Dieser Boden müsste eigentlich unter Wasser stehen: Die Aculeo-Lagune in Paine, Chile, am 9. Januar 2019. © Reuters/Rodrigo Garrido
Dieser Boden müsste eigentlich unter Wasser stehen: Die Aculeo-Lagune in Paine, Chile, am 9. Januar 2019. © Reuters/Rodrigo Garrido

Chile Bis zum letzten Tropfen

Von Olalla Pineiro Trigo. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2021.
Chile ist eines der wenigen Länder, die ihr Wasser privatisiert haben. So entstand ein System, von dem Konzerne auf Kosten der Umwelt und der Bevölkerung profitieren.

Ausgetrocknetes Land und Flüsse, in denen das Schwimmen verboten ist. Tausende Hektaren Avocado-Plantagen, die die Berge bedecken, so weit das Auge reicht. So sieht es rund um die Dörfer La Ligua, Cabildo und Petorca in Zentralchile, 150 Kilometer nördlich von Valparaíso, aus. Die Gegend ist stark von der Dürre betroffen, die das Land in den letzten zehn Jahren heimgesucht hat. Insgesamt hätten in Chile etwa 40'000 Menschen nicht ausreichend Wasser, schätzt Modatima, eine lokale Bewegung zum Schutz von Wasser, Land und Umwelt.

«Die Bauern können ihre Tiere nicht mehr füttern. Und gleichzeitig müssen wir zusehen, wie die Avocado-Plantagen ständig bewässert werden.» Carolina Vilches, Bewohnerin von Petorca und Modatima- Aktivistin

In den Dörfern versorgen Tankwagen die Bevölkerung jede Woche mit Wasser, es gibt etwa 50 Liter pro Kopf. Dies ist eine Mindestmenge gemäss den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO, wobei diese davon ausgeht, dass eigentlich mindestens 100 Liter notwendig wären, um die hygienischen Grundbedürfnisse zu decken. Zum Vergleich: In der Schweiz beträgt der Pro-Kopf-Verbrauch rund 160 Liter am Tag. In der Gegend um La Ligua, Cabildo und Petorca, die hauptsächlich von der Landwirtschaft lebt, ist es unmöglich, mit 50 Litern die Felder zu bewässern oder das Vieh zu versorgen. «Es ist ungerecht. Viele von uns haben nicht mehr genug Trinkwasser, und wir müssen uns manchmal mit unseren Nachbarn arrangieren, um überhaupt duschen zu können. Die Bauern können ihre Tiere nicht mehr füttern», klagt Carolina Vilches, eine Bewohnerin von Petorca und Modatima- Aktivistin. «Und gleichzeitig müssen wir zusehen, wie die Avocado-Plantagen ständig bewässert werden.»Die exotische Frucht, die in Europa und den Vereinigten Staaten so beliebt ist, verbraucht die letzten Wasser-Ressourcen des Landes: Für die Produktion von einem Kilogramm Avocados werden fast 2000 Liter Wasser benötigt, für ein Kilogramm Tomaten reichen 180 Liter. In Chile, dem fünftgrössten Avocado-Exporteur der Welt, hat der Anbau dieser Kulturpflanze rasant zugenommen: Heute verfügt das Land über 16'000 Hektaren mit Avocadobäumen, eine Steigerung um 800 Prozent in 30 Jahren.

Das neue blaue Gold

«Die Auswirkungen der Klimakrise werden durch die Verfassung noch verschärft, in der Wasser als Ware betrachtet wird.» Matías Asun, Leiter von Greenpeace Chile

Der Zugang zu Wasser ist daher ein zentrales politisches Thema in Chile, das im Juli mit der Arbeit an einer Verfassungsreform begonnen hat. Während die Klimakrise die Dürre verschlimmert, kritisieren viele Umweltschützer*innen auch die schlechte Bewirtschaftung dieser lebenswichtigen Ressource. «Der Wassermangel ist ein globales und komplexes Problem. Chile ist mit seinen Bergen, Flüssen und mit mehr als 80 Prozent der Gletscher Lateinamerikas eigentlich reich an Wasser. Aber es erlebt die schlimmste Dürre seit mehr als 700 Jahren mit zunehmend knapperen Niederschlägen und steigenden Temperaturen. Die Auswirkungen der Klimakrise werden durch die Verfassung noch verschärft, in der Wasser als Ware betrachtet wird», erklärt Matías Asun, Leiter von Greenpeace Chile.

Chile ist eines der wenigen Länder der Welt, die ihr Wasser komplett privatisiert haben. Das neoliberale System, das unter der Pinochet-Diktatur in den 1980er-Jahren aufgebaut wurde, hat zu einer Verfassung geführt, die es Personen erlaubt, «Rechte über Wasser» zu erwerben; sie macht also Wasser zum «Eigentum» von Einzelnen. Das Wasser-Gesetz von 1981 anerkennt Wasser zwar als «nationales öffentliches Gut» und legt einen rechtlichen Rahmen fest, der die genauen Kriterien für seinen Erwerb aufzählt. Das Gesetz beschränkt die Eingriffsmöglichkeiten der Behörden, was die Bewirtschaftung des Wassers betrifft. Sie können den Rechtseigentümer*innen jedoch das Recht erteilen, das Wasser kostenlos zu nutzen, ohne dass die Art der Verwendung weiter kontrolliert wird. Wasser unterliegt also den Gesetzen des Marktes: Es kann wie ein Produkt frei erworben, übertragen und genutzt werden.

