Amanuel Tesfay und seine Familie mussten Hals über Kopf aus Äthiopien fliehen. © Andy Spyra
Amanuel Tesfay und seine Familie mussten Hals über Kopf aus Äthiopien fliehen. © Andy Spyra

Äthiopien «Raus. Weg hier!»

Von Patrick Witte (Text) und Andy Spyra (Bilder). Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2021.
Äthiopiens Krieg gegen die abtrünnige Region Tigray zwang Zehntausende Menschen zur Flucht in den Sudan. Es droht eine Hungersnot. Ein Besuch vor Ort.

Im sudanesischen Hamdajet braucht Amanuel Tesfay seit Monaten die Hilfe Gottes, um in den Tag zu kommen. Er betet für die Kraft, von dem schmalen Bett aufzustehen. Und er betet für ein funktionierendes Telefonnetz, um die Stimmen seiner Ehefrau und seiner drei Kinder zu hören. Tesfay versucht zu verstehen, wie aus ihm, dem 35-jährigen Familienvater und Sesamhändler mit bescheidenem Wohlstand aus Tigray, ein Flüchtling im abgelegenen sudanesischen Grenzdorf Hamdajet werden konnte. Der auf Essensrationen von Hilfsorganisationen angewiesen ist. Der in der Nacht vielleicht dreissig Minuten am Stück schlafen kann, bevor die Albträume ihn wecken.

Tesfay stammt aus Humera, einer Stadt im Norden Äthiopiens. Das Land am Horn von Afrika ist eine Regionalmacht und mit 110 Millionen Einwohner* innen eines der bevölkerungsreichsten Länder des Kontinents. Es ist in einen Bürgerkrieg geraten, der zu einer humanitären Katastrophe zu eskalieren droht mit möglichen Folgen auch für Europa.

Anfang November 2020 hatte sich ein Machtkampf zwischen Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed und der Führung der Region Tigray zugespitzt. Die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) war jahrzehntelang herrschende Kraft im Land gewesen, bis sie 2018 durch Abiy politisch kaltgestellt wurde und sich samt ihrem militärischen Flügel in ihre Region zurückzog. Als TPLF-Truppen im vergangenen Herbst einen Stützpunkt der nationalen Armee überfielen, befahl Abiy eine Militäroperation zur Wiederherstellung von «Recht und Ordnung». Ende November erklärte er die Operation für siegreich beendet und versicherte, keine einzige Zivilperson sei dabei ums Leben gekommen.

In Wahrheit dauern die Kämpfe an. Und es häufen sich Berichte über Gräueltaten aller Konfliktparteien: Massaker, Vergewaltigungen, Luftangriffe auf Städte, Plünderungen von Krankenhäusern. Hilfsorganisationen warnen vor einer Hungersnot. Ausländische Beobachter* innen werfen der Regierung in Addis Abeba vor, humanitäre Hilfe gezielt zu drosseln. Die Uno, die Afrikanische Union (AU) und die EU stehen ratlos vor einem Land, das bislang zu den politischen Zugpferden Afrikas gehörte.

Für ausländische Medienschaffende ist Tigray seit Beginn der Angriffe abgeriegelt. Berichte von vor Ort sind nur auf zwei Wegen zu bekommen: durch die wenigen in der humanitären Hilfe Tätigen und durch die über 60'000 Flüchtlinge, die es bislang in den Sudan geschafft haben.

Am 9. November 2020, so erzählt Tesfay, habe er sich vormittags in Humera, einer Stadt mit 20'000 Einwohner*innen, am Kaffeestand mit einer Verkäuferin unterhalten. Plötzlich scharfes Rauschen. Geschosse schlagen ein, Explosionen, schwarzer Rauch vor blauem Himmel. «Manche bleiben ruhig im Sturm. Denken nach, packen ein paar Sachen. Ziehen los. Doch ich blieb nicht so cool.» Er rennt einige Hundert Meter im Granathagel bis zu seinem Haus und schreit seiner Frau zu: «Raus. Weg hier!» Mit nichts als der Kleidung am Leib und umgerechnet 200 Franken ergreifen sie die Flucht: ausser ihm und seiner Frau die drei Kinder und sein jüngerer Bruder Kibroum.

Ethnische Spannungen

Sie seien mehrere Tage unterwegs gewesen, sagt Tesfay, obwohl der Grenzfluss Tekeze nur wenige Stunden Fussmarsch entfernt ist. Immer wieder verstecken sie sich im Gebüsch. Tesfay berichtet von durstigen Kindern und erschöpften Schwangeren, die wie sie Richtung Sudan wollten. Während der Flucht fällt ihm auf: Die Geschosse auf seine Stadt kommen aus den Hügeln im Norden. Im Norden, direkt hinter Humera, verläuft die Grenze. Die Granaten werden offenbar vom Territorium Eritreas aus abgefeuert.

Tesfays Erzählungen sind im Detail nicht verifizierbar, aber sie decken sich mit den Berichten anderer Flüchtlinge. Inzwischen gehen westliche Diplomat*innen wie auch Menschenrechtsorganisationen davon aus, dass Abiy im Kampf gegen die TPLF von Beginn an militärisch von Eritrea und dessen Diktator Isayas Afewerki unterstützt worden ist.

Die Sicht des tigrayischen Händlers auf die guten Jahre seines Landes teilen nicht alle Äthiopier*innen. Für viele Angehörige anderer Ethnien in dem Vielvölkerstaat, vor allem der zahlenmässig grösseren Amharen und Oromo, war die TPLF nicht nur Segen, sondern auch Fluch. Die TPLF besetzte fast alle Schaltstellen in Politik, Militär und Wirtschaft mit eigenen Leuten. Widerspruch wurde nicht geduldet, die Partei agierte immer autoritärer. Ende der 1990er-Jahre verstrickte sie das Land zudem in einen Grenzkrieg mit Eritrea.

