaffnete Gruppen. Mädchen werden häufig von der bewaffneten Gruppe Boko Haram entführt. Gesetze reichen nicht, die Regierung muss Massnahmen ergreifen, damit die Diskriminierung wirklich aufhört. Mit meiner Recherchearbeit möchte ich Veränderungen herbeiführen und dazu beitragen, dass den Frauen Gerechtigkeit widerfährt.

Für Ihre Arbeit brauchen Sie starke Nerven…

In der Tat ist es ein emotionsgeladener Job. In gewissen Situationen kann man die Gefühle nicht ausschalten, insbesondere wenn es um Vergewaltigungsopfer geht. Die Frauen, die mir ihre Geschichte erzählen, sind traumatisiert. Ich erinnere mich an den Fall eines fünfjährigen Mädchens, der mich sehr betroffen gemacht hat. Manchmal fühle ich mich machtlos. Ich frage mich, wie ich mehr für diese Frauen tun kann, als nur über sie zu berichten. Aber ich muss akzeptieren, dass das nicht in meiner Verantwortung liegt. Ich verweise sie an Organisationen, deren Mitarbeitende in diesen Fragen geschult sind und sie in ihrem Verarbeitungsprozess begleiten und unterstützen. Das beruhigt mein Gewissen und gibt mir eine Art von innerem Frieden. Für das eigene Gleichgewicht ist es zentral, sich abzugrenzen und loszulassen. An den Wochenenden versuche ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen. Auch Malen entspannt mich sehr.

Wie verhalten Sie sich gegenüber Opfern von Gewalt?

Am Anfang sind sie oft misstrauisch. Sie wissen nicht, wer ich bin, welche Verbindungen ich zur Regierung habe. Nicht immer verstehen sie, warum gerade sie meine Aufmerksamkeit verdienen, warum ihr Fall etwas bewegen soll. Daher ist es wichtig zu erklären, wie Amnesty International arbeitet und wofür sich die Organisation einsetzt. Ich informiere die Frauen über ihre Rechte, dass ihre Aussage anonym ist und dass sie das Gespräch jederzeit abbrechen können. Ausserdem muss ich dafür sorgen, dass sie sich wohl fühlen. Ich muss geduldig sein, zuhören können, die Frauen in ihrem eigenen Tempo reden lassen, ohne sie unter Druck zu setzen. Es bedeutet auch, vorurteilsfrei und einfühlsam zu sein. So kann ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

Warum ist Ihre Arbeit so wichtig?

Unrecht gegenüber einem Menschen ist ein Unrecht gegenüber allen. Ich sehe mich als eine Art Wachhund und will dafür sorgen, dass niemand zurückgelassen wird. Es ist wichtig, vor Ort zu sein und die verschiedenen sozialen Ungerechtigkeiten zu dokumentieren, denn das vermittelt Hoffnung. Hoffnung, dass wir die Dinge verändern können und dass es eine Wiedergutmachung für die Opfer von Gewalt und Diskriminierung gibt.