Chefreporterin Meera Devi bei der Arbeit. © Black Ticket Film
Chefreporterin Meera Devi bei der Arbeit. © Black Ticket Film

Indien Das Indien der Frauen und Ausgegrenzten

Von Olalla Pineiro Trigo. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2021.
Die 2002 gegründete Publikation «Khabar Lahariya» ist die einzige indische Zeitung mit einer rein weiblichen Belegschaft, die aus den Minderheiten der Dalits (Kaste der Unberührbaren) und Musliminnen besteht. Interview mit Kavita Bundelkhandi, einer der Mitgründerinnen, und Meera Devi, Reporterin vor Ort.
AMNESTY: Was sind die Ziele Ihrer Zeitung?

Kavita: Wir wollten eine unabhängige, regionale Zeitung schaffen, die aus den abgelegenen Gebieten von Uttar Pradesh und Madhya Pradesh berichtet. Die News aus dem ländlichen Indien beschränkten sich zuvor auf Morde und vermischte Meldungen. Unsere Zeitung hat eine politische Dimension, berichtet über die Korruption unter Staatsangestellten und über die von lokalen Chefs begangenen Morde. Das andere Ziel besteht darin, eine feministische Perspektive in ein ländliches Medium einzubringen. Unser Team ist aus dreissig Frauen zusammengesetzt, darunter Dalits, Stammesangehörige und Musliminnen. Als der Bezirksmagistrat von uns hörte, meinte er, wir seien ideal für sein Programm zur Förderung der Frauen in der Cornichons-Produktion... Um genau solche Geschlechterstereotype herauszufordern und um gegen männliche Bastionen zu kämpfen, haben wir «Khabar Lahariya» gegründet

Wie bringen die Dalit-Frauen eine andere Sichtweise ein?

Kavita: Im indischen Journalismus gehört die Mehrheit der Reporter den oberen Kasten an, weshalb nur wenig über die Unberührbaren berichtet wird. Unsere Journalistinnen hingegen kennen die Diskriminierungen, die die marginalisierten Gemeinschaften betreffen: Es geht um den Zugang zu Wasser und Strom, um Landbesitz oder kastenbasierte Gewalt. Wir haben vor Kurzem eine Reihe von Reportagen veröffentlicht über die Tatsache, dass die kaputten Handpumpen in den Dalit-Gemeinschaften repariert werden müssten; den Dalits ist es nicht erlaubt, Wasser bei den funktionierenden Pumpstellen zu holen, die sich in den von der oberen Kaste dominierten Gebieten befinden. Ein Thema, das von den Mainstream-Medien ignoriert wird.

Wie rekrutieren Sie Ihr Team angesichts der Tatsache, dass keine 30 Prozent der Dalits lesen und schreiben können?

Kavita: Unsere Journalistinnen durchlaufen ein Auswahlverfahren, werden ausgebildet und absolvieren ein Praktikum. Anfangs war es sehr schwierig, gebildete Frauen ins Boot zu holen, weil die meisten Menschen und die Behörden in den Dörfern nicht davon ausgehen, dass Frauen Journalistinnen sein können. Auf der anderen Seite haben gerade die schlecht ausgebildeten Frauen oft ein erstaunlich gutes Verständnis für den lokalen Kontext und die Nachrichten in der Region. Wir haben sie darin geschult, politische, soziale und wirtschaftliche Themen zu behandeln und gleichzeitig ein Verständnis für feministisches Denken zu entwickeln. Heute konfrontieren unsere Reporterinnen Lokalpolitiker mit ihren Fragen, das hat ihr Selbstbewusstsein massiv gestärkt. Sie haben auch gesehen, wie sich ihr Beruf auf ihr persönliches Leben auswirkt, zum Beispiel indem sie mit ihrem Gehalt ihre Familien unterstützen oder sicherstellen können, dass ihre Kinder die Ausbildung abschliessen.

Kavita Bundelkhandi – die erste Dalit-Frau, die ein Medienunternehmen mitgegründet hat. © Black Ticket Film (beide

In Indien werden die Medien noch immer von Männern dominiert. Was bedeutet das?

Meera: Sexismus allenthalben. Ich werde von männlichen Kollegen diskriminiert, besonders wenn ich über ein politisches Ereignis berichte. Wenn Medienschaffende zusammenkommen, stehen immer die Männer im Zentrum und versuchen, mich herumzukommandieren. Es gibt auch Demütigungen. Wenn ich zum Beispiel Interviews mit Männern in Machtpositionen führen will, weigern diese sich häufig, meine Fragen zu beantworten

Kavita: Das Problem liegt auch in den Medieninhalten. Artikeln von männlichen Journalisten fehlt es oft an Tiefe, weil sie dazu neigen, nur mit Politikern oder einflussreichen Männern zu sprechen. Die Perspektive von Frauen findet sich daher extrem selten in Artikeln. Unsere Journalistinnen hingegen versuchen, die Meinungsvielfalt abzudecken: Wir sprechen mit Menschen aller Geschlechter, aller Altersgruppen, aller sozialen Schichten, von Dorfvorstehern bis zu jüngeren Menschen.

Wurden Sie jemals im Rahmen Ihrer Arbeit bedroht?

Meera: Mobbing ist alltäglich. Ich habe einmal eine Geschichte über eine Frau geschrieben, die eine Klage gegen ihren Schwager eingereicht hatte. Als ich ihn aufsuchen wollte, kamen sofort einige Männer und versperrten mir den Weg. Sie beschimpften mich und drohten, die Polizei zu rufen. Sie nahmen meine Kamera, löschten mein gesamtes Filmmaterial und zerstörten meinen Presseausweis. Es gelang mir zu entkommen und zur Polizei zu gehen, die mir davon abriet, Anzeige zu erstatten. Viele meiner Kolleginnen haben erlebt, dass ihre Familien eingeschüchtert wurden. Es wurde sogar schon an unseren Fahrzeugen herumgepfuscht. Ich habe manchmal Angst um meine Familie und mein Leben.

Welche Wirkung hat «Khabar Lahariya»?

Meera: Eine der grössten Wirkungen ist das Empowerment. Wir sind eine unglaubliche Gruppe von Freundinnen, die sich gegenseitig in Freud und Leid unterstützen. Als wir online gingen, haben einige Kolleginnen zum ersten Mal ein Smartphone gesehen! Unsere Berichterstattung hat auch zu konkreten Veränderungen geführt. Zum Beispiel zur Sensibilisierung von Regierungsbeamten über die Nichtdurchführung geplanter Programme in abgelegenen Dörfern, was zu Untersuchungen führte. Indem wir die Geschichte einer Überlebenden von Gewalt oder eines Opfers eines Mitgiftmordes erzählen, zeigen wir, wie wichtig unabhängige feministische Medien sind. Kavita: Wir werden oft als mächtiger lokaler Wachhund gesehen, als Instrument zur Durchsetzung ethischen Handelns auf lokaler Ebene. Unsere Texte, Videos und Audios zeigen die Kluft zwischen den Versprechungen der Behörden zur Entwicklung und Stärkung des ländlichen Raums und der Realität vor Ort. Unser Journalismus verfolgt auch die täglichen Geschichten der einfachen Menschen in Bereichen, die der Aufmerksamkeit der Medien ansonsten völlig entgehen. Wir dokumentieren ein Indien des 21. Jahrhunderts, das man sonst nicht sehen würde.

Das Interview wurde mit Hilfe einer Dolmetscherin von Hindi auf Englisch geführt.

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