Beides – die Dominanz der TPLF wie die Feindschaft mit Eritrea – endete mit der Wahl von Abiy Ahmed zum Premierminister im April 2018. Abiy, Angehöriger der Volksgruppe der Oromo, entliess politische Gefangene, stellte Pressefreiheit her, vermittelte in Konflikten anderer Nachbarländer. Und er schloss unter internationalem Beifall samt Nobelpreis Frieden mit Eritreas Alleinherrscher Afewerki. Doch Abiy Ahmeds Aufstieg zum vermeintlichen Superstar war nur die eine Seite.

Von der neuen Meinungsfreiheit profitierten in Äthiopien ausser demokratischen Kräften auch Nationalist*innen der verschiedenen Ethnien. Spannungen zwischen den Volksgruppen hat es immer wieder gegeben, viele der über 80 Ethnien in Äthiopien streben nach mehr Autonomie. Abiys Ziel einer stärkeren Zentralregierung löste zum Teil gewaltsame Proteste in verschiedenen Regionen aus.

Hunger und Angst

«Meine Kinder hatten Hunger und Angst, sie weinten ständig», sagt Tesfay über die erste Zeit in Hamdajet. «Das Essen war schlecht, wie fast alle anderen bekamen wir Durchfall.» Dann ein Anruf. Ein Nachbar in Humera hat es in das eigentlich gesperrte Handynetz geschafft. Soldaten, berichtet er, wollten Haus und Hof der Familie plündern. Tesfays Bruder Kibroum will sofort zurück. Tesfay kann ihn nicht halten. Der 21-jährige Kibroum schafft es über die Grenze nach Humera und erwischt einen Moment, in dem das Handynetz funktioniert. Er erzählt von Ausgangssperren und Soldaten. Aber auch, dass das Haus unversehrt sei und er sich dort sicher fühle. Dass er Essen habe.

In Hamdajet aber hat sich die Lage zu diesem Zeitpunkt verschlimmert: Hitze, Sturm, Sand. Schliesslich denkt auch Tesfays Frau an Rückkehr. Einer Mutter mit drei Kindern werde man schon nichts tun. Tesfay schickt seine Familie nach Hause, bleibt selbst zurück. «Wie sehr ich diese Entscheidung bereue.»

Ende November berichten neu angekommene Flüchtlinge von Gräueltaten in Tigray. Auch in Humera. Die Fano, eine mit der äthiopischen Armee verbündete Miliz der Amhara, mache Jagd auf junge Tigray im wehrfähigen Alter. Tesfay fleht seinen Bruder an, zurück nach Hamdajet zu kommen. Kibroum zögert, schliesslich willigt er auf Druck von Tesfay ein. Kurz vor der Grenze tötet ihn die Fano. «Er war der beste Mensch, den ich kannte», sagt Tesfay. Dass seine Familie ihn habe begraben können, tröste ihn. Aber es könne die Schuld nicht von ihm nehmen.

Ja, sagt Tesfay, die Sudanes*innen seien hilfsbereit, hätten ihm schliesslich ein leer stehendes Haus hier unten im Dorf überlassen. Kostenlos. Dort wohnt er nun, zusammen mit sechs anderen Tigray, wartet auf neue Flüchtlinge, die Informationen mitbringen. Aber es kommen immer weniger über die Grenze, die inzwischen auf äthiopischer Seite gut bewacht wird. Seine Frau schlage sich im Heimatdorf Humera jenseits der Grenze durch, sagt Tesfay. Trotz allem. Die Banken funktionierten nicht, es gebe keine Möglichkeit, an Geld zu kommen. Krankenhäuser seien geplündert worden, Medikamente Mangelware, Geräte zerstört. Ab sechs Uhr abends gelte eine Ausgangssperre, jede Nacht höre seine Frau Gewehrsalven. Inzwischen sind nach Schätzungen der Uno über die Hälfte der sieben Millionen Tigray auf Hilfe angewiesen. Die Kämpfe begannen zur Erntezeit, Erträge gingen verloren, kaum jemand konnte seither die Felder bestellen. Eritreische und äthiopische Truppen sowie Fano- Milizen sollen Ackerland und Getreidespeicher vernichtet haben.

Verbrechen an Zivilpersonen

Um humanitäre Hilfe zu leisten, wäre eine Waffenruhe nötig. Tesfay würde sofort nach Humera zurückkehren, wenn die Lage sicherer wäre. Gleichzeitig will er wie die meisten anderen Flüchtlinge in Hamdajet, dass die TPLF den Kampf aus den Bergen heraus weiterführt. Amnesty International beschuldigte eritreische Truppen eines Massakers an mehreren Hundert Zivilpersonen, begangen Anfang November in der tigrayischen Stadt Aksum. Ähnliche Verbrechen wurden inzwischen in Mai Kadra und Humera dokumentiert. Als mutmassliche Täter*innen werden sowohl tigrayische als auch amharische Milizen genannt. Die USA und die EU haben ein Ende der Gewalt und den Abzug eritreischer Einheiten aus Äthiopien gefordert. In Brüssel fürchtet man eine neue Flüchtlingsbewegung Richtung Europa. Premierminister Abiy Ahmed hält daran fest, dass die Kämpfe vorbei sind. Glaubt man den Flüchtlingen aus Tigray, hat ihr Krieg gerade erst begonnen.

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