Grosse Finanzgruppen haben diesen Mechanismus ausgenutzt, um das neue blaue Gold zu monopolisieren. Gemäss Rodrigo Mundaca, Umweltaktivist und derzeitiger Gouverneur der Provinz Valparaíso, sind mehr als 90 Prozent des chilenischen Wassers in den Händen der Industrie, des Bergbaus sowie der Landund Forstwirtschaft. Die Folge: Die Wasserpreise in Chile gehören nach Angaben der Aquae Foundation zu den höchsten in Südamerika.

Immer tiefer graben

«Mit diesem System, das keine soziale Kontrolle erlaubt, ist Chile dem Raubbau an seinen Ressourcen komplett ausgeliefert. Unser nationales Entwicklungsmodell betreibt Kamikaze», sagt Greenpeace-Leiter Matías Asun. «Die Wirtschaft des Landes hängt weitgehend vom Export von Mineralien und Früchten ab. Es ist ein Teufelskreis, denn unsere gesamte Produktion, ob Avocado, Lithium oder Kobalt, benötigt viel Wasser. Wir befinden uns in einer Bananenrepublik – statt Bananen sind es einfach Avocados.» Die Aktivistin Carolina Vilches stimmt zu: «Wir müssen der Monokultur ein Ende setzen. Chile kann nicht nur vom Export abhängig sein, es braucht eine diversifizierte, lokale Landwirtschaft.» Derzeit sind nur zwei Prozent des Wassers des Landes für den häuslichen Verbrauch vorgesehen.

Derzeit sind nur zwei Prozent des Wassers des Landes für den häuslichen Verbrauch vorgesehen.

Der Industriesektor gräbt immer tiefer, um die letzten Ressourcen zu erschliessen. Auch die Eigentumsrechte am Grundwasser sind in weniger als sechs Jahren um 60 Prozent angestiegen. «Wasser folgt einem natürlichen Kreislauf, der die Möglichkeit haben muss, sich zu regenerieren. Die Gleichsetzung dieser Ressource mit einem unbegrenzten Gut ist völlig realitätsfern. Aktuelle Studien zeigen, wie sehr das Grundwasser ausgebeutet wird», klagt Matías Asun. Die Situation wird durch illegale Wasserentnahme noch verschlimmert. In einer Feldforschung hat das Nationale Institut für Menschenrechte festgestellt, dass in der Region Petorca mehrere Brunnen illegal gegraben wurden. Das Institut kommt zu dem Schluss, dass die Wasserknappheit nicht nur durch die Dürre verursacht wird, sondern auch durch «die Aktivitäten der in der Region ansässigen Unternehmen».

Die Folgen sind verheerend: Die kleinbäuerliche Landwirtschaft geht zurück, die Bevölkerung wandert ab, und mehr als 100'000 Tiere sind verendet.

In der Region Petorca werden trotz der Dürre Avocados angepflanzt. © Roberto Roa/Greenpeace

Ein politischer Kampf

Der chilenische Zweig von Greenpeace hat die politische Kampagne «Suelta el Agua» («Gebt das Wasser frei») gestartet, die in den letzten Monaten im Mittelpunkt der Wahlen für die verfassungsgebende Versammlung stand. Der Staat soll gezwungen werden, die Wassernutzung zum Wohle der Bevölkerung zu priorisieren. «Wir wollen, dass der Zugang zu Wasser als Menschenrecht angesehen wird und dass es auf eine Weise genutzt wird, die unsere Ökosysteme respektiert», erklärt Greenpeace-Leiter Matías Asun. «Während der Klimakrise mit Wasser als Ware zu spekulieren, geht gegen die soziale Gerechtigkeit.» Laut einer Studie der NGO sind 92 Prozent der chilenischen Bevölkerung der Meinung, dass der Umgang mit der Ressource Wasser weit oben auf die politische Agenda gehöre.

Die Forderung nach der Rückeroberung des Wasserzugangs wird sich wahrscheinlich durchsetzen, da sich von den 155 Abgeordneten 81 verpflichtet haben, dem Thema Priorität einzuräumen. Zu ihnen gehört Carolina Vilches. «Diese Privatisierung muss gestoppt werden, Wasser ist ein natürliches Gut», sagt sie. «Deshalb ist es notwendig, öffentliche Investitionen zu tätigen, damit die gesamte Bevölkerung davon profitieren kann.» In Petorca kämpft der Verein Modatima mit dem Projekt «Minga del agua» bereits täglich für die Wasserrechte der Dorfgemeinschaften. In Zusammenarbeit mit der APR, einer lokalen Wassergenossenschaft, und der Gemeinde Petorca hat der Verein den Bau von sicheren und schadstofffreien Wasserquellen ermöglicht.

Carolina Vilches glaubt an Veränderung. «Die soziale Gerechtigkeit wird sich durchsetzen. Es gibt ein Erbe zu bewahren. Die Zivilgesellschaft hat sich in die politische Arena begeben. Unsere Generation weigert sich, ihr Land verschwinden zu sehen.»

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